Braucht es noch Rap-Journalismus? Staiger hat sich umgehört // Feature

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V. l. n. r.: Aria Nejati, Daniel Schieferdecker, Fler, Marina Buzunashvilli

Die Lage ist offensichtlich. Alle sagen das. Rap-Künstlerinnen und Künstler brauchen die Medien nicht mehr, um sich ihren Anhängern zu präsentieren, sie können selbst zu ihren Fans sprechen. Über Instagram und Twitter. Über Whatsapp-Gruppen und YouTube. Direkt und ganz unmittelbar. Ohne Interpretation von außen und mit genau den Botschaften, die sie verbreiten wollen. Die Medien sind tot. Sie werden nicht mehr gebraucht. Aus. Vorbei.

Dass alle Gesprächspartner mit denen ich gesprochen habe, diese Aussage allerdings verneint und immer wieder betont haben, dass die Medien nach wie vor wichtig sind, verwundert in diesem Zusammenhang vielleicht. Nicht zuletzt auch deshalb, weil man in der letzten Zeit fast den Eindruck bekommen konnte, dass sich neben der Irrelevanz auch eine gewisse Feindseligkeit eingeschlichen hat. Auf der einen Seite eine willfährige Truppe an Wohlfühljournalisten, die man gut und gerne auch als verlängerte Promo-Agentur der Künstlerinnen und Künstler bezeichnen kann, und auf der anderen Seite Leute, die ein gewisses Maß an Kritik im Game aufrecht erhalten wollten und deshalb als Nestbeschmutzer wahrgenommen wurden. Diese beschweren sich dann wiederum über die übermäßige Empfindlichkeit der Rapzunft, während sich die als Kuschelreporter verhöhnten Kolleginnen und Kollegen in ihrem Arbeitsethos gekränkt sehen und auf ihre beachtlichen Klickzahlen verweisen, die ja dann doch auch für eine gewisse Relevanz sprechen. Im Endeffekt fühlen sich alle irgendwie falsch verstanden und nicht richtig gesehen. Doch woher kommt das? 

Ich versuche, in diesem Artikel den Ursachen auf den Grund zu gehen und habe deshalb vier Personen aus der deutschen HipHop-Landschaft befragt. Zum einen sprach ich mit Marina Buzunashvilli, Head of PR bei Sony Music, die viele Jahre lang als Promoterin gearbeitet hat und insofern auch immer so etwas wie ein Bindeglied zwischen Künstlern und Presse war. Zum anderen habe ich mich mit Aria Nejati von hiphop.de getroffen und ihn nach seiner Motivation gefragt, in dieser Arena tätig zu sein, und nach dem, was ihn antreibt. Ich sprach mit Daniel Schieferdecker, der viele Jahre als Chefredakteur für JUICE tätig war, und dann sprach ich noch mit Fler. Naja. Fler halt. Und wie das so ist bei Missverständnissen, so haben alle Parteien ihre Ansichten und berechtigten Gründe. Irgendwie hat jeder auch ein bisschen recht und alles ist irgendwie nachvollziehbar. Trotzdem habe ich versucht, die Dinge in eine gewisse Ordnung zu bringen.

Das Feuilleton legt ein Auge auf Rap

Vielleicht sind wir nämlich auch alle Opfer des Erfolgs geworden, unter dem der deutsche Rap seit ein paar Jahren zu leiden hat und der uns in den Fokus der Öffentlichkeit katapultiere. Früher waren wir als HipHop-Gemeinde nämlich noch unter uns, und keiner hat sich für uns interessiert. Dieser Umstand hat sich seit einiger Zeit massiv verändert.

