2013
SSIO – BB.U.M.SS.N.
(Alles Oder Nix Records)

Er lieferte früh »Spezial Material« für den »Baba aller Babas«, doch erst mit SSIOs offiziellem Debütalbum in Zweitaubisendunddreibizehn erreichte das damalige Boombap Revival seinen Höhepunkt, wurde »Boombapisch ultraamnesisch melodischanaboler Straßenscheiß, Nuttööö« zum Konsens und AON zum Label der Stunde. Schon die Tracklist spricht Bände. Hochkarätige Features von Xatar, Schwesta Ewa, Kalim, Nate57 oder den 257ers auf der einen Seite und Tracktitel wie »Ein tiefsinniges, sozialkritisches und moralvermittelndes Lied«, »Unbekannter Titel« oder »Du hast noch nicht mal Kekse zuhause« auf der anderen Seite ließen schon erahnen, wohin die Reise gehen würde. Und dann waren da natürlich noch die Beats. Der Sound der Golden Era hatte in Deutschland endlich den vergilbten Rucksack durch die Bauchtasche ersetzt. Ein im Rückblick nicht zu vernachlässigender Fakt, vereinte SSIO dadurch doch vom 90s-Nostalgiker bis zum Gangster-Rap-Fan die gesamte Szene. Die Produzenten Maestro, Reaf, Gee Futuristic und Figub Brazlevič übertrugen den legendären Genickbrecher-Sound des vorletzten Jahrzehnts in die Jetztzeit, ohne auch nur eine Sekunde langweilig oder hängengeblieben zu klingen. Die einzigartige Mischung aus Kiffer-Humor, unterhaltsamen Ticker-Storys, absurd verballertem Sex Talk und außergewöhnlichen Rap-Skills tut ihr Übriges. Jeden Funken Kritik an seinen Lyrics macht der Sympath aus Bobinn durch seine Selbstironie wett und zeigt damit, dass Gangster eben doch tanzen können. Dass die harten Straßenjungs nicht nur bierernst vom Leben am Block berichten und dabei grimmig in die Kamera schauen müssen, ist auch der Verdienst des Tannenbusch Representers. Es ist am Ende ein simples, aber verdammt gut funktionierendes Konzept: Auf insgesamt 18 Songs erinnert der Rapper immer wieder daran, wie fresh und zeitlos klassischer Bumm-Tschakk sein kann, wenn man es nur richtig anstellt. Und SSIBIO machte zu diesem Zeitpunkt alles richtig. Bis heute ist er einer der wenigen Rapper, die es schaffen, sich komplett treu zu bleiben, ohne zu stagnieren. »BB.U.M.SS.N« ist der beste Beweis dafür, dass gut produzierter Kopfnicker-Sound unabhängig von aktuellen Trends auch in Zukunft nie aus der Mode kommen wird, solange es Rapper wie SSIO gibt. Natürlich garantiert frei von Glockenbeats!
Text: Julius Stabenow
2013
Run The Jewels – Run The Jewels
(Big Dada/ Rough Trade)

Die Kollaboration von Killer Mike und El-P bescherte dem US-Rap ein Projekt, das gleichermaßen unerwartet war und im Rückblick doch wie die logische Fortführung zweier Karrieren wirkt. Kennengelernt haben sich die beiden Rapper über Jason DeMarco vom Fernsehsender Adult Swim, der hauptsächlich Zeichentrick für Erwachsene ausspielt. Es folgten Zusammenarbeiten auf den jeweiligen Soloalben, bei denen El-P für die Produktion von Killer Mikes politischem »R.A.P. Music« verantwortlich war, der im Gegensatz auf El-Productos lyrisch-düsterem »Cancer 4 Cure« einen Featurepart beisteuerte. Eine gemeinsame Tour später wurde das erste Album als Duo Run The Jewels veröffentlicht, das die Skillsets der beiden in eine niemals zurückhaltende, immer energetische Platte fusionierte, die voll von jenem Erwachsenenhumor ist, der sie einst zusammenbrachte. Der Spaß an der gemeinsamen Musik bestimmt die Ausrichtung des Albums, das zu keinem Zeitpunkt wie ein Versuch wirkt, ein bis ins letzte Detail durchdachtes Konzept umzusetzen. Stattdessen liefert El-P zehn knallende Beats, die von ihren basslastigen Drums und angezerrten Synths leben und eine mächtige Atmosphäre schaffen. »We got 808s to make cats piss/right on the rug where the cat sits«, rappt er in seiner Doppelrolle über die eigene Produktion, während Killer Mike mit wortgewaltigen Punchlines zur Entfaltung kommt. Er flext mit geladener Stimme über die 808-Bretter und legt dabei ein Selbstbewusstsein an den Tag, das nicht aufmerksamkeitsheischend nach dem HipHop-Thron greift, sondern schlichtweg impliziert, dass er diesen verdient hat. Das Duo funktioniert vor allem als partnerschaftliche Ergänzung, bei der Parts nicht starr festgelegt sind, sondern in loser Abwechslung von beiden gestaltet werden können, und bei der die spielerischen Dialoge und die Vorliebe für Dope zu einer Zelebration des eigenen Status Quo werden. Zusätzlich liefert RTJ bereits einen Vorgeschmack der gesellschaftskritischen Perspektive, die auf den folgenden Alben noch stärker im Vordergrund stehen sollte. Killer Mikes Beschreibung von Polizeigewalt gegen People of Color ist heute noch so relevant wie damals, der Album-Closer »A Christmas Fucking Miracle« in seiner dramatischen Ausgestaltung die eindeutige Positionierung von Run The Jewels als einem Duo, das sich seiner einflussreichen Rolle bewusst ist und diese für Sozialkritik nutzen will. Job Well Done!
Text: David Regner

