Kings Of HipHop: EPMD

EPMD
Foto: © Janette Beckman

Sieben Alben, die allesamt das Wort »Business« im Titel tragen und ein Akronym für »Erick and Parrish making Dollars« als Bandname – man sollte nicht erstaunt darüber sein, dass EPMD zu den zielstrebigsten und erfolgreichsten Rap-Acts der Goldenen Ära nach 1988 zählen. Mit dem modernen Bling-Hyperkapitalismus des Rapgeschäfts hatten EPMD aber nichts am Hut. Das Business von Erick Sermon und Parrish Smith lief immer nach etwas anderen Regeln. Die Selbstverständlichkeit, mit der EPMD Standards setzen und Hit-Album nach Hit-Album abliefern konnten, war eine absolute Ausnahmeerschein­ung. Die Kraft von EPMD lag in der Ruhe und Gelassenheit. Aber auch das erfolgreichste »Business As Usual« hat irgendwann ein Ende.

Es ist irgendwie symptomatisch, dass EPMD erst jetzt ihren Platz in unserer Reihe »Kings Of HipHop« finden. Denn obwohl das Duo fraglos zum Kanon der Klasse von 1988 zählt, sind es meist ihre Kollegen, über die retrospektiv zuerst gesprochen wird. Über die Gründe lässt sich mutmaßen. EPMD hatten nicht das politische Sendungsbewusstsein von Public Enemy, nicht die MC-Skills von Rakim, nicht die oft afrozentrische Rhetorik von KRS-One oder den Jungle Brothers und schon gar nicht die gefährliche Anmutung von N.W.A. Wahrscheinlich liegt darin schon eine Erklärung für ihren anhaltenden Erfolg: EPMD waren im Vergleich zu vielen ihrer Zeitgenossen immer etwas bodenständiger und greifbarer, weniger Innovationstreiber und Aufrührer als vielmehr stoische Mittelständler des Rap, die durch konstantes, konzentriertes Arbeiten und ihren Jungs-von-nebenan-Charme einige der ganz großen Klassiker in den Geschichtsbüchern verewigen konnten. Gar nicht so schlecht für Erick und Parrish.

Brentwood, Long Island, Mitte der Achtziger. Mit Run-DMC hat HipHop gerade seine neuen Posterboys gefunden, deren brutale, skelettige Drumcomputer-Sounds eine neue Ära für Rap-Platten eröffnen. New York City liegt nahe genug, um als Vorstadt-Teenager mitzuschneiden, was in der Metropole in Sachen HipHop passiert – mitschneiden auch im engeren Wortsinn, denn die Radioshows, in denen Rap gespielt wird, knallen auch aus Blastern außerhalb der Inner City und inspirieren zahllose Kids, selbst aktiv zu werden. Long Island ist aber auch so weit draußen, dass die Kids in den Parks wissen: Sie müssen wohl besonders gut sein und besonders hart arbeiten, um eine Chance gegen die Konkurrenz aus der Bronx, aus Brooklyn und Queens zu haben. Parrish Smith ist eins von sieben Geschwistern, und sein älterer Bruder James alias Smitty D. sorgt für die musikalische Früherziehung, indem er Afrika Bambaataa und die Zulu Nation regelmäßig zu Block Partys nach Brentwood bucht, als Parrish gerade mal 13 ist. Derart angefüttert bekommt Parrish mit 14 ein DJ-Set geschenkt und wird als DJ Eazzy »P« Teil von Smittys Gruppe Rock Squad, die 1985 eine Single bei Tommy Boy Records veröffentlicht. Als Erick Sermon im selben Jahr in die Nachbarschaft zieht, ist Parrish also schon recht erfahren. Bei der täglichen Rap-Cypher auf dem Schulflur freunden die beiden sich an.

