Redman Interview

Die unverkennbare Stimme. Das natürliche Charisma. Der hohe Entertainment-Faktor. Der satte Funk. Diese bewährte Kombination weiß uns nun bereits seit 18 Jahren, sechs Soloalben, zwei Alben mit Method Man und einem mit dem Def Squad prächtig zu unterhalten. Auf dem kommenden siebten Streich “Reggie” soll das bewährte Konzept erstmals ­durchbrochen werden: Redman gönnt sich eine Auszeit und überlässt Reggie Noble das Rampenlicht. Der Künstler, für den die Fans oberste Priorität genießen, stellt deren Treue nun auf die Probe. Feiern sie den Soopaman Lova auch auf Auto-Tune? Haben zeitgeistige Pop-Einflüsse etwas auf einem Redman-Album verloren? Die Fans müssen entscheiden. Sicher ist nur, dass seine ­europäische Anhängerschar weiterhin keine Show verpassen wird. Denn als Performer spielt Redman ­weiterhin in der obersten Liga.

Es heißt, dass wir auf dem neuen Album nicht Redman, ­sondern Reggie Noble zu hören ­bekommen. Was kann Reggie, das Redman nicht darf?
Reggie ist mehr auf Competition aus. Er ist zukunftsorientierter und wagt sich weiter hinaus, während Redman an Altbewährtem festhält und das harte Neunziger-Feeling bringt. Reggie mag auch andere Musik und versucht sich mit Pop, Reggae oder Club­musik. Ich bin schließlich so talentiert, dass ich mich nicht auf HipHop beschränken kann. Mit HipHop hat für mich alles begonnen, aber ich mochte auch schon immer Clubmusik, Techno oder Reggae. Dafür steht dieses ­Album. Es ist etwas zeitgemäßer, nicht auf diesen Neunziger-Sound limitiert und trotzdem immer noch HipHop. Das will Reggie Noble machen, egal was die Leute davon halten.

Reggie Noble ist auch dein bürgerlicher Name. Reflektiert dich diese Platte mehr als Privatperson als deiner vergangenen Werke?

Absolut! Redman reflektiert mich als den Vater meines eigenen Stils im HipHop. Reggie Noble stand immer hinter ihm, doch es kam der Punkt, an dem er auch andere Musik machen wollte, ohne dass es völlig aus dem Rahmen fällt. Deshalb heißt es auch: Redman presents Reggie Noble. Aber das bin trotzdem immer noch zu 100 Prozent ich. Ich hatte bloß einfach das Gefühl, dass ich auch mal etwas Neues ­machen muss. Danach werde ich allerdings das “Muddy Waters 2”-Album veröffentlichen, auf dem es wieder den ganz klassischen, harten Neunziger-Vibe zu hören gibt.

Wann und wie kam dir die Idee, ein Album als Reggie Noble zu veröffentlichen?

Bereits auf meinem ersten Album hatte ich einen Song namens “Redman meets Reggie Noble”. Schon damals wusste ich also, dass ich eines Tages die Person Reggie Noble hervorholen und unter seinem Namen ein Album machen werde. Ich wusste schon 1992, dass es Sachen gibt, die Redman nicht machen kann, obwohl er Lust darauf hätte. Mittlerweile bin ich um einiges älter geworden, habe mich weiterentwickelt und bin erfolgreicher geworden – nun ist für mich der Moment gekommen, wo ich diesen Schritt tatsächlich wagen kann. Ich denke, dass die Leute mittlerweile auch ein besser geschultes Ohr haben und erkennen können, was Reggie und was Redman ist.

Denkst du nicht, dass du deine Fans vor den Kopf stoßen wirst, wenn du nun plötzlich Popsongs machst oder mit Auto-Tune experimentierst?

Ich denke, dass meine Fans im Club auch zu den neuen Songs tanzen. Ich habe gar nichts gegen den neuen HipHop – er müsste einfach mehr Konzept haben. Die Neunziger waren eine spannende Ära im HipHop, da wir die Schnittstelle waren zwischen den MCs aus den Achtzigern und den heutigen Rappern. Wir durchbrachen Barrieren und ermöglichten den Künstlern nach uns, weiterzugehen. Die Neunziger waren eine harte Zeit für MCs. Man brauchte eine Basis, so wie ich sie durch EPMD hatte, die mich rausbrachten und mir die Möglichkeit gaben, mich als Künstler zu entwickeln. So wie das später bei Dre und Eminem oder bei Eminem und 50 Cent war. Doch es reichte nicht, dass ich mit EPMD am Start war: Ich musste mich beweisen. Heutzutage hat man im Internet schnell einen Hit und er verbreitet sich per Mundpropaganda. Ein Beispiel: Erinnerst du dich an all die Rapper, die in den letzten Jahren aus dem Süden kamen? Davon sind nur noch ganz wenige übrig. Oder alle tragen im Moment enge Jeans und rappen zu Keyboard-Sounds. Ich meine: Was hat denn Afrika Bambaataa damals gemacht? Er trug enge Klamotten und rappte auf spacige Beats aus dem Keyboard. Alles, was diese neuen Artists also machen, ist lediglich die “Planet Rock”-Ära in die Gegenwart zu verfrachten. Irgendwann wird die Zeit kommen, in der plötzlich wieder harte Beats und Samples gefragt sind. Ein anderes Beispiel: Als wir damals rauskamen, hatten wir Superheldennamen wie Busta Rhymes, Method Man, Keith Murray, ODB, Mos Def oder Redman. Das waren richtig ­klingende Namen…

