Laas Unltd. // Feature

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Es ist die klassische Geschichte vom Underdog, den alle abgeschrieben haben. Er ist eigentlich schon raus. Erledigt. Niemand glaubt mehr an ihn. Sein Name findet nur noch spöttische Erwähnung. Er bekommt nur noch eine einzige, letzte Chance, um seine Ehre wieder herzustellen. Wenn er die nicht nutzt, ist es endgültig vorbei. Aber – er nutzt sie, und das nicht einfach irgendwie, sondern fulminant. Tosender Applaus. Beifall von allen Seiten. Schulterklopfen. Plötzlich hat es jeder schon immer gewusst.

Diese Geschichte hat jeder schon einmal gehört, aber es ist etwas anderes, sie am eigenen Leib erfahren zu haben. Laas Unltd. hat sie erlebt. Am Abend des 16. Oktober 2013 schaffte es Laas Unltd., das Ruder herumzureißen; aus Hatern machte er Fans. In einem spektakulären Battle setzte er sich in der Champions League von Rap am Mittwoch gegen Drob Dynamic durch – besser gesagt: Er schlug den Berliner in drei Runden vernichtend. Die Wellen, die dieses Battle im Anschluss schlägt, sind beachtlich. So zählt man Ende Januar fast eine halbe Million Klicks auf YouTube. Die Reaktionen fielen durch die Bank euphorisch aus. Von Sido über Fler, Frauenarzt und Liquit Walker bis hin zu Morlockk Dilemma gab es Lob in den höchsten Tönen für Laas. Der wiederum tat das, was man von einem strahlenden Sieger erwartet: Er kündigte ein neues Album an.

Im Herbst 2013, vor dem Battle, hätte wohl niemand mehr seine letzten Euros auf Laas’ Karriere gesetzt. Der gebürtige Gütersloher schien sich in einer Sackgasse verlaufen zu haben. Ein Jahr zuvor war sein Album »Im Herzen Kind« erschienen, auf dem der eigentlich für strikten Rap-Rap bekannte Laas, der seine ersten Sporen mit der Freestyle-Crew Stammtisch (DJ Amir, ­Spontan, SD und Rano) verdient hatte, plötzlich melodischere Töne anschlug. In einem Video lief er barfuß am Strand entlang. Für viele war klar: Alles kalkuliert – und kopiert. Nicht selten fiel der Begriff »Raop«. Das Album landete in den Charts auf Rang 93 – in einer Zeit, da Deutschrap ein Abo auf die vorderen Ränge zu besitzen scheint. Ganz offenbar verschreckte das Album Laas’ Stammhörerschaft, konnte aber auch keine neuen Hörer überzeugen. Es folgte eine schlecht besuchte Tour, die in einem per Videomaterial dokumentierten Konzert-Besuch durch Laas’ Rivalen Kollegah und Farid Bang ihren traurigen Höhepunkt fand. Wer den Schaden hat …

Welche Fehler es waren, die zu dieser Krise führten, kann Laas ganz präzise benennen. In erster Linie wohl ein gewisser Hang zur Selbstüberschätzung. »Einer der größten Fehler, die ich gemacht habe, war, dass wir mein Produkt so zu platzieren versucht haben, wie das von jemandem, der bereits 10.000 Platten verkauft hat. Wir haben geguckt, dass wir ’ne tolle Verpackung haben. Wir haben gekuckt, dass wir vernünftiges Merchandise haben, mit drei, vier Shirts zur Auswahl, eine Tour mit Präsentatoren und so weiter. Damit sind wir leider sehr aufs Maul gefallen. Wäre man alles ein bisschen kleiner angegangen, wäre man eher mit dem Undergroundfilm gekommen und hätte nicht alles so groß angekündigt, wäre es bei den Leuten auch vielleicht nicht so angekommen als hätte man sich da komplett verlaufen.«

