Earl Sweatshirt – I Don’t Like Shit, I Don’t Go Outside // Review

earl_idlsidgo(Columbia/Sony)

Wertung: Viereinhalb Kronen

Immerhin kann er sich noch aufregen. Als kurz vor dem Release von Earl Sweatshirts neuem Album herauskam, dass seine Plattenfirma die vorgesehenen Promoabläufe verbockt hatte, ließ sich der Rapper zu einer Schimpftirade hinreißen, die nichts mit seiner sonst eher reservierten Twitter-Persona zu tun hatte. Die Sache ist in zweierlei Hinsicht lustig: Erstens bietet »I Don’t Like Shit, I Don’t Go Outside« kaum klare Ansatzpunkte (Hits, Hooks, Pop) für sinnvolle Majorlabel-Promotion. Zweitens enthält das Album keinen einzigen Ausbruch, der so feurig erscheint wie Sweatshirts auf 140 Zeichen eingestampfte Unmutsbekundungen. Das inzwischen volljährige Ex-Wunderkind operiert auch auf seiner zweiten Platte für Sony an der Grenze zur Bocklosigkeit, rappt weitgehend ohne emotionale Regungen und begleitet sich dazu mit selbstproduzierter Musik, die klingt wie vom Studioboden weggekehrt. Aber es funktioniert. Nicht nur, weil Null-Bock-Earl noch immer schlagfertiger und verknoteter textet als beinahe jeder andere MC, sondern weil sich ein stimmiges Gesamtbild ergibt. »I Don’t Like Shit« ist ein Mixtape, das sich als Major-Release tarnt, vom Platzhalter-Artwork über die dünn dahineiernde Produktion bis zur epischen Laufzeit von 30 Minuten und 16 Sekunden. Vergleicht man Earls Nachtsicht-Video zur freud- und refrainlosen Single »Grief« mit der Teenageklamotte, die Tyler, the Creator für seine Comebacksingle »Fucking Young« gedreht hat, wird deutlich, welche Welten heute zwischen den beiden Aushängeschildern von Odd Future liegen. Kein Wunder also, dass auch der Rest von »I Don’t Like Shit« mit Heimwerker-Sound und menschenfeindlicher Stimmung eher an Awful Records erinnert, jenes Rap-Kollektiv aus Atlanta, das seit dem letzten Jahr als Südstaaten-Version der frühen Odd Future gehandelt wird. Ob sich Earl bewusst für eine breitere Öffentlichkeit verschließt oder einfach nur ein sauguter Rapper ist, dem das letzte bisschen Starpotenzial fehlt, bleibt weiter unklar. Dass er ein unbestechlicher Künstler mit klarer Ansprache und Vorstellung von der eigenen Musik ist, steht aber mehr denn je außer Frage.

Text: Daniel Gerhardt

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