Auf erste Gehversuche als Duo folgt eine Zwangspause, als Parrish 1986 als Football-Quarterback an die Southern Connecticut State University geht. In diese Zeit fällt »Eric B. Is President«, die erste Single des MCs Rakim aus Wyandanch, wenige Meilen westlich von Brentwood. Rakims Debüt ist die New Yorker Rap-Sensation des Jahres (siehe »Kings Of HipHop« in JUICE #159), und die Tatsache, dass so ein innovativer MC von Long Island stammt, gibt der Insel ein neues Selbstbewusstsein als Rap-Standort. Dazu kommt, dass gerade Erick Sermon zuvor immer ein wenig von Zweifeln wegen seines langsamen Rapstils geplagt war, den er sich aneignen musste, um sein hörbares Lispeln nicht zu auffällig klingen zu lassen. In Zeiten von Run-DMC und Big Daddy Kane schien langsamer, entspannter Rap nicht gefragt. Mit »Eric B. Is President« hatte sich das erledigt. Rakim hilft EPMD also entscheidend auf den Weg, ohne überhaupt zu ahnen, wer da zwei Käffer weiter Texte schreibt.

Der Kontakt zwischen Parrish und Erick reißt während der räumlichen Trennung nicht ab. Parrish beschließt, der gemeinsamen Rapkarriere eine Chance zu geben, anstatt sich dem rigorosen Training der College-Footballmannschaft zu unterwerfen. Erick, noch im letzten High-School-Jahr, ist dabei, und 1987 entstehen zwei Demo-Tracks. »It’s My Thing« verweist auf Afrika Bambaataas Partys und die Tapes des Zulu-DJs Jazzy Jay, die Parrish als Kind von seinem großen Bruder bekommt. Der klassische Breakbeat aus »Seven Minutes Of Funk« von The Whole Darn Family ist die Basis für die Vorstellung des Duos durch Parrish, Microphone Doctor: »MCs out there, you better stand clear/EPMD is a world premier/From New York straight talk, America’s best/Cold wild Long Island is where we rest.« Der zweite Song, »You’re A Customer«, ist auf seine Art typisch für EPMD, die unkonventionelle Samplequellen im demografisch bunt gemischten, bürgerlichen Brentwood aufgabeln. So entsteht die simple Bassline in Anlehnung an »Cheap Sunglasses« von ZZ Top (das im fertigen Song nicht mehr als Sample auftaucht), dazu gesellt sich ein Stück von »Fly Like An Eagle« von der Steve Miller Band – beides nicht gerade Block-Party-Hits aus der Hood.

So bewaffnet gehen EPMD in New York Klinken putzen und wecken das Interesse von Sleeping Bag Records, einem kleinen Label, dessen Adresse sie von einer Just-Ice-Maxi notiert haben. Für sagenhafte 1.500 Dollar unterschreiben EPMD ihren Single-Deal, nehmen die beiden Demo-Songs mit dem findigen Engineer Charlie Marotta neu auf (die langen Breakbeat-Loops kommen nicht aus dem Sampler, sondern sind Tonbandschleifen) und lassen sich vom stadtbekannten Radio-Duo Awesome 2 erklären, wie man die monotonen Stücke in Puzzlearbeit um Refrain und Arrangement erweitert. Red Alert, einen der wichtigsten Radio-DJs der Zeit, kennt Parrish über seinen Bruder, und Red Alert tritt dann auch eine Lawine los, als er »It’s My Thing« in seiner Show spielt. In kurzer Zeit verkauft Sleeping Bag wohl 80.000 Singles, bevor EPMD für ein Album verpflichtet werden. Die 10.000 Dollar Vorschuss für den Deal sind immer noch arg sparsam, aber Erick und Parrish können all ihre Urheberrechte behalten, was in ihrer Situation längst nicht selbstverständlich ist.

