Kollegah & Farid Bang – JBG 3 // Review


(Banger Musik / Alpha Empire / Groove Attack / Warner Music)

Seit acht Jahren deuten Kollegah und Farid Bang mit unbestreitbarem Erfolg die Hip-Hop-Elemente in D um. Bizepse, Beef, Bitte-Spitte-Punches und die gute alte Premium Box begleiten auch das Ende der Trilogie, das den Zenit der Boss-und-Banger-Bewegung bedeuten könnte. Über 50.000 Boxen sollen verkauft worden sein, die auf Ebay inzwischen für hunderte Euro die Besitzer wechseln, manche davon enthalten Uhren und Sportwagen. Zwei Tage vor Release erscheinen die ersten »geleakten« Songs im Netz, prompt wurden die anstößigsten Texte und die neuesten Zickereien der Deutschrap-Dailysoap in den Kommentar­spalten vervielfältigt. Den Fluss des Opiums ins Volk zu stoppen, ist ein müßiges Vorhaben. Zu kritisieren und eine Diskussion anzustoßen, ist dagegen ein wichtiges Vorhaben, wie auch der Kollege Juri Sternburg erkannte und bei Noisey zum Boykott aufrief. Was sich auf der unerklärlicherweise gecharteten Gag-Single »Zieh den Rucksack aus« anbahnte, setzt sich auf Albumlänge fort: Farid Bang verteilt rechts und links Punches gegen Syrer, Nordafrikaner und weitere undefinierte Flüchtlingsgruppen. Die sind vielleicht als besonders anarchische Provokation intendiert, damit aber kein Stück weniger alltagsrassistisch, und spätestens wenn sie auf Schulhöfen gebrüllt werden für manche Klassenkameraden sehr unangenehm. Für Vertreter der KMN-Gang hegt Farid nicht nur Antipathien, weil sie – womit man vielleicht d’accord gehen kann – für eine generische Collagierung zeitgemäßer Franko- und Afro-Trap-Sounds stehen, sondern wegen des »Syrer-Jargons« – ähnlich wie bei Lieblingsgegner MOK, über den es heißt: »Du bist Halbsyrer, MOK/Denn deine Mum fickte einen Flüchtling und verliebte sich dann Hals über Kopf«. In den Sozialen Netzwerken wird das wie geplant breitgetreten. Aber nicht jeder Tabubruch ist gesunde jugendliche Rebellion, sondern in diesem Fall meist nur Infantilismus und mitunter menschenverachtende Scheiße. Könnte man über diese Dinge hinwegsehen (beachte: Konjunktiv) und sich in einen Rapupdate-Kollegen hineinversetzen, finden immerhin kurze Momente geschmacklicher Überschneidung statt, wenn sich Youtube-Prankster und Doubletime-Flexer gegenseitig anvisieren: »Sie will die Spermaspuren kaschieren und fragt mich, ‚Hast du Handtücher?’/Nee, aber da drüben steht Sun Diego, also Schwamm drüber«. Selbst mit Spannung erwartete Disses kommen aber überraschend uninspiriert: »Wenn ich mit Bushido spaziere, nennt man das Gassi gehen«. Gähn. Für einen Moment scheint ein Funke gesunder Selbstironie aufzuflammen, als Kollegah rappt: »Jeder singt und tanzt, alles einheitlich/Jetzt wird Rap wieder steinzeitlich.« Wäre da nicht zwischen den Zeilen die Adlib »Schwuchtel!«, die unsere geistige Reife wieder ins Jahr 2007 zurückkatapultiert. Mit fortschreitender Spielzeit ist das sehr ermüdend. Jeder Punch, jede Position in der Tracklist ist austauschbar. Die einzige erkennbare Form von Struktur und Dramaturgie sind stolze Flow-Patterns, die dann doch immer wieder auftauchen und auch ohne Frage ein Stück lässiger und vielseitiger klingen als bei Herrn Diego. Auf sechzig Minuten ist das aber nur ein ganz mattes Rolex-Glitzern unter einem Haufen Müll. Die Tatsache, dass die namentliche Erwähnung von Bushido zunächst in den Vorab-Singles angeteast wurde, führt »JBG3« endgültig ad absurdum. Die Promo-Phase ist hier das zusammenhäng­endere Narrativ und das größere Kunstwerk als das Album.

Text: Mathis Raabe

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