Dendemann im Interview: »Wenn deutscher HipHop ein Eukalyptusbaum ist, bin ich das ätherische Öl« // Titelstory

Wie wird die neue Platte klingen? Raprock again? Rootsiges Stelldichein mit Band? Oder Arschbombe nach Rückwärtssalto in »Die Pfütze des Eisbergs«? Um es kurz zu machen: nichts von alledem.

Wie bist du damals zu »Neo Magazin Royale« gekommen?
Jan kannte ich bereits, ich war 2012 mal in der Sendung »Roche & Böhmermann« zu Gast. Seine Redaktion vom »Neo ­Magazin« hat mich dann später irgendwann mal gefragt, ob ich nicht Lust hätte, mit Jan eine »History Of Rap« für seine Show zu machen. Fand ich auch super, aber: I don’t do stuff like that! Ich hab also geantwortet: »Danke, ist lieb, aber: Nein.«

»Eine deutsche Rapgeschichte« mit Jan hast du 2015 dann aber doch gemacht.
Ja, aber da war ich bereits Teil der Show. Kurz nach meiner ersten Absage haben die mich nochmal gefragt. Und nochmal. Und beim letzten Mal ging das direkt über in so ein: »Ach, übrigens, wir machen hier jetzt eh alles anders. Wollen wir uns mal treffen?«

Und das habt ihr getan.
Ja, und dann habe ich Bock gekriegt, weil die alles selbst gemacht haben. Die hatten sich ein Teppichlager in Köln-Ehrenfeld gemietet und wollten unabhängig sein vom großen Sender ZDF. Da wurde ja auch meine ganze Comedy-Bedürftigkeit bedient: Wie das mit den Autoren funktioniert, die Überbewertung eines selbstgefundenen Wortspiels zu hinterfragen, ohne zu leiden. Das hat mir sprachlich total viel gebracht.

»Untergrundfernsehen für dreckige Klicks«

Und die Idee war, die Musik zur Show zu liefern?
Um ehrlich zu sein: Die wollten mich und meine Band, Die Freie Radikale, gerne dabeihaben, wussten aber anfangs selbst noch nicht genau, wofür. Wir haben uns da rangetastet. In den ersten Folgen habe ich eigentlich bloß ein paar Limericks zum Besten gegeben, bis wir irgendwann unsere Ami-Lieblingsstücke gecovert haben, und das fühlte sich gut an. Dann wurden auch die Texte länger – immer mindestens ein Sechzehner.

Aber zwei Jahre lang jede Woche einen tighten Sechzehner zu schreiben, das klingt nach Druck.
Ich bin relativ druckresistent, das ging schon. Am Ende waren es auch »nur« 32 Shows pro Jahr. Was mir aber geholfen hat: Vor der ersten Sendung hat Jan zu mir gesagt, und das werde ich nie vergessen: »Was du wissen musst: Eine TV-Sendung ist kein Werk.« Darauf musste ich mit meinem »Immer für die Ewigkeit«-Ansatz erstmal klarkommen. Aber das war der Punkt, an dem alles aufgebrochen ist.

Und wenn dir mal nichts eingefallen wäre?
Ist ja passiert. Da habe ich einfach Stücke aus den Album-Sessions benutzt. Zwei, drei Stücke sind dem zum Opfer gefallen. (lacht)

Deine Rolle in der Show hat sich mit der Zeit verändert. Gab es für dich einen Schlüsselmoment?
Ja, bei den Attentaten von Paris im November 2015. Da stand erst auf der Kippe, ob wir überhaupt eine Sendung machen, und als wir uns dafür entschieden haben, sagte man mir: »Schreib doch mal was dazu. Was Sensibles. Du hast alle Zeit der Welt.« Die Ansage kam aber Dienstagabend, und am Mittwoch war Aufzeichnung in Köln. (lacht)