…und heute gibt es Young Dies und Lil Das.
Genau. Das verwirrt doch die Leute nur. Sie können und wollen sich ­diese Namen gar nicht erst merken. Trotzdem mag ich den neuen HipHop. Auch als wir rauskamen, gab es Jungs aus den Achtzigern, die uns nicht ernst nehmen wollten. Viele glaubten wohl nicht, dass Leute wie Method Man oder ich HipHop weitertragen könnten. Aber wir haben einen guten Job gemacht.

Du bist schon seit deinen ­Anfängen bei Def Jam unter ­Vertrag, trotzdem hattet ihr ja auch mal eure Differenzen.
Def Jam hat leider verlernt, wie man einen MC aufbaut. Früher zeigte Def Jam den anderen Labels, wie man einen MC richtig rausbringt. Nun sind sie in den Trott gekommen, dass sie nur noch Künstler unter Vertrag nehmen, die sich bereits einen Namen gemacht haben und bei den Radios liefen. Das ist nicht cool! Seit sich das Label gewandelt hat, ­distanziere ich mich etwas von ihnen und kritisiere sie auch mal öffentlich. Was unsere Zusammenarbeit angeht, habe ich eine sehr große Freihet. Sie bekommen von mir das Album, wenn es fertig ist, ich habe also eine ziemliche Freiheit. Um diesen Spielraum zu haben, muss man aber schon ein Weilchen dabei sein. Das hat ganz klar mit meinem Dienstalter zu tun.

Im Netz ist ein Song von dem ­Produzenten Illmind und dir ­namens “Buck Buck” aufgetaucht, der aber nur der Vorbote für ein Kollabo-Album von euch sein soll.
Illmind is my dude! Wir sind schon seit Jahren in Kontakt und haben immer mal wieder über ein Projekt gesprochen, aber dieses Jahr wird es nun ernst. Wir werden einfach stetig Songs aufnehmen, bis wir ­genug für ein Album haben. Es wird dann nach “Muddy Waters 2” ­erscheinen, auf welchem er auch ­einen ­unglaublichen Beat hat.

Du hast im Laufe deiner ­Karriere immer mit mehr oder ­weniger denselben Produzenten ­gearbeitet. Was braucht ein ­Produzent, dass du intensiv mit ihm zusammenarbeitest?
Illmind versteht es, die Härte der Neunziger mit einem futuristischen Sound zu kombinieren. Ein anderer Produzent, mit dem ich an meinem neuen Album gearbeitet habe, ist Nasty Kutt aus Norwegen, der auch “City Lights” auf “Blackout 2” produziert hat. Ich habe ihn auf Tour kennen gelernt – er gab mir seine Beat-CDs und so kamen wir in Kontakt. Ich höre mir wirklich viele Beat-CDs an.

Du gehörst also zu denen, die verstanden haben, dass es sich lohnt, sich auch in Europa umzuhören, anstatt drittklassige Beats von amerikanischen Top-Produzenten für teures Geld zu kaufen.

Ich spreche nicht nur darüber, ich mache es auch wirklich. Nasty Kutt gab mir vor einem Jahr seine CD und nun ist er auf “Blackout 2” und auf meinem neuen Album vertreten. Wenn jemand heiße Beats hat, steht einer Zusammenarbeit nichts im Wege.


Im Gegensatz zu deinen Shows verbreiten viele Rap-Konzerte pure Langeweile. Was machen die anderen falsch?