In ihrer jugendlichen Naivität, so erzählen sie später, wissen EPMD bis zum ersten Studiotermin mit Charlie Marotta nicht, was ein Produzent ist. Es erschien ihnen immer selbstverständlich, dass die Künstler, die man hört, ihre Musik auch selbst machen. Während also in den Anfangstagen Marotta und weitere Engineers die technische Umsetzung erledigen, kommen EPMD mit massig Ideen und Platten ins Studio und sehen sich von Anfang an als autarke Band, die alle kreativen Aspekte ohne fremden Input umsetzen möchte. (Wie hilfreich eine Hook ist, haben die Awesome 2 ­inzwischen ja erklärt.) Entsprechend eigen klingen die meisten der zehn Tracks, die 1988 auf dem Debütalbum »Strictly Business« landen. Der Titelsong samplet zum Beispiel, wieder so ein Long-Island-Move, die Eric-Clapton-Version von »I Shot The Sheriff«, weil die eben geiler ist, und »You Gots To Chill« loopt das brutale »More Bounce To The Ounce« von Zapp. Auf dem Album sind fast keine periodentypischen James-Brown-Samples zu hören, stattdessen klingt »You Gots To Chill« wie Proto-G-Funk, und überhaupt ist die Schlagzahl niedriger und der Funk irgendwie fetter und melodiöser als bei den meisten Zeitgenossen, die viel sportlicher mit dem Sampling-Equipment umgehen. Die tiefenentspannte, oft unsauber dahingenuschelte Delivery der Texte und das alltagstaugliche Braggin’ and Boastin’ tun ihr Übriges. »Strictly Business« ist sicher nicht das Maß der Dinge, wenn es um Innovation und höher, schneller, weiter geht. Aber der, na ja, Swagger der zwei imposant großen Typen mit den Normalo-Sprüchen, die ganz selbstverständlich unter ihren bürgerlichen Namen auftreten, macht das locker wett und »Strictly Business« zu einer der originellsten Platten des vielleicht stärksten Rap-Jahrgangs der Geschichte.

Innerhalb einiger Wochen gehen über 500.000 Exemplare von »Strictly Business« über die Ladentheken, das Album erreicht die Spitze der Billboard-R’n’B/HipHop-Charts und kassiert auch noch 5 Mics, die rare Höchstwertung von »The Source«. Ein wenig Spesen für die nachträgliche, außergerichtliche Sampleklärung fallen bei all der Euphorie kaum ins Gewicht. Run – ja, von Run-DMC – outet sich als großer Fan und sorgt dafür, dass EPMD Teil der riesigen »Run’s House«-Tournee werden. Plötzlich gehen Erick und Parrish, mit gerade mal zwanzig noch zu jung, um legal Bier trinken zu dürfen, also als die Typen mit dem Nummer-Eins-Album auf Weltreise mit ihren Idolen Run-DMC, Public Enemy, Jazzy Jeff & The Fresh Prince und Stetsasonic. Das inoffizielle dritte Mitglied von EPMD stößt auf dieser Reise dazu: Jam Master Jay bringt DJ Scratch ins Spiel, als EPMD nach dem Weggang von DJ K La Boss nur mit einer Bandmaschine und einem auf Play drückenden Bodyguard auf die Bühne gehen. Bis heute gehört Scratch zum Team.

Eine szeneinterne Kontroverse entzündet sich inmitten all der Freude an einer Zeile aus »You’re A Customer«, in der PMD rappt: »It’s like a Dig’em Smack/Smack me and I’ll smack you back«. Damit bezieht er sich auf den »Dig’em Frog«, das Maskottchen von Kellogg’s Smacks, und dessen Slogan »Gimme a smack and I’ll smack you back«. Die Zeile wird aber von Fans als Seitenhieb gegen Rakim ausgelegt, der kurz zuvor erklärte: »You could get a smack for this.« (Manchmal helfen Schellen.) Rakim schießt auf »Follow The Leader« zurück: »Stop buggin’, a brother said dig him, I never dug him/He couldn’t follow the leader long enough so I drug him/Into danger zone«. Das sitzt. Anspielungen auf mehr oder weniger geklaute Styles, PMDs »dig’em«-Line und eine »danger zone«-Line von E, in Höchstgeschwindigkeit vorgetragen. EPMD wissen: »He was destroying us!« Eine Antwort ersparen sie sich wohlweislich, auch wenn es erst ein paar Jahre später eine richtige Aussprache mit Rakim gibt.

