Toni der Assi [Interview]

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Toni der Assi ist, wie er selbst zutreffend bemerkt, ein Unikat in der Deutschrap-Szene. Mit viel Humor nuschelt sich der Heidelberger durch seine mit Balkan-Idiomen angereicherten Texte und genießt in der Rapszene ein hohes Ansehen, wovon die Featureliste seines neuen Albums »Zilet« eindrucksvoll Zeugnis ablegt. Ambitionen, der krasseste Techniker zu werden: nie dagewesen. Lieber freestylt er in komplett ausgedachtem Französisch. Zum JUICE-Interview erscheint der gebürtige Serbe mit einer Fahne, die sich gewaschen hat. Kein Wunder, war er doch am Abend zuvor Gast in Playboy51s YouTube-Show. Nach Drehschluss hätte er sich noch ein paar Schnäpse mit dem Berliner einverleibt und wäre erst etwa eine Stunde vor Interviewbeginn wieder im Hotel gewesen – zumindest laut Zeugenaussagen, er selbst weiß das nicht mehr so genau. Trotz seines leicht angeschlagenen Zustands: Den Fragen, auch denen zu einem unangenehmeren Thema wie seiner Verurteilung zu einer Geldstrafe von 8.000 Euro wegen Volksverhetzung, stellt er sich offen und ehrlich. Zeit für eine Totalrasur.

 

Toni, das ist dein erstes JUICE-Interview, obwohl du schon lange am Start bist. Wie erklärst du dir das?
Keine Ahnung. Ich bin ein Unikat in dieser Rapszene. Die Leute kennen mich. Ich bin HipHop. Ich bin 36 Jahre alt. Ich habe viel zu sagen, ich freu mich auf das Interview. Ich sehe meine Qualität sehr, sehr hoch. Ich habe acht Wochen bei den Stieber Twins im Bett geschlafen. Cora E ist die Frau von diesem Mensch da (zeigt auf Def Cut), der meine Alben macht. Mehr HipHop geht nicht. Man kann mich boykottieren, aber man kann mich auch einfach fragen, warum ich so bin. Ich bin bestimmt kein böser Mensch. Wenn du als Mensch etwas von mir erfahren möchtest, bekommst du alle Informationen. Aber in den letzten Jahren ging es nur darum, dass ich so gerne polarisiere.
 
Du polarisierst also gerne?
Ja, Bruder, anscheinend. Ich habe ja 8.000 Euro bezahlt. Die Leute reden gern, machen gern Welle, die Leute sagen gerne »Hurensohn«, »ich fick deine Mutter«, »der Pädophile soll sterben«. Aber ich habe deswegen Stress mit der Politik bekommen. Meine Familie hat darunter gelitten. Wenn morgens die Polizei klingelt und man hat Angst – fremde Menschen mit Masken in deiner Wohnung –, für die Medien ist das ’ne coole Story. Aber was wirklich war, ging über alle Grenzen. Wenn du dastehst, Alter, ganz alleine und eine ganzen Polizeigruppe dir gegenüber, und du denkst dir, was habe ich denn gemacht? Ich wollte doch nur helfen. Mir tut mein Herz weh. Ich wollte doch niemand verletzen. Aber die Politik stört es halt, wenn ich gewisse Dinge ausspreche.
 

 
Hast du etwas aus dieser Erfahrung gelernt?
Jetzt habe ich es kompensiert mit Humor, die Leute lachen drüber. Jetzt habe ich das Rezept gefunden, damit kann ich fahren. Humor spielt in meiner Musik eine große Rolle. Ich habe ja einen gewissen Background, ich kann schon gewisse Punchlines bringen und sagen, so isses. Jetzt fangen auf einmal alle an, kontrovers zu rappen. Jetzt fangen alle an, staatsfeindlich zu rappen. Ich habe das alles schon hinter mir – mit 8.000 Euro, mit Staatsfeind, mit Gerichtsverhandlung. Es geht mir nicht um Geld. Hand aufs Herz, ich habe mein Geld bezahlt, ich habe geblutet, ich werd’s wieder machen. Jederzeit.
 
Du willst dich nicht verbiegen lassen?
Ich weine und trauer halt. Aber ich bin ein sehr starker Mensch. Mein Background – ich könnte locker ganz Deutschland ficken, egal wen. Ich könnte locker Stress machen. Die sollen doch kommen! Aber ich bin ein älterer Mensch, ein Älterer. Ich bin voller Narben. Ich hab keine Lust auf Stress, die sollen alle ihr Leben leben.
 
Dein Albumtitel heißt auf Deutsch übersetzt Rasierklinge.
Ja. Rasieren heißt, man kann sich verletzen, man kann sich verschönern, jemand kann die Rasierklinge nehmen und sagen, bis hierhin und nicht weiter. »Zilet« ist kontrovers, genau wie ich selbst. Ich habe viel geblutet, nicht nur, wenn ich mich rasiert habe.
 
