Dendemann im Interview: »Wenn deutscher HipHop ein Eukalyptusbaum ist, bin ich das ätherische Öl« // Titelstory

Wie wird die neue Platte klingen? Raprock again? Rootsiges Stelldichein mit Band? Oder Arschbombe nach Rückwärtssalto in »Die Pfütze des Eisbergs«? Um es kurz zu machen: nichts von alledem.

Also hast du einen Keller voller externer Festplatten mit Beats?
Nein, ich bin kein großer Backupper. Ich bin eher der Typ: »Oh, mein Startvolumen ist gleich voll, dann lösche ich mal zwanzig Logic-Projekte, bei denen ich vom Namen davon ausgehe, dass das nichts Gutes sein kann.« (lacht)

Seit du bei Böhmermann aufgehört hast, stehen wir schon mit deinem Camp in Kontakt bezüglich deines nächsten Albums, wurden aber immer vertröstet – bis es im Sommer dieses Jahres plötzlich hieß: Die Platte ist fertig! Trotzdem hat es bis zur Veröffentlichung noch gedauert. Warum?
Die Songs waren zwar fertig, aber es war noch nichts gemischt, nichts verdealt, kein Sample gecleart. Es gab lange kein Release-Date, weil nicht klar war, ob wir alle Rechte bekommen. Ich hab mich aus der Frage nach dem Veröffentlichungstermin auch irgendwann ausgeklinkt. Ich dachte mir:
Es wird mir schon jemand sagen. (grinst)

Dass eine neue Platte von dir kommt, wurde dann von Marteria & Casper geleakt.
Ja, was für Plappertaschen! (grinst)

Warst du sauer?
Nein, überhaupt nicht.

»Er hat immer Vorfahrt, der dringende Reim«

Ist »Da nich für!« nun die Platte, die du immer machen wolltest?
Ja, absolut! Seit die fertig ist, weiß ich erst, was die Leute immer gemeint haben mit: »Warum machst du nicht so ein Album?« Die Resonanz von Leuten, die das Album schon gehört haben, war immer: »Das ist endlich das, was wir immer von dir hören wollten!«

Dann haben sich die acht Jahre Wartezeit immerhin gelohnt.
Total. Die Platte enthält auch nach wie vor meine musikalischen Grundwerte: Assoziatives Texten, oft schon vom Sample vorgegebene Thematiken, aber möglichst eigen umgesetzt. Ich wollte auf der Platte nur eins: Der bestmögliche Dende sein. Mehr nicht.

Wie viel »Vom Vintage verweht« steckt noch in »Da nich für!«?
Die Art der Produktion unterscheidet sich nur marginal voneinander. Und was die Texte angeht: Früher ist es mir schwergefallen, meinen Flow zu aktualisieren. Aber diese ganze Geschmeidigkeit, die wir früher in unsere Raps gepackt haben, das klingt heute altbacken. Mir hat es fürs Schreiben der neuen Lyrics daher geholfen, noch mal in die »Vintage«-Texte zu gucken.

Gab es so was wie Referenzplatten?
Nicht direkt. Mir war wichtig, und das war es schon immer, nicht nach Amerika zu klingen. Ich wollte immer etwas Eigenes – und dafür eignen sich deutsche Samples perfekt, auch wenn sie manchmal cheesy und krautig klingen. Aber die garantieren dir eine Eigenständigkeit – für mich als HipHop-Fan ist das eine Bringschuld.

Im Sinne von: Das sind meine Wurzeln, das bin ich?
»Die Pfütze des Eisbergs« ist damals ja nur so geworden, weil ich einen neuen Sound wollte: sample-free. Mit den Krauts habe ich es nun auch mit Samples so hinbekommen, wie ich mir das immer vorgestellt hatte. Was mir immer zuwider war: Wiederholungen. Aber ich komme aus einer Zeit der Scheuklappen und Dogmen, wo es Regeln gab, was und wo man sampeln durfte. Das hat HipHop immer kleingehalten.

Und diese Zeit ist vorbei?
Ja, aber auch erst seit fünf Jahren. Das Internet, Soundcloud, DIY-Komplettkünstler – all das hat die Scheuklappen niedergerissen. Die Dogmen wurden plattgemacht von der Masse an Kreativität.

HipHop profitiert also davon?
Absolut! Die technische Entwicklung, ein fertig gemastertes Produkt von deinem Home-Computer aus in die Welt zu schießen, ist für diese Art Musik das Beste, was ihr passieren konnte, weil sie immer unter der fehlenden Naivität gelitten hat, die sie in ihrer Demophase hatte. Jetzt ist alles wieder offen. Deswegen ist HipHop auch so erfolgreich.

Wobei man sagen muss, dass die Möglichkeiten der Vielfalt nur bedingt genutzt werden.
Stimmt. Aber die Themenlosigkeit anderer Rapper spielt mir in die Karten. (grinst) Früher hat mich das aus der Fan-Perspektive gestört. Da wollte ich, dass es deutschem HipHop gut geht, dass er anerkannt wird, dass nur gute Platten rauskommen. Heute weiß ich: Das ist nicht die Musik dafür. Der ganze Scheiß muss auch mit raus, damit die Filter so weit auf sind, dass Kunst entsteht.

»Vielleicht will ich mal was malen, was in keinen Bilderrahmen passt«

Wenn dich jemand fragen würde, der noch nie was von dir gehört hat, wie man sich deine Mucke vorstellen muss, was würdest du antworten?
Wenn deutscher HipHop ein Eukalyptusbaum ist, bin ich das ätherische Öl.

Ich dachte, du sagst jetzt Koala.
Die sollen ja so frischen Atem haben! (Gelächter) Aber nee: Das macht meine Sachen nicht besser oder reiner, denn viele Dinge, die du mit der Pflanze tun kannst, kannst du mit dem Öl nicht machen. Aber es ist eben eine Essenz, die bei der Konzentration entsteht. Und mir ist es nach wie vor wichtig, da Kultur mit reinzubringen. Das bedeutet mir etwas. Ich habe oft von Leuten gehört: »Besinn dich mal auf das, was du am besten kannst!« Und ich glaube, das habe ich auf der neuen Platte getan.

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