Mr. Carmack – Deaf Jams // Future Beats (Pt. V)

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Als Aaron Carmack auf die Welt kommt, ist er mit einem leichten Hörschaden gehandicappt. Oder in seinen Worten: »Shit ears«. Den Lyrics in Rap-Songs zu folgen sei ihm daher schon immer etwas schwergefallen. Also lenkt Carmack seinen Blick lieber auf die rhythmischen Strukturen und Flows in der Musik, der er in jungen Jahren begegnet. Als Teenager im San Francisco der frühen Nullerjahre waren das neben ein paar Bay-Area-Klassikern vor allem Rap-Hits, die aus dem Zimmer seiner großen Schwester dröhnten – »Irgendwas zwischen Fugees, Aaliyah und Ja Rule«. Ein erstes Faible für Beats entdeckt er schließlich mit den J-Dilla-Produktionen auf Busta Rhymes’ Album »Anarchy«. Dass Aaron selbst einmal als Produzent seinen Unterhalt bestreitet, ahnt er damals allerdings noch nicht. Schließlich legen ihm seine Eltern bis dato die klassische Komposition ans Herz: Im Orchester spielt Aaron French Horn, eine Konzertreise bringt ihn im High-School-Alter sogar nach Europa.
 

 
Gut zehn Jahre später ist Aaron wieder zu Besuch, diesmal als Mr. Carmack. Der Knabe aus dem Orchestergraben steht nun auf den Bühnen der hiesigen Clubs und wirbelt mit seinen DJ-Sets den basshungrigen Clubjüngern gehörig die Magengruben durch. Dabei zieht der 24-Jährige in etwa so viele Grenzen wie in seinen Produktionen – zwischen Trap und souligem Boombap ist alles erlaubt, solange die tiefen Frequenzen mächtig drücken, die Drums mit ordentlich Swing durch den Track rollen und der Drop an der richtigen Stelle sitzt. Ganz der Typ ohne Genrescheu, lässt Carmack durchblicken, dass sogar ein gewisser Tiësto Einfluss auf seine heutige Drop-Prämisse gehabt haben mag: »Der war wirklich groß, als ich jünger war. Das Internet fing gerade an zu explodieren und ich habe mir echt viel Scheiße gezogen – jede Menge Pornos, ein paar Family-Guy-Folgen und endlos viel Musik, von Rap bis hin zu Rave-Mixes.«
 
Auffällig oft fällt im Gespräch mit Mr. Carmack das Wort »Internet«. Kein Wunder, gehört er doch zu einer Generation von Beatbastlern, die nicht mehr die Platten aus dem Elternhaus durch die MPC jagen, sondern ihre Flut an Einflüssen in jungen Jahren durch billige Software wie Fruity Loops schleifen – am besten natürlich, wie in Carmacks Fall, mit der gecrackten Version von einem High-School-Buddy. »Die Welt wird immer kleiner«, meint Carmack. »Du kannst heute in Serbien aufwachsen und wie Dr. Dre produzieren oder du kommst aus Japan und machst Tracks wie Avicii. Solange du kein Geld hast, ist das Internet die natürlichste Quelle für Einflüsse.«
 
Wie für viele seiner Mitstreiter, ist Soundcloud mit den Jahren zu Carmacks zweitem Zuhause geworden. »Wir sind Soundcloudies«, sagt er und erzählt davon, wie klein seine Fanbase gewesen sei, als ihn die Typen vom Soulection-Kollektiv kontaktierten. »Seitdem haben wir uns gegenseitig ziemlich gepusht.« Auf besagter Seite sorgt Mr. Carmack vor allem mit einer Handvoll Remixe von aktuellen US-Rap-Schwergewichten für Gefolgschaft. Daneben nutzt er Plattformen wie Bandcamp für Self-Releases. Das ermögliche ihm schließlich, sich selbst als Künstler zu etablieren. »Ein Produzent wie Pete Rock hat früher ganz klar für einen Rapper produziert«, meint Carmack. »Ich persönlich strebe aber keine Karriere als Rap-Produzent an. Ich sehe einen Unterschied zwischen Beatmakern und Produzenten: Der eine macht gute Beats, der andere schreibt Songs, die du zum Aufstehen hörst. Und ich stehe gerade wohl irgendwo dazwischen – an aspring producer and an accomplished beatmaker.«
 
Illustration: Bastian Wienecke
 
Bereits erschienen:
Kaytranada – The MonTrillest // Future Beats (Pt. I)
STWO – Around The World // Future Beats (Pt. II)
Mura Masa – Konichiwa, Bitches // Future Beats (Pt. III)
Ta-ku – Future Classics From Down Under // Future Beats (Pt. IV)
 
Dieses Feature ist erschienen in JUICE #166 (hier versandkostenfrei nachbestellen)
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