Pilz: »Ich kriege oft Nachrichten, dass ich sterben soll« // Features

Hätte Rapperin Pilz einen Euro für jede Morddrohung bekommen, die im letzten Jahr an sie gerichtet wurde, vermutlich könnte sie davon gleich die nächsten zwei Alben finanzieren. Mittlerweile sind es zwar wesentlich weniger geworden, doch mit ihrem neuen Album »Tod/Geburt« bringt sich die Rapperin aus Lübeck erneut ins Gespräch.

Es war einer der größten Aufreger der jüngeren Deutschrap-Geschichte: Im April vergangenen Jahres landete mal wieder ein Battle-Video auf dem Youtube-Kanal von DLTLLY. Darin schenken sich Pilz und Nedal Nib, zwei altbekannte Teilnehmer der Reihe, keinen Zentimeter, sie schreien, pöbeln und beleidigen. Doch Pilz schrie, pöbelte und beleidigte nicht nur, sie griff auch die Religion ihres Kontrahenten auf, setzte ein Kopftuch auf, erwähnte den Gebetsteppich – und zog damit tonnenweise Hass auf sich. In der Folge wurde genau dieser Teil des fast einstündigen Videos entkontextualisiert und verselbstständigte sich im Netz. Vielleicht gab es nie einen größeren privaten Shitstorm als der für Pilz nach diesem Battle. Zwar verging der Sturm an Wut und Mordlust nach ein paar Tagen genauso schnell wieder, wie er gekommen war, doch die knapp 10.000 Nachrichten voller Beleidigungen und expliziten Todesdrohungen bleiben. »Ich kriege immer mal wieder eine Nachricht, in der ich gesagt bekomme, dass ich sterben soll«, erzählt Pilz ein Jahr danach. Aber nach der Veröffentlichung von »RIP«, dem ersten Video zu ihrem neuen Album »Tod/Geburt«, in dem sie einen kleinen Einblick in die erhaltenen Hassnachrichten gibt, kann das Kapitel hoffentlich geschlossen werden und es wieder um Musik gehen.

Pilz, der hysterische Schreihals, hat mittlerweile gelernt, Pausen zu lassen, wrestlet sich nicht mehr an Beats ab, sondern lässt Luft zum Atmen. »Mein Markenzeichen ist meine hysterische Stimme. Aber ich habe damit gearbeitet und finde, man kann das Album jetzt am Stück hören und braucht nach drei Songs nicht mehr erst eine Pause«, gibt sie selbstkritisch zu. »Ich habe das Gefühl, dass ich nicht mehr gegen die Beats rappe, sondern mit ihnen.«

Überhaupt hat Pilz neben der rastlosen Dampframme, die ihre Musik anfangs war, eine Menge von dem zurückgelassen, was sie früher ausmachte. Schon bei ihrem letzten Studioalbum »Kamikaze« legte sie die Maske ab und »zerstörte damit einen Teil ihres bisherigen Ichs«. Neben den neu erlernten Pausen und dem ideenreicheren Stimmeinsatz ist mit Rypzylon auch ein neuer Produzent für ihr drittes Album verantwortlich – und der kommt aus einer für Rapfans fast wie eine Paralleldimension anmutenden Richtung: Psytrance und Progressive Trance. »Ich kenne keinen Rapper in Deutschland, der auf solche Beats rappt«, kommentiert Pilz den Sound des Albums. Tatsächlich flirren immer mal wieder Synthesizer durch den Raum, die einem ungewohnt vorkommen und den Hörer fordern. Per Facebook war er als Fan auf sie zugekommen und wollte Acappellas für Remixe. Etwas später kam er zu einem Konzert, sprang als DJ ein, und so entwickelte sich die Crossover-mäßige Zusammenarbeit.

Wo auf den ersten Blick die Reihenfolge im Albumtitel »Tod/Geburt« irritiert, fügt sich jedoch alles zu einem durchdachten Bild zusammen. »Ich habe so oft gesagt bekommen, dass ich eine tote Frau sei. Offensichtlich bin ich nicht tot. Und wenn ich tot bin, werde ich wiedergeboren.« Es ist ein lebhafter Neuanfang für die Battle-Rapperin.

Text: Arne Lehrke

Dieses Feature erschien in JUICE #186. Back Issues jetzt versandkostenfrei im Shop bestellen.

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