Innerhalb von 24 Stunden hast du das zweieinhalbminütige »D.E.N.D.E.U.N.I.T.É.« geschrieben?
Ja, und ab da wurde alles leichter, weil ich gemerkt habe: Das geht. Diesen Song haben wir uns erkämpft und unsere Performance von da an immer besser gemacht. Irgendwann habe ich mir aktuelle Beats gepickt, von der Band nachspielen lassen und mir dazu spannende Themen gesucht. Olexeshs »Geboren in der Großstadt« habe ich zum Beispiel einfach umgedreht und »Geboren in der Kleinstadt« daraus gemacht. Dadurch kam die Routine. Ich habe mir dienstagabends immer Musik und Thema rausgesucht, auf dem Hinflug von Berlin nach Köln ein Vokabel-Brainstorming gemacht und mittags im Fernsehstudio in irgendeiner Ecke den Text geschrieben.

Weißt du, wie viel Musik das mittlerweile ist?
Irgendjemand hat mal alle Parts zusammengeschnitten und bei Youtube hochgeladen. Das Ding ist eine Stunde und 15 Minuten lang – an Textmenge also zwei, drei Alben.

Hat dich das schreiberisch weitergebracht?
Und wie! Das war ein super Training für jemanden, der eigentlich nicht trainiert; der immer nur für den Ernstfall schreibt, sodass am Ende ein Song daraus wird. Durch dieses Cover-Prinzip habe ich zudem Flows und Techniken der Kollegen übernommen und dadurch die eigene, immer gleiche Rhythmik aufgebrochen.
Ist es dir schwergefallen, nach zwei ­Jahren die Segel zu streichen?
Überhaupt nicht. Nach zwei Jahren brauchten wir alle eine Veränderung.

»Endlich Zeit für perfektes Timing«

Im Dezember 2016 hast du bei »Neo Magazin Royale« aufgehört. Hast du dich dann direkt ans Album gesetzt?
Ich habe parallel eh immer daran gearbeitet, oft aber nur noch einen Tag die Woche. Dienstags war Vorbereitung fürs »Neo Magazin«, mittwochs morgens nach Köln zur Aufzeichnung und dann abends wieder zurück. Und ey: Zwei Flüge an einem Tag – was meinst du, wie ein Mann in meinem Alter sich danach fühlt? (grinst) Und du kannst dir ja ungefähr vorstellen, wie die Luft riecht in einem Köln-Berlin-Flug mit der letzten Maschine an einem Mittwoch. So viel vollgeschwitztes Polyester … unfassbar! (lacht)

Wie viel vom Album war fertig, als du bei Böhmermann aufgehört hast?
Schwer zu sagen, weil es Stücke gibt, die vom damaligen Stand nahezu unverändert auf die Platte gekommen sind, andere Songs wurden komplett umgeschrieben und neu aufgenommen. Wir hatten uns fürs Sounddesign ja richtig was vorgenommen, es ging uns immer um ein »sowohl als auch«. Also nicht retro oder neo, sondern immer beides.

Wie meinst du das?
Nimm ein Stück wie »Müde«, das geht super­schrottig los, ist dann im Gerüst aber so modern wie möglich ausproduziert. Und dieses Gegenspiel ist wichtig, denn den Dreck, den eine Rap-Platte braucht, den bringe ich mit meiner Stimme ja zur Genüge mit. Wenn der Beat rumpelt, brauchst du eine markante Stimme, die da durchkommt.

Arbeitest du jeden Tag an Songs – und sei es »nur« Samples diggen?
Wenn du das Arbeiten nennst, dann bin ich tatsächlich ein ziemlich fleißiger Kerl. (lacht) Ich mache jedenfalls ständig Beats – auch wenn es wirtschaftlich sinnvollere Zeitbeschäftigungen gibt. Aber das entspannt mich. Die meisten davon bekommt aber nie jemand zu hören. Denn auch wenn man zu seinen eigenen Beats immer am dollsten nickt – das macht einen Beat noch nicht gut.

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