BADBADNOTGOOD – Odd Future Jazz Gang [Interview]

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»Jazz-Trio« werden Matthew Tavares, Chester Hansen und Alexander Sowinski oft genannt. Falsch ist das nicht. Doch um die Musik von BADBADNOTGOOD zu ­beschreiben, greift die Bezeichnung zu kurz. Was vor vier Jahren an einem College in Toronto begann, ist heute die logische Konsequenz der Generation Soundcloud.
 
Als man sich 2010 im Jazz-Programm der Uni kennenlernt, wird schnell klar: Nicht die Bewunderung für John Coltrane, Miles Davis oder Charlie Parker schweißt die drei High-School-Absolventen zusammen. Es ist vielmehr die Leidenschaft für wirre DOOM-Lyrics, Brick-Squad-Mixtapes und Tyler und Earls ­Anarcho-Skate-Rap, die Matt, Alex und Chester von ihren Kommilitonen unterscheidet. Aufgewachsen in einer Cyber-Rapwelt, die weitestgehend auf lokale Gepflogenheiten und regionale Soundkonventionen scheißt, manifestiert sich diese Haltung auch bei den ersten Jam-Sessions, die die kanadischen Mittelschichtskinder in ihrem Freshman-Jahr abhalten. Die Jazz-­Studenten bedienen sich ihrer iPod-Playlist und spielen Coverversionen von »Hard In Da Paint« oder »Electric Relaxation«. Als man sich entschließt, den eigenen Dozenten ein auf Odd-Future-Songs basierendes Arrangement vorzuspielen, stößt es auf Unverständnis. Die davon aufgenommenen Videos dümpeln auf Youtube vor sich hin. Als Tyler allerdings von »The Odd Future Sessions Part 1« Wind bekommt und das Video auf Facebook und Twitter teilt, wendet sich das Schicksal der drei jungen Musiker. Die Klickzahlen des BBNG-Kanals schießen in die Höhe, vom Proberaum-Projekt wird man zum Blog-Hype. Tyler fliegt nach Toronto, um mit den Jungs im Keller von Alex‘ Vater zu jammen, Frank Ocean spielt mit ihnen beim Coachella 2012. Europa- und Amerika-Tourneen folgen.
 

 
Zwei Jahre nach der unverhofften Erfolgswelle, zwei Jahre nach ihrem zweiten Album »BBNGII«, sind BADBADNOTGOOD nun mit »III« zurück. Einem Album, das zum ersten Mal komplett aus selbstkomponierten Stücken besteht und unter dem wachsamen Auge von Frank Dukes produziert wurde. Der kanadische Producer, dessen Diskografie u.a. Beats für Danny Brown, 50 Cent, Masta Ace und Lloyd Banks schmücken, ist mittlerweile nicht nur Studionachbar, sondern auch Mentor und inoffizielles viertes BBNG-Mitglied. Einzig auf Tour begleitet er Matt, Alex und Chester nicht. Und so treffe ich das Trio an einem sonnigen Frühlingsabend Mitte Mai in Berlin in bester Laune zum Plausch über Dukes, Drake und D.M.C.-Zitate.
 

 
Eure Musik scheint die unterschiedlichsten Einflüsse zu haben. Mit welcher Musik seid ihr aufgewachsen?
Chester: Ich habe viel Pop-Punk gehört, Billy Talent, Blink 182 usw. Eigentlich alles, was bei Much Music, dem kanadischen MTV, so lief. Mit 12 habe ich dann ­angefangen, HipHop zu hören.
Alex: Dann hast du früher angefangen als ich. Ich war schon 15. Wer Schlagzeug spielt, hört außerdem zwangsläufig viele Rock-Klassiker, wegen der Drum-Soli. Und durch meinen Schlagzeuglehrer bin ich dann zu Jazz und Funk gekommen.
Matt: Man muss dazu sagen, dass sich keiner von uns überhaupt länger als 15 Jahre darüber bewusst sein dürfte, was es wirklich bedeutet, Musik zu hören. Als kleines Kind mag man ja einfach das, was die eigenen Eltern hören. Erst später bildet man sich selbst eine Meinung, liest Dinge im Internet und so.
 
Wo du gerade das Internet erwähnst: Glaubt ihr, dass ihr ohne das Netz eine Band wäret?
Alle: Auf keinen Fall!
Chester: Zu Anfang waren wir ja nur ein paar befreundete Jungs, die an der Uni ein bisschen jammten. Erst ein Jahr, nachdem diese ganzen Videos rauskamen, haben wir uns dazu entschlossen ein Album ­aufzunehmen und Live-Shows zu spielen.
Matt: Wir hätten sicher aus Spaß an der Sache Musik gemacht, aber niemand hätte es mitbekommen. Die Leute, die uns helfen, hätten wir anders nicht kennengelernt. Das Netz spielt für uns eine große Rolle. Man könnte sagen, wir sind Internet Explorers. (lacht)
 

