Dave East: »Ich habe nie Schreibblockaden, meine Texte sind echt« // Feature

Lange spricht alles dafür, dass aus Dave ein Basketballprofi wird – ehe er dem Ruf des schnellen Geldes folgt und im knast landet. Dort entdeckt er eine neue Sportart für sich: Rap. Er fokussiert sich endlich darauf, in seinem Leben etwas zu erreichen. Ein paar Jahre darauf erhält Dave East einen Anruf. Am anderen Ende der Leitung ist Nas.

In seinen späten Teenagerjahren spielt sich David Brewster, Jr., wie Dave East mit bürgerlichem Namen heißt, zum ersten Mal ins Bewusstsein eines größeren Publikums. Damals zählt er zu den talentiertesten Basketballern der amerikanischen Ostküste, läuft sogar in der Liga der Amateur Athletic Union auf – neben Leuten wie Kevin Durant und Ty Lawson, die wenige Jahre später auch in der NBA zu Leistungsträgern reifen sollten. Zu dieser Zeit spricht alles dafür, dass auch David eines Tages vom Basketballspielen leben kann. Nach seinem erfolgreichen Highschool-Abschluss besucht er erst die University of Richmond, dann die Towson University. Auch dort spielt er im Basketballteam und weckt das Interesse einiger NBA-Scouts. All das reicht jedoch nicht aus, um ihn davon abzuhalten, das schnelle Geld auf der Straße zu suchen. Er fängt an, mit Drogen zu dealen. Kurze Zeit später der tiefe Fall: Er muss eine sechsmonatige Freiheitsstrafe absitzen – was sich im Nachhinein paradoxerweise als Segen herausstellt.

Denn hinter Gittern bleibt Brewster keine andere Wahl, als sich über Gott und die Welt Gedanken zu machen – im wahrsten Sinne des Wortes. So entdeckt er nicht nur den islamischen Glauben für sich, sondern auch seine Liebe für die Musik. Schon als Schüler schreibt, rappt und produziert er. Während seiner Zeit auf dem College freestylet er für seine Homies am Block, die schon früh von seinem Talent überzeugt sind. Doch über all diese Jahre ist es stets das Basketballspielen, dem er mit Nachdruck nachgeht. Jetzt erkennt David: Ich will Rapper werden. Fortan verwendet er all seine Energie darauf, Texte zu schreiben und zu rappen. Zu erzählen hat er schließlich einiges: »Ich bin in Harlem und Queens aufgewachsen, habe in Baltimore gelebt, bin aufs College gegangen, habe Basketball gespielt, dann versucht, Gras zu verkaufen, war im Gefängnis und jetzt versuche ich es mit dem Rappen. Mit 29 Jahren habe ich schon viel durchgemacht, dementsprechend gibt es vieles, worüber ich sprechen kann«, zitiert der Rolling Stone den ambitionierten Rapper.

»Ich sage den Leuten immer, dass ich nie eine Schreibblockade habe, weil die Texte direkt aus meinem Gehirn kommen. Ich schreibe über echte Erfahrungen.« (Dave East)

Im Sommer 2010, kurz nach seinem 22. Geburtstag, veröffentlicht er unter seinem Künstlernamen Dave East sein erstes Mixtape, was er – seinem Sinneswandel entsprechend – »Change Of Plans« nennt. Im Laufe der nächsten drei Jahre folgen fünf weitere Tapes; genug, um sich in seinem Viertel einen Namen zu machen. So hört auch ein gewisser Jungle Jones von Easts Musik – und wird Fan. In einem Interview mit dem amerikanischen Magazin Paper erinnert sich Dave East: »Meine Tante lebte damals in der Nähe von Queensbridge. So lernte ich Nas’ jüngeren Bruder Jungle kennen, als ich dort war. Ich habe ihm eine Zeit lang sogar Gras verkauft. Und als ich ernsthaft mit dem Rappen angefangen habe, hat die ganze Hood meine Musik gehört.« So dauert es nicht lange, bis auch Nas himself die Musik des aufstrebenden Rappers aus Harlem zu hören bekommt. »Zu dieser Zeit lebte Nas in L.A. Immer wenn Jungle ihn dort besucht hat, hat er im Auto meine Musik abgespielt«, erklärt East weiter. »Wenig später hat mich Nas schließlich angerufen.«