Mit ihrem Manager Russell Simmons, mit Lyor Cohen von Def Jam und ihrem Mentor Run haben EPMD derweil ein Umfeld, das sie in ihrer businesshaften Bodenständigkeit unterstützt. Sie erlauben sich verhältnismäßig wenig Extravaganz, haben keine riesige Entourage durchzufüttern und achten von Anfang an darauf, gut mit ihren Finanzen umzugehen. Entsprechend solide geht es auch zu, als 1989 das zweite Album fällig ist. »Unfinished Business« ist in weiten Teilen etwas weniger überraschend und dafür ausgefeilter produziert als das Debüt, steht aber wie das von Haze gestaltete Bandlogo für eine klar erkennbare musikalische Marke – humorvoller funky Battlerap, angeführt von der angriffslustig blubbernden Leadsingle »So Wat Cha Sayin’«, in der sich auch DJ Scratch vernehmbar vorstellt. E Double und PMD üben sich in »Please Listen To My Demo« und »Jane II«, dem ersten Sequel der ewigen Jane-Saga, in versierterem Storytelling, ersparen sich und uns aber leider nicht den damals obligatorischen Hip-House-Tune und das überlange, in Gitarre ersaufende Lehrstück »You Had Too Much To Drink«. Dafür bringt »Knick Knack Patty Wack« in der inoffiziellen Stunde Null des Hit Squad – dazu später mehr – das erste Rap-Feature des EPMD-Katalogs, eine Strophe von K-Solo, der das Buchstabieren einzelner Wörter zu seinem Markenzeichen macht. Ausgerechnet hier rutscht halt »like a B-R-I-D in the S-K-Y« (sic!) durch.

»Knick Knack« ist außerdem ein Prachtexemplar für ein smart gediggtes Sample, das von EPMD warmgespielt und von einer späteren Generation erst riesig gemacht wird, denn das Klavier aus Joe Cockers »Woman To Woman« gelangt 1995 mit »California Love« zu neuen Ehren. Ähnlich läuft es mit »Get The Bozack«, auf das DMX bei »Get At Me Dog« inklusive miesem K-Solo-Diss zurückgreift. Unterdessen ist aus dem Jungsduo, das in Streifenpullovern im Studio chillt, auch auf dem Cover eine erfolgreiche Gruppe geworden, die doch noch genug B-Boy-Geist in sich trägt, um ohne allzu viel Bling im Anglerhut-Partnerlook auf Camaro und Obere-Mittelklasse-Benz zu posieren. Jedenfalls geht »Unfinished Business« wieder zuerst auf die Eins und dann im Laufschritt Gold, kann aber nicht verhindern, dass Sleeping Bag Records große finanzielle Probleme hat und schließlich ins Aus schlittert. Russell Simmons nutzt die Gelegenheit, um Erick und Parrish (die schon bei seiner Managementfirma Rush unter Vertrag stehen) für fünf Alben bei Def Jam zu signen. Für die Vertrags­übernahme von Sleeping Bag sind laut Simmons 1,7 Millionen Dollar in verschiedene Taschen geflossen. Während aber das erste Produkt dieser Zusammenarbeit auf sich warten lässt, formiert sich hinter den Kulissen langsam das Hit Squad, die Künstlerfamilie um EPMD, die den Status der Gruppe als eigenes, unabhängiges Camp weiter festigt.

EPMD lernen in einem Club in New Jersey einen DJ namens Reggie Noble kennen, der mit Do-ItAll von den Lords Of The Underground auftritt. DoItAll erzählt den Kollegen aus Long Island, sein DJ könne auch rappen, und Erick Sermon erinnert sich gern an die erste Zeile von Reggie, nach der er ihn am selben Abend einfach mit auf die Bühne nimmt: »I flow like a butterfly, Sting like the rock group«. (Dass Sting keine Gruppe ist, störte Erick wohl nicht weiter.) Die beiden werden gute Freunde, und aus Reggie Noble, der für eine Weile bei Erick einzieht, wird Redman, der Funk Doctor Spock, der auf dem dritten EPMD-Album »Business As Usual« der Welt vorgestellt wird. Kurz bevor das erscheint, kreuzen sich in Virginia die Wege von EPMD und einem jungen, eigenwilligen Rap-Duo, das mit zungenbrecherischer Akrobatik – Iggedy, Diggedy – für Wiedererkennungswert sorgt: Drayz und Skoob, zusammen bekannt als Das EFX. K-Solo tritt aus der zweiten Reihe nach vorn und veröffentlicht 1990 das Album »Tell The World My Name«, fast durchgehend auf Beats von PMD. Die Single »Spellbound« steuert Erick bei.