Über die Selbstzweifel, die ihn in dieser Zeit plagten, rappt Laas auch auf seinem neuen Album »Blackbook II«. Aufzugeben allerdings war für ihn nie eine Option. »Ich habe nie daran gedacht, ganz aufzuhören. Natürlich habe ich auf der Couch gesessen und zu Freunden gesagt, ach scheiß drauf, wofür mach ich das alles überhaupt? Natürlich hat man solche Momente. Aber es war nie so, dass ich dachte, ich hör auf. Wenn, dann ging es für mich darum, aufzuhören Alben zu veröffentlichen und Touren anzukündigen. Man hat schon gedacht: Warum? Wozu? Aber tief in mir drin macht mir rappen immer noch so viel Spaß, ich bin immer noch so ein Fan von dem Ganzen. Wenn irgendetwas Neues herauskommt, wie etwa der Control-Verse von Kendrick, dann stehe ich im Zimmer, höre mir das fünf-, sechsmal an und spüre so ein Kribbeln. Ja Mann, das ist dieses MC-Ding. Und deswegen habe ich nie daran gezweifelt, dass ich das irgendwie weitermachen werde.«

Das gewonnene Battle und die damit verbundene Aufmerksamkeit allerdings bieten neue, fast schon nicht mehr für möglich gehaltene Perspektiven. Laas begreift, dass er dieses Momentum nutzen muss und nimmt innerhalb von ein paar Wochen sein neues Album auf. »Ich hatte drei, vier Skizzen, mit denen bin ich zu DJ Smoove gefahren und die haben wir dann ein bisschen ausgearbeitet. Das waren immer so eineinhalb Verses und eine halbe Hook, den Rest hab ich wirklich in zweieinhalb Wochen fertig gemacht. Ich war durch die Vorbereitung auf das Battle eben schon warmgerappt und musste eigentlich nur noch ins Studio gehen. So konnte ich das Ding in so kurzer Zeit durchrocken. Ich hab einfach wie ein Wahnsinniger jeden Tag geschrieben«, erklärt Laas und lacht selbst über die Besessenheit, mit der er zu Werke gegangen ist.

»Ich halte das einfach für die coolere Herangehensweise. Natürlich könnte man sagen, man nimmt das Album und schließt sich in zwei Monaten nochmal ein, feilt weiter daran herum. Das kann man sicherlich machen. Aber ich finde es cooler, wenn man einfach eine Stimmung einfängt. Das ist ein Statement für die Zeit und das will ich auch genauso ungefiltert rauslassen.«

Das Ergebnis ist ein aufs Wesentliche reduziertes Album. »Blackbook II« ist wie der erste Teil komplett von einem einzigen Produzenten produziert worden, statt 7Inch, aus dessen Beatmaschinen »Blackbook« stammt, war dieses Mal DJ Smoove verantwortlich für das Klangbild. Und das ist, gerade verglichen mit dem Vorgänger »Im Herzen Kind«, trocken und schnörkellos. Motto: Scheiß auf die Hook. Laas besinnt sich hörbar auf seine Stärken und lässt alle Experimente einfach mal Experimente sein. »Blackbook II« ist Rap-Rap in seiner reinsten Form – und im besten Sinne.

Das Album trägt diesen Namen auch, weil das Konzept eben passt. Es geht um das Pure, die Essenz, einen gewissen Style und den liefert Laas dreckig und ungefiltert ab und direkt in die Fresse der Hörer. »Ich dachte mir, ich mache einfach das, was ich am besten kann. Gerade in so einer Situation, in der man sich selbst unsicher ist, weil man soviel negatives Feedback bekommt. Da war ich an diesem Punkt, an dem ich mir gesagt habe, ich gehe jetzt einfach dahin zurück, wo meine Wurzeln sind, und mache das, was ich am besten kann. Wenn man sich aus so einer Situation rauszuarbeiten versucht, muss man erstmal vor der eigenen Haustür kehren. Man sollte nicht versuchen, Ausflüge in Sphären zu machen, in denen man sich gar nicht auskennt. Wenn ich versuchen würde, einen Song fürs Radio zu machen, was hätte das für einen Sinn? Es wird ja eh nicht im Radio gespielt. Die Leute da draußen, die Radiomusik hören wollen, die interessieren sich eh nicht für mich. Und vor allem: Ich hatte einfach keinen Bock darauf. Beim letzten Album fühlte ich mich sehr locker und frei, deswegen habe ich einfach mal Sachen ausprobiert. Dieses Mal stand ich hingegen sehr unter Strom.«

