2014
Haftbefehl – Russisch Roulette
(Urban/ Universal)

Ausgehend von seinem denkwürdigen Debüt »Azzlack Stereotyp« und noch weiter beflügelt von seiner 2012er Straßenhymne »Chabos wissen, wer der Babo ist« entwickelte sich Haftbefehl Anfang des Jahrzehnts schnell zum Fixpunkt deutscher Straßenrap-Kunst. Was dem Offenbacher aber – fast forward – auch Ende 2014 noch fehlte, war das »große« Album. Nach dem Untergrundklassiker und der prompten Unterschrift beim Major konnten die etwas halbgar gekochten Nachfolger »Kanackis« und »Blockplatin« die zu Recht hohen Erwartungen noch nicht erfüllen. Der vierte Streich, »Russisch Roulette«, sollte sich ganz anders anfühlen. Diesen Anspruch formulierte Baba Haft gleich in der ersten Videoauskopplung »Ihr Hurensöhne/Saudi Arabi Rich«: »Jetzt wird’s ḥarām, Dadash, gib ihnen den Klassiker.« Ziemlich genau fünf Jahre später darf man festhalten: Ja, er gab uns den Klassiker. Auf »Russisch Roulette« wurde nichts dem Zufall überlassen. Als ausführender Produzent sorgte mit Bazzazian – formerly known as Benny Blanco – ein langjähriger Wegbegleiter dafür, dass die Gratwanderung entlang der Referenzen an NYC (wie einst auf dem Remix-Tape »The Notorious H.A.F.T.« vorweggenommen), Pariser Banlieues (anno 2014) und damals überraschend auch Atlanta (»Anna Kournikova«) jederzeit gelang. Als Gegenstück zur Musik entwickelten Regisseur Chehad Abdallah und seine Produktionsfirma Easy Does It einen auf größtmöglichen Krawall und im Deutschrap zuvor ungesehen dichtes Niveau gebürsteten visuellen Kosmos. Auf Rap-Features verzichtete der Offenbacher – mit Ausnahme von Kaaris, auf dessen Ästhetik sich nicht nur einmal bezogen wird. Platz genug zum Scheinen und perfekte Voraussetzungen für einen Haftbefehl in Hochform. Wahnwitzige Sprachbilder und skrupelloser Humor bleiben auch auf »Russisch Roulette« das Markenzeichen. Auffällig ist aber das weiterentwickelte und kondensierte Storytelling, vor allem von den drei »1999«-Interludes getragen, die Aykut Anhans Genese zum hessischen O.G. erklären. Während Haftbefehl zuvor stets nur kurze Episoden geschrieben hatte, ist »Russisch Roulette« ein abendfüllender Film. Eines Tages hoffentlich auf der großen Leinwand – dann kongenial inszeniert von Martin Scorsese (»Goodfellas«), Guy Ritchie (»Bube, Dame, König, Gras«) und Mathieu Kassovitz (»La Haine«). Bis dahin reichen auch das Soundsystem des gemieteten Sportwagens und die nächtliche Großstadtkulisse, um das nach wie vor beste deutsche Straßenrapalbum zu erleben.
Text: Jonathan Nixdorff
2014
YG – My Krazie Life
(Def Jam)

»Mustard on the beat, hoe!« – ohne den visionären DJ Mustard im Produzentensessel wäre »My Krazy Life« nicht der große Wurf geworden, der 2014 Kaliforniens Eintritt in die musikalische Moderne markierte. Dass Mustards Produktionen seither in der Zeit stehengeblieben sind und heutzutage beinahe schon lieblos wirken, war vor fünf Jahren noch nicht abzusehen. Zeitsprung in das Jahr, in dem die überraschendste und spannendste Producer-MC-Symbiose selbst das Zweiergespann aus Freddie Gibbs und Madlib überstrahlen konnte. Vor »My Krazy Life« hätte man YG glatt für ein One-Hit-Wonder gehalten; nur der Typ von »Toot It And Boot It«. Bei Def Jam sah man aber das Potenzial, und so wurde YGs Major-Debüt zu einem modernen Klassiker voller Ohrwürmer, Gangbanger-Geschichten und wegweisender Produktionen. Mustards Produktionen stehen in der Tradition klassischer Westcoast-Produktionen, klingen aber modern, locker und swaggy. Oft braucht Mustard nicht mehr als eine bouncende 808-Kick, ein paar Claps und eine eingängige Bassline, um den markanten Cali-Vibe auf den Punkt zu bringen und dabei tanzbarer zu sein, als seine Vorbilder es je waren. Neben Mustards Signature-Bass werden darüber hinaus einzelne Elemente so gezielt und treffsicher eingesetzt, dass der minimalistische Kern selbst dann erhalten bleibt, wenn klassische G-Funk-Synth-Lines auf Hey!-Chants, westküstige Pianotasten und eigentlich recht generische Glocken prallen, dass es ein technisches Ding der Unmöglichkeit sein sollte, nicht überladen zu klingen – Mustard schafft es dennoch. Und YG nutzt es. Sein Gespür für Melodien und Flows kommt auf Mustards (zu diesem Zeitpunkt noch) einzigartigen Produktionen besser zur Geltung als jeder AAA-Beatbastler es hätte ermöglichen können. Trotz der ausgelassenen Atmosphäre lässt der ranghohe Blood es sich allerdings nicht nehmen, über haufenweise Gangster-Ekelhaftigkeiten zu berichten. Gewalt und Drogen spielen im Gangleben eben eine mindestens so große Rolle wie es Frauen, lies: »Bitches«, tun, die Young Gangsta nicht gerade fair behandelt. Dafür entschädigt er den Hörer mit einer illustren Gästeliste, die beinahe schon etwas zu umfangreich geraten ist. Bei so einem Album will eben jeder mitmischen – denn dass »My Krazy Life« ganz großes Tennis wird, war spätestens nach dem Überhit »My N***a« jedem klar.
Text: Skinny