Der Erfolgsdruck für »Business As Usual« ist immens. Nach zwei Gold-Alben bei einem kleinen Independent-Label will Russell Simmons natürlich beweisen, dass Def Jam mehr kann. Für das Cover wird der ehemalige Marvel-Zeichner Bill Sienkiewicz engagiert, die Videobudgets werden größer, und mit LL Cool J gibt sich auch einer der Stars des Labels die Ehre. Hinter den Kulissen sind die Umstände für dieses EPMD-untypische Feature aber anders. Nach dem durchwachsenen Album »Walking With A Panther« hat LLs Ansehen in der Szene merklich gelitten, und Def Jam liegt viel daran, den strauchelnden Star mit einer Hardcore-Fanbase zu versöhnen. Das Vehikel dafür ist »Rampage« mit LL und PMD, auf dem Erick ursprünglich gar nicht auftaucht. (Sein nachträglich krank eingerappter Part auf dem schnellen Beat gehört nicht zu seinen Glanzstunden.) Als ein Video zu »Rampage« gedreht wird, ist LL auch solo mit »Mama Said Knock You Out« wieder in Fahrt gekommen – man weiß nicht so recht, ob hinter dem Vorhang letztendlich ein guter Cool-J-Doppelgänger steht oder er selbst, jedenfalls tanzt Jennifer Lopez im Clip. Viel Spaß beim Suchen. Redmans öffentlicher Einstand auf »Hardcore« und »Brothers On My Jock« gerät wiederum so überzeugend, dass Redman bald selbst bei Def Jam unterschreibt. »Business As Usual« gilt unter vielen Kommentatoren als die schwächste der klassischen EPMD-Platten. Das mag zutreffend sein, ein gewisser Mangel an Konzentration und Konsequenz scheint sich zum unglücklichen Titel zu gesellen – aber auf was für einem hohen Niveau und in was für einer Konkurrenzsituation sich das abspielt, lassen E Double und PMD uns nicht vergessen. Letztendlich gibt’s halt den Bozack, zwischendurch einen Hauch New Jack Swing und zum dritten Mal in Folge Gold und die Eins.

Zwischen ihrem dritten und vierten Album stehen EPMD allmählich so da, wie sie sich das gewünscht haben dürften. Nach wie vor in Long Island sesshaft, ist ihnen die glitzernde Plattenfirmenwelt in Manhattan angemessen suspekt. Mit der räumlichen bewahren sie die geistige Distanz zur Downtown-Gesellschaft, was sicher beim Hardcore-bleiben hilft. Kurz nach N.W.A ist das Rap-Livegeschäft ziemlich desolat (Versicherungspolicen und Sicherheitsdienste für Rap-Shows sind in dieser Zeit extrem teuer und schwer zu bekommen), aber im Paket mit Acts wie Heavy D, LL Cool J und sogar MC Hammer sind EPMD immer wieder unterwegs. Da Erick und Parrish auch als Gutverdiener keine Anzeichen von kostenintensiver Höhenflugmalaria zeigen und den Kreis klein halten, ist die finanzielle Situation komfortabel. Es wird weiter an der eigenen Aufstellung gearbeitet: Das Duo gründet eine Managementfirma, Shuma Management, und kümmert sich um die Geschicke des Hit Squad. Zu K-Solo, Das EFX und Redman gesellt sich das weiße Duo Knucklehedz und die Rapperin Hurricane G, mit der Erick auch liiert ist und ein Kind hat. 1991 bleibt das erste Jahr ohne EPMD-Album – erst im Sommer 1992 folgt der weithin akzeptierte dritte Klassiker, »Business Never Personal«. Ein brillantes Rap-Album von einem Duo in Hochform, das sich in seiner Karriere noch keinen Fehltritt geleistet hat, ein Meisterstück mit ziemlich trügerischem Titel.