In einem für Verschwörungstheorien so fruchtbaren Biotop wie Deutschrap kommt angesichts der kurzen Zeit, die zwischen dem Battle und der Albumankündigung verging, rasch der Verdacht auf, man habe es mit einer besonders ausgeklügelten Promostrategie zu tun. Eine Idee, die Laas grinsend, aber bestimmt zurückweist, auch wenn er sie durchaus nachvollziehen kann. »Guck mal, natürlich war das meine Traumvorstellung, dass es so läuft, wie es jetzt gekommen ist. Ich gehe da hin, um zu zeigen, dass ich immer noch rappen kann und mir im Battle-Bereich keiner das Wasser reichen kann. Dadurch wollte ich natürlich Aufmerksamkeit generieren, um ein Argument zu haben, wieder ein Album zu veröffentlichen. Ganz ehrlich, wenn ich vor dem Battle ein Album angekündigt hätte, hätten die meisten mich wahrscheinlich gefragt: Warum machst DU denn jetzt schon wieder ein Album? Das letzte hat doch auch nicht funktioniert. Warum also? Ich brauchte ein Argument«, gibt Laas zu, um im Anschluss auf die Unvorhersehbarkeit einer solchen Auseinandersetzung wie der bei Rap am Mittwoch hinzuweisen: »Nur, planen kann man das letzten Endes nicht. Du kannst dir nicht sicher sein, dass du gewinnst. Da hätte ja alles mögliche passieren können. Ich wusste auch, dass ich, wenn ich da hingehe und verliere, einpacken kann. Hätte ich meinen Ruf als Battle MC verloren, hätte ich das Album wohl nicht gemacht. Jedenfalls nicht so schnell«, schränkt er sich selbst ein.

Genauso den medialen Hype, den konnte Laas natürlich auch nicht voraussehen. Das Battle gegen Drob Dynamic ist das mit Abstand klickstärkste Video auf dem Rap-am-Mittwoch-Channel.»Es ist die eine Seite, da hinzugehen und die Leute dort zu überzeugen: Aber ob das auf Video genau so gut funktioniert und die Leute an den Bildschirmen das auch fühlen können, das konnte ich nicht voraussehen. Es hätte ja sein können, dass ich da acht Wochen an der Vorbereitung sitze und im Endeffekt kriegt es niemand mit.«

Acht Wochen also. Klar, eine derart gut durchdachte und technisch präzise Performance wie die von Laas ist nicht spontan möglich. Er habe zwar nicht jeden Tag dieser zwei Monate durchgeschrieben, aber im Hinterkopf sei das Thema stets präsent gewesen. »Ich habe mich sehr oft zu Hause eingeschlossen und das Stück für Stück aufgebaut. Das ist mir wichtig – ich schreibe so etwas nicht in einem Rutsch runter und lerne es dann auswendig, sondern schreibe einen 12er und rappe den so lange, bis ich ihn auswendig kann. Danach puzzle ich ihn mit anderen 12ern zusammen. Und so ergibt sich irgendwann das Gesamtkonzept. Wenn man das acht Wochen lang macht, kommt man immer wieder auf neue Ideen. So entstanden Stück für Stück die Zusammenhänge, das mit seiner Lebensgeschichte, dass er bei seiner Oma aufgewachsen ist und so weiter.

Das ist natürlich alles andere als ein Freestyle-Battle. Im vergangenen Sommer moderierte der langjährige JUICE-Autor Daniel Köhler auf dem splash! eine Diskussionsrunde, im deren Rahmen Prinz Pi, 4Tune, Drob Dynamic, Weekend und Falk Schacht darüber sprechen ließ, ob Battles durch vorab geschriebene Texte ihre Spontanität verlieren. Laas vertritt in dieser Frage einen klaren Standpunkt. »Für mich zählt nur das Endprodukt«, erklärt er. »Ob das freestyle entsteht oder man etwas aufschreibt, ist eigentlich egal, solange die Zeilen krass sind. Natürlich ist es geil, wenn man freestylemäßig in so einer Situation etwas schafft, das die Leute beeindruckt. Trotzdem ist das für mich kein Muss, gerade, weil Freestyle-Parts häufig einfach die Schlechteren sind. Ich habe mir auch überlegt, ob ich das Battle mit Freestyles starten sollte. Aber warum soll ich mir dieses krasse Konstrukt am Ende kaputtmachen mit vier Bars, in denen ich mich versprechen könnte?« Natürlich wusste Laas, um was es ging. Er battlete nicht nur gegen Drob Dynamic (»er war halt einfach der Pfosten, der dann leider Gottes alles abkriegt, weil da nun mal irgendeiner stehen muss«), sondern gegen alle seine Hater, gegen alle Vorwürfe, praktisch gegen die ganze Szene.