Ich kam schon nach Europa, als ich noch keine Platte draußen hatte. 1990 war ich mit EPMD hier und trug ihre Taschen. Europa ist meine zweite Heimat, ich komme seit knapp 20 Jahren jedes Jahr hierher. Ich war schon hier, als die meisten US-Künstler noch gar nicht begriffen hatten, dass es wichtig ist, in Übersee präsent zu sein. Mittlerweile haben wir uns einen solchen Namen gemacht, dass Redman und Method Man zehn Jahre kein Album veröffentlichen und trotzdem jedes Jahr hier spielen können. Die Leute hier drüben lieben diesen Neunziger-Vibe, sie verstehen es zu feiern und stehen nicht nur herum. Viele US-Künstler, die hierher kommen, zeigen nicht den nötigen Respekt. Sie verstehen nicht, dass man die Fans mit einbeziehen muss – deshalb sind viele Shows auch so lahm. Sie sind der Meinung, dass sie eine halbherzige Show abziehen, das Geld abgreifen und wieder nach Hause fliegen ­können. Aber ich weiß, dass schon viele große Namen vom europäischen Publikum ausgebuht wurden. Und das ist gut so! Wenn einer das Gefühl hat, er müsse sich keine Mühe geben, dann buht ihn von der verdammten Bühne! Und noch was: Macht unbedingt euer eigenes Ding und kopiert nicht, was wir in den Staaten machen. Denn bei uns kopiert jeder nur den anderen. Wenn jemand in eurer Stadt dope ist, dann unterstützt ihn auch. Repräsentiert eure eigenen Leute!

“Blackout 2” war auch ein kommerzieller Erfolg, also hoffen wir doch, dass ihr uns nicht ­weitere zehn Jahre aus ein gemeinsames Album warten lasst.
Überhaupt nicht, wir machen gleich weiter. Wir wollen euch einen weiteren Film und ein neues Album geben. Wir arbeiten schon ernsthaft daran, das ist jetzt kein leeres Gequatsche.

Ich habe allerdings gehört, dass es keinen “How High 2” geben soll, oder zumindest nicht unter ­diesem Namen.
Es ist richtig, dass der Film nicht in Zusammenarbeit mit Universal entstehen wird, die allerdings die Rechte an dem Filmtitel und den Figuren besitzen. Wir müssen den Film also aus rechtlichen Gründen unter einem anderen Namen und mit anderen Charakteren machen. Trotzdem sind Meth und ich die beiden Hauptfiguren, also wird der Streifen mit Sicherheit wieder mit Weed zu tun haben. (lacht)
Als wir uns vor einigen Jahren unterhielten, erzähltest du von den Plänen mit deinem Label Gilla House. Soweit ich weiß, gab es bislang keine Veröffentlichungen außer einigen Mixtapes. Und auch von den bei Gilla House gesignten Künstlern hört man wenig bis nichts. Woran liegt das?
Es liegt an der Zeit, in der wir leben. Ich komme ja aus einer Zeit, wo man in Plattenläden auftreten, Leute treffen und Hände schütteln musste. Heutzutage läuft ein Großteil der Promotion über das Internet. Das hatte ich verschlafen. Irgendwann merkte ich, dass auch ich auf Twitter sein muss und dass meine Musik auf den Blogs stattfinden muss. Ich bringe meinen Künstlern bei, dass heute mehr denn je der erste Eindruck zählt. Deshalb ist es manchmal besser, erst abzuwarten, da man vielleicht gar keine zweite Chance bekommt. Und genau aus diesem Grund ist bislang nichts auf dem Label erschienen. Man wird Ready Roc, Runt Dawg, Saukrates, Melanie und E3 jedoch auf meinem Album und meinen Mixtapes hören. Dieses Jahr wird man einiges von Gilla House hören, glaub mir. Ich habe diese Künstler seit langer Zeit unter meinen Fittichen und nun ist es an der Zeit für diese stinkenden Ärsche, endlich rauszugehen und ihr eigenes Geld zu machen. (lacht)

Du hast auch mal die Möglichkeit eines weiteren Def Squad-Albums angesprochen.
Keith Murray und ich sind bereit, da musst du mit Erick Sermon sprechen. Ohne mindestens sieben Beats von ihm ist es einfach nicht möglich. Also schreib bitte, dass das Problem ­einzig und allein bei Erick Sermon liegt. ­Redman ist bereit!

Auf der Bühne hast du verkündet, dass du einen Song mit Larry F aus der Schweiz machen wirst.
Ich war hier in einem Fitnesscenter und habe MTV geschaut. Dort lief sein Video zu “Ufojugend”. Ich mochte den Typen auf Anhieb. Daraufhin sagte ich einem meiner Homegirls in der Schweiz, dass sie herausfinden soll, wie ich mit ihm in Kontakt treten kann. Sie gab mir seine Nummer, ich rief ihn an und wir blieben die letzten sechs, sieben Monate in Kontakt. So einfach lief das – ohne Manager und sonstigen Bullshit. Ich mochte einfach seine Musik und wollte mit ihm arbeiten. Big up an Larry F und seine ganze Crew! Ich will unbedingt einen Song mit ihnen aufnehmen.


Text: Fabian Merlo
Fotos: Lukas Mäder

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