Die Single »Crossover«, ein mahnendes Stück Hardcore-Rap gegen den Ausverkauf und gegen Zugeständnisse an den Mainstream, wird zum mit Abstand größten Hit von EPMD. »Crossover« knackt mit prägnantem Roger-Troutman-Talkboxsample die Top 50 der US-Single-Charts, während die zweite Single »Head Banger« lehrstückhaft dazu genutzt wird, das Hit Squad zu pushen. Im Herbst 1992 trauen EPMD sich sogar, mitsamt Hit Squad auf ihre erste Tour als Headliner zu gehen, anstatt sich an einen poppigeren Act zu hängen, der wegen »Crossover« ohnehin beleidigt wäre. Alben von Redman, Das EFX und K-Solo, alle mit EPMD als Produzenten oder Executive Producer, tummeln sich parallel zu »Business Never Personal« in den HipHop-Charts, über drei Millionen Hit-Squad-Tonträger werden 1992 verkauft, die Crew repräsentiert bei »Yo! MTV Raps«, und nach außen hin sieht alles picobello aus. Aber, wie Parrish in einem Interview so treffend sagt: »When it gets personal, people get hurt and you start to lose.«

Zwischen Erick und Parrish, die sich für die Vorproduktion noch zusammen in die Ruhe der Berge in Upstate New York zurückgezogen hatten, entstehen Spannungen, über deren genaue Natur – irgendwas mit Geld – nur wenig bekannt wird. Es kursieren Gerüchte über ausbleibende Zahlungen, geklaute Konzepte, falsche Credits und Gewaltandrohungen innerhalb des Squad. Schon zum Zeitpunkt des »Head Banger«-Videos und der Hit-Squad-Tour weiß die Crew wohl, dass es ungemütlich wird, reißt sich aber – Business eben – noch zusammen. Zur Eskalation kommt es, nachdem Ende 1992 mehrere bewaffnete Männer bei Parrish einbrechen, der aber abwesend ist. Ein Tatverdächtiger gibt angeblich zu Protokoll, Erick Sermon stecke hinter dem Vorfall oder habe zumindest davon gewusst. Erick kommt kurzzeitig in Untersuchungshaft. Danach zerfällt EPMD – im erfolgreichsten und einflussreichsten Jahr der Gruppe, nach vier aufeinanderfolgenden Nummer-Eins-Alben.

In den wenigen Interviews, in denen Erick und Parrish nach dem Split konkret über die Vorfälle sprechen, stellt sich die Situation etwa so dar: Shuma Management habe auf dem Papier nur PMD gehört, was Erick erst nach der Trennung herausgefunden habe. Parrish habe deswegen über Shuma mehr an Hit Squad verdient als Erick – als Ericks Manager also auch an dessen Arbeit. Erick habe sich immer lieber um Musik als um Business ­gekümmert, Parrish die ganze Arbeit ­gemacht. Nach dem Split, so Erick, sei er plötzlich »fast pleite mit nichts außer 1.000 Dollar und einer Kreditkarte« ­dagestanden. Für Def Jam war das Aus von EPMD eine grässliche Nachricht in einer Zeit, in der es dem Label finanziell ohnehin nicht gut ging. Das Label versucht vergeblich, eine ­Versöhnung herbeizudiskutieren. Als dann »The Chronic« erscheint, die vielzitierte Wende von der Ost- zur Westküste, von klassischem HipHop und Def Jam hin zu Gangsta-Rap und Death Row, haben sich EPMD schon ganz von selbst verabschiedet.

Nun, nicht ganz verabschiedet. Erick Sermon zieht nach Atlanta, eröffnet ein Fachgeschäft für auffällige Felgen und andere Autoteile und genießt seine Rolle als New Yorker Rapstar im Süden, der musikalisch längst nicht so auf der Karte ist wie heute. Er produziert Redman und Keith Murray, gründet mit ihnen das Def Squad, bandelt ein bisschen mit Lisa »Left Eye« Lopes von TLC an und produziert mit der Band Illegal den Hit »We Getz Busy«. Puff Daddy platziert Erick mit »Hittin’ Switches« prominent auf einem Filmsoundtrack, und Ende 1993 folgt Ericks erfolgreiches erstes Soloalbum »No ­Pressure« bei RAL/Def Jam, das man getrost als seinen Schlussstrich unter das Kapitel EPMD hören darf. Parrish Smith lässt es derweil ruhig angehen und sieht keine Notwendigkeit, neue Musik nachzulegen, obwohl er Wert darauf legt, den Großteil der ersten EPMD-Alben produziert zu haben. Das EFX und K-Solo bleiben Teil von PMDs Hit Squad. (K-Solo veröffentlicht nach 1992 kein Album mehr und sorgt nur mit DMX-Beef und einem temporären Namenswechsel zu Wolfgang für Aufmerksamkeit.) In einem Interview sagt PMD, er sehe sich als Labelbetreiber und habe kein Interesse an einer Solokarriere. So etwas mache man nur, wenn man sich etwas zu beweisen habe. Es dauert nur bis 1994, bis sein Album »Shadé Business« (sic!) erscheint, eine leider eher bemühte Angelegenheit, die auf recht wenig Gegenliebe stößt.