 
Es sind jetzt gut zwei Jahre vergangen, seit eure letzte Platte erschienen ist. Wie hat sich euer Leben als Band in dieser Zeit verändert?
Matt: Alles hat sich total verändert – abgesehen davon, dass wir noch immer dieselben Menschen sind. »BBNGI« und »BBNGII« ­entstanden sehr spontan. Unser erstes Album haben wir gemacht, weil wir kostenlos im Studio einer Musikschule aufnehmen konnten, die ein Freund besuchte. Wir hatten nur ein paar Stunden, um alles aufzubauen und wussten nicht, was wir spielen sollten. Also brachten wir uns die Cover ­verschiedener HipHop-Songs bei, weil wir dachten, dass daraus etwas Cooles ­entstehen könnte. Für das zweite Album haben wir dann auch vorher geprobt und ein paar eigene Stücke geschrieben.
Alex: Vor und nach »BBNGII« haben wir außerdem viel im Keller meines Vaters ­gejammt. Er wohnt in einem Mehrfamilienhaus, und die Nachbarn beschwerten sich permanent über die Lautstärke. Also haben wir uns mit unserem Freund Frank Dukes, der auch an der neuen Platte beteiligt war, auf die Suche nach einem bezahlbaren Studio gemacht. Nach einer ziemlich ­frustrierenden Suche haben wir eine tolle alte Garage gefunden, die schon in der ­Vergangenheit von Bands genutzt wurde und die wir erstmal komplett renoviert haben. Die Tatsache, dass wir im Anschluss Zeit hatten, in der wir uns ganz auf unsere Musik konzentrieren konnten, war sehr wichtig für unsere Entwicklung als Band.
 

 
Wie kam es dazu, dass euer aktuelles Album zum ersten Mal nur eigenes ­Material und keine Coverversionen enthält?
Matt: Wir hatten zu Anfang gar keine Ahnung, was alles auf das Album soll.
Alex: Also haben wir einfach herumprobiert. Innovative Leisure, das Label, unter dem wir das Projekt veröffentlichen, wird von zwei Jungs betrieben, Jamie und Nate. Die waren damals schon bei unserem dritten Gig überhaupt, da war ihr Label vielleicht anderthalb Jahre alt. Als wir uns dann an das neue Album gesetzt haben, sind sie auf uns zugekommen und hatten im Endeffekt eines der besten Angebote. Sie haben es uns auch ermöglicht, in einem Studio mit einem Flügel zu recorden. Außerdem konnten wir dort Sachen auf Band aufnehmen und viel analoges Zeug ausprobieren.
 
Wieviel unveröffentlichten Stuff habt ihr eigentlich so herumliegen?
Alex: Hunderte Projekte, vielleicht ­tausende. (Gelächter)
Chester: Wir versuchen gerade, viele Beats zu machen und unser Wissen übers ­Produzieren zu erweitern. Im Endeffekt geht es vor allem darum, Sachen auszuprobieren und Spaß damit zu haben. Aber wir haben einen Haufen Schrott und einen Haufen Gold angehäuft.
 
Ihr habt unter anderem eine Produktion zu Earl Sweatshirts Album beigesteuert. Habt ihr eigentlich bestimmte Künstler im Kopf, wenn ihr Beats macht?
Matt: Manchmal kreiert man etwas und hat sofort eine Assoziation. Oft hat man dann aber nicht die richtigen Kanäle, um den Künstler zu kontaktieren. Und bei Beats sollte man Kaltakquise vermeiden. Die ­meisten Rapper kriegen bestimmt so tausend Instrumentals am Tag. Neben unseren Beats haben wir außerdem vieles für unseren Kollegen Frank Dukes eingespielt. Der produziert immer eigene Samples für seine Produktionen.
Alex: Ja, das war ein sehr gutes Songwriting -Training. Wenn man versucht, die elementaren Teile eine Songs besonders cool hinzukriegen und einen bestimmten Vibe zu kreieren.
 

 
Einer von euch hat gerade »Drake« reingerufen, als es um Künstler ging, die man beim Beats bauen im Kopf hat.
Alex: Wir lieben Drake. Er ist unglaublich. Warte mal, Jungs, können wir über das Drake-Ding reden?
Matt: Neeee…
Alex: Es gäbe ein paar lustige Storys zu erzählen, über die wir leider nicht genauer reden dürfen. Das ist noch nicht spruchreif.
 
Euer Bandname ist ein Verweis auf eine Zeile von Run-D.M.C., oder? [aus »Peter Piper«, Anm. d. Verf.]
Chester: Nicht absichtlich.
Matt: Welche Zeile?
 
»He’s a big bad wolf in your neighborhood/Not bad meaning bad but bad meaning good.«
Alex: Matts Freunde haben damals an dem Konzept für eine TV-Serie gearbeitet, die nie umgesetzt wurde. Das war der Name des Youtube-Kanals. Wir fingen dann irgendwann an, Videos unserer Jam-Sessions darauf hochzuladen. Und dann haben wir den ­Namen einfach übernommen, weil wir dachten, dass er cool klingt. ◘
 
Foto: Connor Olthuis
 
Dieses Interview ist erschienen in JUICE #160 (hier versandkostenfrei nachbestellen).
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