Kings Of HipHop: Skepta // Feature

Skepta.

Skepta ist ein Kind der Londoner Ends, von Hochhäusern, der Straße und Piratenradios. Genauso ist er aber mit US-Rap aufgewachsen und verbindet bis heute beide Genres miteinander. Als Star wurde er in den Mainstream gehievt und stürzte in Zweifel ab, kehrte der Musikindustrie den Rücken. Heute arbeitet er mit Größen auf beiden Seiten des Atlantiks und zieht seine Do-it-yourself-Philosophie als bodenständiger Botschafter von Grime international durch.

Alle rasten aus. Nur den, um den es geht, sieht man erst gar nicht. Euphorisch springt seine Entourage auf, tränkt den Moment in sprühenden Champagner, als sein Name von der Bühne aus genannt wird: Skepta. 2016 ist es soweit. Der MC bekommt für sein Album »Konnichiwa« die wichtige britische Musikauszeichnung Mercury Prize überreicht. Es ist der Moment, in dem nicht nur Skepta anerkannt wird, sondern auch das Genre. In Person des MCs bekommt Grime damit 13 Jahre, nachdem Dizzee Rascal als erster Grime-MC den Preis bekam, wieder die öffentliche Anerkennung, die ihm auch in Großbritannien lange verwehrt wurde. Dass Grime seitdem nicht nur in England gefeiert wird, sondern ebenfalls in Deutschland und Nordamerika, ist auch Skeptas Verdienst.

Als der heute 36-Jährige 2014 mit seinem Tune »That’s Not Me« endgültig einen Aufmerksamkeitsschub für Grime lostritt, wird auch Drake aufmerksam. In dem Stück »Used To« mit Lil Wayne borgt er sich eine Line aus Skeptas Text, gibt ihm Credits und lässt seine Follower auf Instagram daran teilhaben, wie er Clashes von Skepta diggt. Die Bromance geht schließlich soweit, dass Drake sich das Logo von Boy Better Know, der Crew von Skepta, tätowieren lässt und Skepta im Gegenzug jetzt die Eule von Drakes Label OVO auf der Haut trägt. Neben Drake gibt auch Kanye West Skepta und Grime Props, als bei seinem Auftritt bei den BRIT-Awards 2015 eine ganze Crew an MCs aus Großbritannien auf der Bühne steht, die Skepta zusammengetrommelt hat, darunter die UK-Rap-Aushängeschilder Krept & Konan sowie die junge Grime-Generation personifiziert in Stormzy und Novelist. Dass die Rap-Größen Drizzy und Yeezy Grime beziehungsweise Skepta zu größerer Aufmerksamkeit verholfen haben, bedeutet aber nicht, dass sie ihn auf eine neue Stufe gehoben haben. So betont Skepta immer wieder in Interviews, in denen die Sprache auf die beiden kommt, dass er den Stars aus Nordamerika nicht als Underdog begegnet. Er begegnet ihnen auf Augenhöhe, die nichts mit Musik-Sales oder internationaler Aufmerksamkeit zu tun hat, sondern mit Kreativität. Skeptas Slogan »greatness only« ist in diesem Sinn vielleicht eher als Erinnerung an die eigenen Fähigkeiten, als Mantra zur Eigenmotivation zu verstehen, als nur als obligatorischer Ego-Boost im Rap-Game.

So oder so ist der MC aus London einer der einflussreichsten Künstler aus Großbritannien, der über Grime und letzten Endes auch Rap hinaus wirkt – und zwar ohne Major-Label im Rücken. Er arbeitet international mit Stars aus den USA wie A$AP Rocky oder aus Nigeria wie Wizkid, bleibt dabei eng verbunden mit der Szene, die sein Zuhause ist und spittet mit Grime-Größen wie D Double E, Wiley und kürzlich Dizzee Rascal. Er hat Modelabels gegründet, Schuhe für eine Sportswear-Marke entworfen. Sein Sinn für Fashion wird von Magazinen gelobt, Supermodel Naomi Campbell ließ sich im vergangenen Jahr zusammen mit ihm in Unterwäsche seines Modelabels »Main« fotografieren. All das spricht dafür, Skepta heute als Star zu bezeichnen. Er prägt dabei nicht nur musikalische oder modische Styles, auch steht er für eine konsequente Haltung: DIY bis zum Ende. Skepta selbst hat in einem Interview für das Magazin Timeout London mal gesagt, er sei kein Rapper, sondern Aktivist. Dass man all das 2018 über Skepta schreiben kann, hätte man vor ein paar Jahren eher nicht gedacht.

»It’s Skepta, the African hotty«

Skepta wird 1982 als Joseph Junior Adenuga in London geboren und wächst im nördlichen Stadtteil Tottenham auf. Dort, im Meridian Walk Estate, einem Wohnblock, lebt er bis Anfang der Nullerjahre mit seinen Eltern, die aus Nigeria vor dem Bürgerkrieg geflohen sind, und mit seinen Geschwistern Jamie (der später als JME auch als Grime-MC bekannt wird), Julie (die heute eine einflussreiche Radiomoderatorin ist) und Jason (der Beats baut). In der Schule ist er aufgrund seiner afrikanischen Herkunft ein Außenseiter. Im London der Neunziger sei es als eine Art Fehler oder Mangel gesehen worden – auch unter schwarzen Menschen, schreibt Skepta in einem Text für das Magazin Another Man im vergangenen Jahr. Als er später auf der Suche nach seiner Persönlichkeit als MC ist, bemerkt er, dass er immer wieder über seine afrikanische Herkunft spittet, und macht das zu einem seiner Leitmotive, wie er weiter in seinem Text schreibt: »Wenn es ums Musikmachen ging, landete irgendwann ganz oben auf meiner Agenda, zu zeigen, dass ich nigerianisch und stolz bin. Nach einer Weile habe ich mitbekommen, wie auch andere ihren Stolz auf ihre afrikanische Geschichte ausgedrückt haben, wie sie öffentlich Pidgin-Englisch sprechen oder Afrobeats hören. Das hat mich verdammt glücklich gemacht.« In dem Tune »Reign« rappt er 2016: »Every two weeks my hair gets knotty/Might see me in a barbers in Totty/It’s Skepta, the African hotty«. Auf seinem Debütalbum »Greatest Hits« von 2007 sampelt er das Highlife-Stück »Sweet Mother« des kamerunisch-nigerianischen Musikers Prince Nico Mbarga, baut es mit geshuffelten 4/4-Kicks in einen tanzbaren Track um, auf dem er seiner Mutter bedingungslose Liebe versichert und ihr verspricht, sich als Erstgeborener immer um seine Geschwister zu kümmern.

Familie spielt für Skepta eine wichtige Rolle. Mit seinen Geschwistern teilte er sich früher nicht nur das Zimmer oder gründete zusammen mit seinem Bruder JME die Grime-Crew Boy Better Know, bis heute arbeiten die Geschwister zusammen und teilen das gleiche Mindset. In dem Buch »This Is Grime«, einer Oral History über das Genre, beschreibt JME, wie er einmal seinen Vater sah, wie dieser vier Stücke Holz nach Hause brachte und daraus einen Tisch baute, der von da an zehn Jahre lang in der Wohnung stand – das habe ihn geprägt.

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