Mitte der Neunziger ist das neue Muster also etabliert. Erick Sermon ist der Rapper-plus-Hit-Produzent, auf den man sich einigen kann, und PMD, der technisch überlegene Rapper, ist der irgendwie übriggebliebene Dude mit zu wenig Charisma und zu wenig Solo-Erfolg. Finanziell interessant dürfte neben den EPMD-Lizenzen vor allem noch Parrishs Beteiligung als Executive Producer und Manager von Das EFX sein. Unterdessen hat mit dem Wu-Tang Clan eine ganz andere Gruppe nach dem ursprünglichen Konzept des Hit Squad – unterschiedliche MCs mit starken Charakteren und Solo-Deals – das Geschäft auf den Kopf gestellt. Raekwon und Erick kannten sich seit den Anfangstagen von EPMD, und auch wenn es zuvor schon Kollektive wie die Juice Crew gab, ist das Hit Squad in seiner 1992er Aufstellung fraglos eine brauchbare Blaupause nicht nur für den Clan, sondern auch für andere Truppen von Bad Boy (deren ebenfalls lispelnder Mase sich ohnehin früh auf Erick Sermon bezieht) bis Odd Future. Sowohl Erick Sermon (»Double Or Nothing«) als auch PMD (»Business Is Business«) legen 1995 und 1996 ein jeweils zweites Soloalbum nach.
So verbringen EPMD die Jahre des medial hochgekochten Westküste-Ostküste-Beefs getrennt und sind zugleich eher Zaungäste, als New York nach »Illmatic«, »Enter The Wu-Tang« und »Ready To Die« wieder an künstlerischer Bedeutung gewinnt. (Erick Sermon hatte den jungen Nas sogar im Studio, gibt aber zu, dessen Potenzial zu spät erkannt zu haben.) Als schließlich 2Pac und Biggie ermordet werden, besinnt Erick sich endlich auf die Ursprünge, greift zum Telefon und ruft seinen Ex-Partner PMD an. Die beiden treffen sich in einem Klima des allgemeinen Post-Gangsta-Katers, unterhalten sich und beschließen: »Never say never/EPMD’s back together«. Eingeläutet wird die Reunion im Sommer 1997 von der Single »Da Joint« mit der grenzgenialen A-Capella-Opening-Line »I make a million … bucks« von E Double, Mitgröl-Hook und nur leichter Geschichtsklitterung im Video-Intro. Jedenfalls: Riesenhit und nach »Crossover« die einzige EPMD-Single in den Billboard-Popcharts. Das zugehörige Album heißt wenig originell »Back In Business« und stellt »Da Joint« noch auf der ersten LP-Seite mit »Richter Scale« und »Never Seen Before« zwei herausragende Tunes zur Seite. Danach flacht das Hörerlebnis etwas ab, je nach Lesart ist »Back In Business« insgesamt erfreulich hardcore oder doch etwas unspannend – trotzdem gelingt EPMD nach fünf Jahren Funkstille eine unpeinliche Reunion, die weder altbacken noch möchtegerntrendy wirkt.