Du hast jede Menge Features drauf, u.a. Eko Fresh, Baba Saad, Massiv und Kontra K. Kennst du alle persönlich oder hast du bei denen gezielt nach einem Gastpart angefragt?
Ich habe nie in meinem Leben jemanden angefragt. Die Leute haben einfach gesehen, ich mach meine Musik. Raptechnisch kann man drüber reden, dass es krassere Leute gibt. Aber die Menschen wie Eko – immer an meiner Seite, immer klopft er an meine Tür. Manchmal schäme ich mich fast. Saad und Massiv haben gesehen, dass ich polarisiere und es gar nicht so schlimm ist.
 
Du hast vorhin betont, dass du HipHop bist. Was bedeutet das für dich konkret?
Ich habe vier Monate in New York gelebt, in der Bronx. Ich war in der Rocksteady Crew. Nenn mir einen Breakdancer in Deutschland, der mal in der Rocksteady Crew war. Ich habe Scheiße gefressen, meine Mutter angerufen und ihr gesagt: »Mama, ich habe kein Geld mehr«, damit sie mir was nach New York schickt. Wenn ich heute mal aus mir rauskomme und bisschen mit meinem Jargon abgehe: (rappt) »Je comment tres ah«, wenn ich Wörter wechsle und Spaß dran habe, heißt es gleich, das wäre nicht mehr HipHop. Was ist denn dieses HipHop? Ich war mit Boulevard Bou auf der Bühne. HipHop entwickelt sich. Rap entwickelt sich. Ich kann nicht über Sprühdosen rappen, wenn meine Mutter krank ist. Dann rappe ich über Straße, Alter.
 
Die Straße dominiert deine Texte.
Schon. Aber herzliche Straße. Ich weine ja auch. Es ist nicht so, dass ich sage, jetzt ficke ich alle mit »Zilet«. Leute singen Hooks, so richtig emotional und tief. Ich bin viel härter, aber ich hab viel geweint, auch beim Texteschreiben. Gerade diese Lieder wie »Heimat«, manche Leute kommen jetzt an und meinen, was geht denn mit dem ab, ist der jetzt voll emotional. Interessiert mich einen Scheiß. Meine Straße ist blutvoll.
 
Trotz fortgeschrittenen Alters hast du es also geschafft, die Sprache der Jugend zu verstehen und zu sprechen?
Bei mir hörst du fünf Wörter in fünf Sprachen. Ich hab Spaß daran. Mich freuen sogar Leute, die sagen: »Warum redest du Englisch, du kannst das doch nicht.« Ich kann’s auch nicht, aber es ist geil. Warum spreche ich die Sprache der Jugend? Weil ich immer Perfektionist war und mehr wollte. Ich hab immer Rap gehört und ich bin ein sehr, sehr talentierter HipHopper. Ich bin sehr stark, sehr, sehr stark. Ich habe alles erlebt. Aber das interessiert keinen Schwanz. Die Leute wollen das hören, was sie tagtäglich erleben, da muss man auch ein bisschen drauf eingehen. Ist HipHop nur, wenn man über Sprühdosen rappt? HipHop ist ein Lifestyle. Der alltägliche Struggle. Und wenn ich sag: »Nutten die noch blasen in der Kaiserstraße, Frankfurt, kuckt euch an, ihr seid auf Heroin«, bin ich dann ein falscher HipHopper, weil ich das sage? Ich seh das jeden Tag. Es tut mir doch auch weh. HipHop in Deutschland ist dekadent geworden. Traurig und asozial.
 

 
Woran liegt das?
Wir müsen doch nicht immer Amirap kopieren. Unser Wortschatz ist als allererstes hart. Brr, Brr! Das muss man nutzen. Es ist mir ein Anliegen, den deutschen Rap auf ein neues Level zu schieben. 50 Prozent klauen einfach nur von Drake, Lil Wayne oder Biggie. Was ist das für ein Scheiß? Komm doch mal auf französisch, komm doch mal. (rappt auf Fantasiefranzösisch) Dann heißt es wieder, ich hätte geklaut. Ach ja? Mach’s doch einmal so gut wie ich. Dann gebe ich dir Respekt.
 
Interessieren dich eigentlichVerkaufszahlen und Charts oder ist das Nebensache?
Was Nebensache, Alter? Ich hustle so stark. Es ist Blut gegen Blut, ich gebe alles. Ich glaube, mich würde keiner ernstnehmen, wenn ich sage: »Gangsta, wir ficken alles«, und dann interessiert das keinen Schwanz. Ich mache meine Moves, ich bin talentiert und mit »Von Brate für Brate« bin ich auf 68 gechartet. Alle wollten mich auf dem Index sehen, haben sie aber nicht bekommen. Und was ist, wenn ich Top 20 gehe und sage, okay, schenk ich euch, Top 1 nächstes Album? Dann haben die anderen Rapper alle Angst. Die wissen, der macht das. Und ich freu mich drauf, dass die es mit der Angst bekommen.
 
Du hast also noch viel vor?
Wenn ich wirklich Welle mache, dann nehm ich zwei Künstler, die aussehen wie Harry Potter. Wenn ich zwei Kinder signe und Def Cut die Beats macht, dann werden die reich. (lacht)
 
Text: Oliver Marquart
Foto: Presse
 
Dieser Artikel ist erschienen in JUICE #157 (hier versandkostenfrei nachbestellen).
 

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