Ein paar weitere Telefonate werden geführt, und kurze Zeit später steht Dave East bei Nas’ Label Mass Appeal Records unter Vertrag. Im Sommer 2014 veröffentlicht er dort sein insgesamt siebtes Mixtape »Black Rose«. Ein Meilenstein für East – so surreal –, ist Nas doch sein Idol schlechthin. Denn wie schon der große Nasir Jones aus Queensbridge erzählt auch Dave East in seinen Liedern Geschichten – ungeschönt, manchmal geradezu roh, immer mit Herz. Grund genug für Nas, ihn unter seine Fittiche zu nehmen. Er findet, dass genau diese Fähigkeit Easts große Stärke ist, die ihn gleichzeitig von den meisten seiner zeitgenössischen Schaffensgenossen absetzt. Überhaupt sind Easts Referenzen nicht schwer auszumachen. Als Lieblingsrapper listet er – abgesehen von Nas – New Yorker Legenden wie Jay-Z, Biggie, Styles P und Jadakiss. Und trotzdem gelingt es ihm, dass seine Musik in Zeiten, in denen Melodie und Tanzbarkeit zunehmend essenzieller werden, nicht klingt, als sei sie aus der Zeit gefallen. So wichtig ihm Lyrics und Storytelling auch sind, bleibt er gleichzeitig für neue Strömungen und Entwicklungen offen. Beispielsweise schließt er es nicht kategorisch aus, R’n’B oder Trap in seine Musik einfließen zu lassen, was gerade auf seinem neuesten Werk »Paranoia 2« herauszuhören ist: Etwa auf dem Song »Woke Up«, der in Zusammenarbeit mit Tory Lanez entstanden ist und auf dem Letzterer ausschließlich singend in Erscheinung tritt. Oder auf »Grateful«, einer Gänsehautballade, die als Outro von »Paranoia 2« fungiert und zu der Marsha Ambrosius mit ihrer himmlisch sanften Stimme einige Zeilen beisteuert.

Mit 29 Jahren, elf veröffentlichten Mixtapes, drei EPs und gemeinsamen Songs mit seinem Mentor Nas Escobar (»Forbes List«, »Wrote My Way Out«, »The Hated«) ist Dave East längst im Geschäft angekommen. Trotzdem scheint es so, als stünde er erst am Anfang einer langen Karriere. Denn auch wenn sich »Paranoia 2« in seiner Gesamtheit wie ein Album anhört, sieht Dave East es nicht als solches an. Sein Debütalbum hat er indes für dieses Jahr angekündigt. In mehreren Interviews hat er zudem gemeinsame Musik mit Drake in Aussicht gestellt. 2018 könnte ein großes Jahr für Dave werden.

Den Bezug zum Basketball hat David Brewster, Jr. übrigens bis heute nicht verloren. Wenn man seinen Worten auf »Violent« Glauben schenken darf, sitzt er dieser Tage bei Spielen der New York Knicks im weltberühmten Madison Square Garden auch mal direkt am Spielfeldrand – neben Regisseur und Knicks-Edelfan Spike Lee: »Nas jumped on ‚Forbes List‘, then I watched my life change/Off the bucket list of my life, I wanted a white Range/White kings, spikin’ fluent drunkies, do the right thing/Courtside next to Spike, it’s so funny how my life changed.«

Dieses Feature erschien erstmals in JUICE #185. Back-Issues können im Shop versandkostenfrei nachbestellt werden.

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