Erick Sermon nutzt das Momentum für »El Niño«, ein Def-Squad-Album mit Redman und Keith Murray. Schon zuvor macht deren Coverversion von »Rapper’s Delight« Retro-Welle, und Erick Sermon macht sich wiederholt erfolgreich an einem minimalistischen Beat-Template zu schaffen, das in Variationen unter anderem zu »4, 3, 2, 1« (LL Cool J und Freunde) und »Full Cooperation« (Def Squad) wird. Auch Ericks Beteiligung an »Doc’s Da Name 2000« von Redman und »Blackout!« von Meth & Red ist unüberhörbar – letzteres Superheldenduo hat er 1995 schon für »How High« zusammen ins Studio gebracht. Man wundert sich nur, wieso PMD nach der Rückkehr von EPMD bis auf vereinzelte Gastauftritte keine eigenen Pferde ins Rennen schickt. Nur zwei Jahre nach »Back In Business« heißt es dann nämlich »Out Of Business«: Das sechste EPMD-Album, auch als Doppelalbum mit »Greatest Hits«, ist zumindest als Abschied von gemeinsamer Studioarbeit gedacht und hört sich bereits deutlich so an, als wäre schon niemand mehr so recht bei der Sache gewesen. Nicht wirklich schlecht, aber durchaus verzichtbar. EPMD sind wieder raus.

Bei Erick Sermon geht es zackig weiter. Erst erscheint im Vertragslimbo das Album »Def Squad Presents Erick Onasis«, das unter anderem wegen des ersten Auftritts von Rick Ross (als Tephlon) Aufmerksamkeit verdient. Als er dann aus einem unveröffentlichten Marvin-Gaye-A-Capella die Hitsingle »Music« zimmert, rutscht Erick in einen hochdotierten Vertrag mit J Records, der ihm neben 4 Millionen Vorschuss angeblich auch unerhörte fünfzig Prozent des Gewinns einbringt. Die 200.000 Dollar, die er aus eigener Tasche ins Sample-Clearing gesteckt hat, erweisen sich als gute Investition, auch das Album »Music« läuft blendend. Der Nachfolger »React« kommt zwar mit starker Single (Just Blaze statt Erick am Beat), kann den Erfolg von »Music« aber nicht wiederholen. Erick verlässt J Records und fällt als gefragter mittelständischer Produzent immer wieder auf die Füße – allein ein EPMD-Sample bei Mario Winans bringt angeblich 100.000 Dollar ein. PMD veröffentlicht unterdessen ein Album mit dem Japaner DJ Honda, sowie ein weiteres Soloalbum namens »The Awakening« und bleibt auf seinem Status Quo, während die ursprünglichen Hit-Squad-Mitglieder mal im Knast sind, mal zanken (Keith Murray und K-Solo sind für beides besonders anfällig) und mal tatsächlich ein Compilation-Album abliefern (»Zero Tolerance«).

Was unter dem Namen EPMD folgt, ist das recht normale Spätwerk von Protagonisten der Golden Era. Seit 2005 gibt es wieder gemeinsame Auftritte und eine große Tour mit dem Festival Rock The Bells, eine neue Single und ein mehrmals verschobenes zweites Reunion-Album namens »We Mean Business«, das schließlich 2012 erscheint, aber keinen bleibenden Eindruck hinterlässt. Weil erstmals seit 1989 niemand bei DJ Scratch anruft, als es um Beats und Gigs geht, gibt es auch noch Gemecker des langjährigen Mitstreiters, der zusammenfasst: »Ich bin mit beiden cool, aber bei der ersten Trennung war Parrish das Problem, und seit der Reunion ist es Erick.« Ein wenig unerwartet passiert dann 2012 etwas, was seit dem Split 1992 kaum denkbar schien: New York erlebt eine Hit-Squad-Show mit EPMD, Redman, Das EFX, K-Solo und Special Guest Keith Murray. Erick, der sich gerade erst von einem Herzinfarkt erholt hat, hält die Fäden in der Hand und vermittelt geduldig zwischen Def Squad und Hit Squad: »Das einzige Problem gab es zwischen Keith Murray und K-Solo. Manche Menschen werden einfach nicht erwachsen. Gerade, wenn sie keinen Erfolg haben.«

Erick und Parrish machen jedenfalls immer noch Dollars. Sicher anders als vor 25 Jahren, vielleicht weniger am Puls der Zeit und höchstwahrscheinlich für eine ältere Zielgruppe – aber selbst wenn EPMD nach 1992 nie wieder einen Ton von sich gegeben hätten, wäre alles von »Strictly Business« bis »Business Never Personal« Pflicht in der HipHop-Grundausbildung. Nicht wegen Nostalgie, sondern wegen Hardcore. So Wat Cha Sayin’? ◘

Dieses Feature erschien erstmals in JUICE #171.

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