So sieht es zumindest Marina, die darauf verweist, dass sich Rap-Künstlerinnen und Künstler in zunehmendem Maße von der Presse angegriffen gefühlt haben, seit auch die Außenwelt über uns berichtet: »Früher hat die Mainstream-Presse sehr selten über uns geschrieben und wenn dann gab es nur Bushido und Sido. Aber als immer mehr dazu kam, wurde das schwieriger, weil sich die Künstler immer weniger verstanden gefühlt haben. Ich glaube aber, dass die HipHop-Presse ein Opfer dessen geworden ist, als die Mainstream-Presse, das Feuilleton, anfing sich mit uns zu beschäftigen. Auf der einen Seite fand ich es gut, dass die uns als Genre wahrgenommen haben und viele davon haben tolle Arbeit geleistet, wenn sie sich szeneinterne Menschen in die Redaktionen holten. Trotzdem wurden in dieser Welt Fehler gemacht, indem oft nur negative Themen aufgegriffen wurden.«

In diesem Zusammenhang hätten sich dann so manche Künstler wohl gewünscht, dass sich ihre »eigene« Presse auf die Hinterbeine stellt, um die Szene zu verteidigen, oder wie Fler es ausdrückt: »Die HipHop-Medien hätten die Verantwortung gehabt, der großen Masse, das Genre zu erklären. Das haben sie nicht genutzt, und deshalb sind sie auch gescheitert. Sie hätten den Leuten da draußen erklären müssen, wie man die Berührungsängste gegenüber uns ablegt. Sobald ein Genre-Magazin wie die JUICE diese Berührungsängste aber selbst hat, ist es gescheitert. Wenn die Berichterstattung eines solchen Magazins genauso banal ist, wie wenn das jemand von außen betrachtet, dann ist es ja nicht vom Fach und dann ist es absurd. Da hätte ich mir mehr Rückhalt und mehr Empathie für die Probleme der Rapper in diesem Land gewünscht. Die ganzen Themen wie ›der Rapper ist ein Nazi, der Rapper ist ein Antisemit, der ist ein arabischer Verbrecher …‹ hätten sie erklären müssen.« Stattdessen aber hagelte es nach der Meinung vieler Akteure auch aus den eigenen Reihen viel zu viel unangebrachte Kritik, was offensichtlich dazu führte, dass die Dialoge immer schwieriger wurden.

Urteile statt Fragen

Hier sieht Marina auch eine Ursache für das Zerwürfnis zwischen manchen Künstlern und gewissen Medien, und hier hätte sie sich auch mehr Fragen statt klarer Schuldsprüche erhofft: »Ich hätte mir öfter gewünscht, dass die Presse eher Thesen aufstellt, bei denen man noch die Möglichkeit zum Dialog hat und presseseitig nicht so schnell ein Urteil gesprochen worden wäre. Ich weiß nicht, ob das möglich ist, ich bin keine Journalistin. Aber hätte man das gemacht, dann wären vielleicht auch Dialoge zustande gekommen.«

Zu wenig Beweglichkeit also. Zu wenig Flexibilität. Aria sieht ebenfalls eine gewisse Starrheit auf Seiten einiger Pressevertreterinnen, die sich seiner Meinung nach schwer tun damit, wenn neue Künstlerinnen und Künstler auftauchen und die alten Themen plötzlich vollkommen neu interpretieren: »Die neuen Rapper funktionieren nicht nach den alten Regeln. Das sind die Ghettokids, die in den Favelas aufgewachsen sind und richtig krass Fußball spielen können. Jungs, die die verrücktesten Tricks machen und dann zu Real Madrid kommen und dort alle ausdribbeln. Und dann kommt der ›Kicker‹ und sagt: ›Ja, hör mal, die Zehn, der Neunzehnjährige da, der muss aber auch mal mit nach hinten arbeiten, das geht ja so nicht.‹ Aber vielleicht definiert dieser Neunzehnjährige gerade die Rolle der Zehn neu und ist dabei, den Sport zu verändern. Genauso verändert ein Capital momentan Deutschrap. Manche Medienakteure haben das nicht verstanden. Ich treffe selten Kollegen, die sich der Entwicklung hingeben können und sich damit wohlfühlen. Die meisten müssen das irgendwie mitspielen, weil diese Künstler aktuell die prägendsten des Landes sind, aber alleine das Wort ›muss‹ ist hier fehl am Platz. Wenn du das, was du machst, nicht liebst, dann lass es.«

Dagegen stellt Daniel allerdings klar, dass von fehlendem Respekt gegenüber Neuem eigentlich keine Rede sein kann, dass da aber auf der Gegenseite eine überzogene Anspruchshaltung und vor allem eine gewisse Überempfindlichkeit gegenüber Kritik existiert.