Neben der Motivation, um ein neues Album aufzunehmen, hatte der Erfolg also noch eine weitere Auswirkung auf Laas: Er wurde ruhiger. Nicht träge, sondern gelassen. Ansagen wie »Ich bin der nächste King« oder »Nach Savas der nächste auf dem Thron« sucht man auf »Blackbook II« vergebens. »Ich würde mich nie dafür entschuldigen, dass ich das gesagt habe. In der Situation, in der ich damals war, motivierte mich das, das war mein Ziel als Rapper. Wenn ich etwas mache, dann so gut ich das kann. Im Rap bedeutet das natürlich, dass ich der King sein will«, betont Laas. Auf der anderen Seite ist ihm aber auch bewusst, wie das nach Außen wirkte. Für die Leute draußen wirkte ich ein bisschen arrogant und hochnäsig, das kann ich definitiv verstehen.« Muss Laas euch wirklich noch was beweisen? Inzwischen kann er diese rhetorische Frage seines Mentors Savas guten Gewissens mit nein beantworten. »Man will natürlich diesen ganzen Respekt, mittlerweile ist mir das aber gar nicht mehr so wichtig. In den letzten Monaten habe ich mich echt ein bisschen gechillt. Ich habe einfach gesehen: Okay, du hast alles gegeben, was du konntest und man hat dir dafür Propz gegeben. Von jetzt an will ich einfach nur gute Musik machen und mein Leben leben. Ich möchte nicht mehr auf Teufel komm raus versuchen, irgendeine Tür einzutreten.«

Schließlich hat er genau das mittlerweile endlich getan: Laas hat eine Tür niedergerissen – und das war ihm mit am wichtigsten, erzählt er. »Bei mir haben die Leute häufig gesagt: Okay, der kann gut rappen, aber er liefert auch nichts Neues. Ich glaube, das war mein Problem. Die meisten großen Mcs vor mir kamen mit etwas vorher nie Dagewesenem. Mir hingegen hat man nie gesagt, krass, auf dem Level haben wir das auf Deutsch noch nicht gehört. Dass ich das mit diesem Battle erreicht habe, war für mich der größte Erfolg.«

Dazu kommt schlussendlich, dass Laas durch das vermeintliche Karriereaus und die anschließende Wiederauferstehung aus Ruinen endlich die Story im Rücken hat, die man als Rapper wohl braucht, um ein schlüssiges Album aufzunehmen – etwas, das ihm zuvor gefehlt hat, wie er selbst einräumt. »Jetzt haben die Leute eine Geschichte, weil sie sehen, da ist der Junge, der macht sein Ding, fällt dann aber voll auf die Fresse und kommt schließlich wieder zurück. Sie sehen, dass ich ein Kämpfer bin und können sich dadurch vielleicht besser mit mir identifizieren«, hofft Laas.

Die zuvor thematisierten Fehler der Vergangenheit will Laas in Zukunft vermeiden. »Ich will jetzt erstmal sehen, was mit dem Album passiert«, antwortet er auf die Frage nach einer weiteren Tour vorsichtig. Klar ist nur: Es geht weiter. »Nichtsdestoweniger fang ich gerade im Kopf wieder damit an, mir zu überlegen, was ich für neue Songs schreiben könnte. Mir ist klar, dass dieses Album ein Schritt ist, um meinen Weg zurück zur Aufmerksamkeit der Szene zu finden. Aber im Endeffekt ist es vermutlich in erster Linie ein gutes Promotool. Ich bringe etwas raus, die Leute sprechen darüber und dann musst du einfach schnell das nächste Album nachlegen, schließlich sind Platten heute schnell wieder aus dem Gespräch, wenn du nicht den Überclassic lieferst. Aber wer liefert so etwas heute überhaupt noch? Ach, ich fühle mich einfach verdammt wohl in meiner Haut. Mir macht das Rappen mehr Spaß als je zuvor. Ich werde auf jeden Fall auch weiterhin fleißig bleiben.«

Text: Oliver Marquart
Foto: Presse

Dieser Artikel ist erschienen in JUICE #157 (hier versandkostenfrei nachbestellen).

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