Die Rapperseele – ein empfindsames Wesen

So erklärt Daniel auf die Frage ob es sich bei dieser Art der Empfindsamkeiten um ein deutsches Phänomen handelt: »Ich weiß nicht, ob diese Kritikunfähigkeit ein deutsches Problem ist. Mein Eindruck ist allerdings: Es ist ein HipHop-Ding. Ich habe nicht den Eindruck, dass ›Musikexpress‹ oder ›Metall Hammer‹ das Problem in dieser Intensität haben. Rapper-Egos sind schon etwas Besonderes. Die sind wahnsinnig sensibel.«

»Meiner Meinung nach, haben es die Künstler in den letzten Jahren auch verlernt, mit Kritik umzugehen« – Daniel

Dabei ist es auf der anderen Seite aber auch so, dass ein harter Journalismus durchaus unterhaltsam sein kann und das Publikum eine klare Position gerne feiert. Eigentlich möge das jeder, wie Daniel weiter ausführt: »Wenn du frech bist oder hart mit den Leuten ins Gericht gehst – die Leute, die das lesen, finden das gut, und bei denen, die es nicht betrifft, kommt es ja auch gut an. Nur diejenigen, auf die du schießt, die sind dann immer wahnsinnig beleidigt. Meiner Meinung nach haben es die Künstler in den letzten Jahren durch diesen Wohlfühljournalismus aber auch verlernt, mit Kritik umzugehen.«

Überraschenderweise sieht das Marina ganz ähnlich. Auch sie stellt fest, dass durch die Entwicklung in der Presselandschaft plus dem Einfluss der sozialen Medien ein Stück Kritikfähigkeit abhanden gekommen ist: »Ich würde schon sagen, dass die Künstlerinnen und Künstler empfindlicher geworden sind über die Jahre. Wenn ich mich selbst bei Instagram vor eine Kamera setze, dann erzähle ich die Geschichte, wie ich sie will, und gebe nur das von mir preis, was ich preisgeben will. Wenn ich dann einer dritten Partei die Möglichkeit gebe, mitzumischen, dann ist das unter Umständen nicht das, was ich eigentlich sagen wollte. Vielleicht schneiden die das anders, vielleicht montieren die das im Nachhinein auch so, wie ich es nicht gemeint habe. Da ist man auf jeden Fall empfindlicher geworden.«

Generell ist also zu verzeichnen, dass das Misstrauen gegenüber der Presse, auch gegenüber der eigenen HipHop-Presse, gestiegen ist. Zunehmend wurden und werden die Redaktionen als Ansammlung elitärer Nerds verstanden.

Die HipHop-Presse – ein elitärer Zirkel

Fler zum Beispiel, der immer sehr sensibel darauf reagiert, wenn er sich von oben herab behandelt fühlt, erklärt es sich damit, dass die intellektuellen Eierköpfe einfach ihre Wurzeln verraten haben: »Kritisch sein ist doch sehr sehr gut. Aber sie dachten, sie vertreten das Establishment gegen die Straße. Sie wollten sich dem Establishment anbiedern und zeigen, dass der HipHop gar nicht so assi ist, wie das Establishment denkt. Das haben sie aber in einer sehr herablassenden Art gemacht. Es wäre halt viel geiler gewesen, wenn sie im Auftrag von HipHop, im Auftrag der Straße, den Leuten das vermittelt hätten.«

Auch Marina kennt diese Ansichten aus ihrer Arbeit nur zu gut und hatte des Öfteren Probleme, diese Sorgen zu zerstreuen: »Ich glaube, dass manche Künstler wirklich denken, die HipHop-Presse ist ein sehr elitärer Kreis, der über sie entscheidet. Und je größer das Blatt oder das Medium ist, desto mehr denken sie: ›Die wollen mich fertig machen. Die sind gegen mich. Die wollen mich unten halten.‹ Es gab da durchaus richtige Verschwörungstheorien, und da bin ich auch manchmal an meine Grenzen gestoßen.«

Interessant an dieser Stelle ist, dass diese Haltung nicht nur unter Rapperinnen und Rappern verbreitet ist, sondern auch ihren Niederschlag im Rest der Gesellschaft findet. Auch dort existiert die Vorstellung, dass es sich bei der Presse um einen elitären Zirkel handelt, der sich von der Normalbevölkerung viel zu weit entfernt hätte.

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