Audio88 – Kein besserer Mensch [Feature]

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Es ist mal wieder das Ende der Welt. Nichts Neues also für Menschen, die schon ­länger mit dem Schaffen von Audio88 vertraut sind. Denn gerade als man sich ob eines ­Dexter-produzierten Loblieds auf das Tun verschiedener Dinge kurz fragte, ob in den Berliner Rumpelkellern jetzt häufiger derart easy-going Saiten aufgezogen werden, stellt Audio88 unmissverständlich klar, wer hier die Deutungshoheit über jedwede ­Normalität hat. »Der letzte Idiot« ist nicht nur ein Trostpflaster, weil »Normaler Samt« immer noch nicht da und »Die Erde ist eine Scheide« auch schon drei Jahre her ist, sondern knüpft an viel frühere Punkte im nicht mehr ganz übersichtlichen Katalog des Audio88 an. Inhaltlich bezieht sich die LP auf »Ein besserer Mensch« von 2007, während die Soundästhetik mit Yannic genau der Mann verantwortet, der schon »Kein richtiges Lied« kreischen und sägen ließ. Du kannst also das Fusion-Bändchen abnehmen. Das sind keine Lieder zum Tanzen.
 
Wie fühlt es sich an, einen ­Sommerhit zu haben?
Ungewohnt! Sehr ungewohnt. ­Hätten wir auch nicht mit gerechnet. Es war ganz anders, so etwas Unbeschwertes zu machen. Aber für die Sommerhit-Atmosphäre ist ja vor allem Dexter verantwortlich.
 

 
Wie ist dein Verhältnis zu vegetarischem Truthahn?
Ich bin Vegetarier. Man sieht es mir zwar nicht an und die meisten Menschen glauben es mir nicht, aber ich bin seit 13 Jahren Vegetarier.
 
Wieso gibt es eigentlich vegane Chicken Wings?
Ich find’s ekelhaft. Esse ich auch nicht. Aber mir ist es natürlich immer noch lieber, wenn sich ­jemand Weizenprotein mit Hähnchengeschmack ballert, anstatt sich Hähnchen zu ballern. Wenn jemand also aus seiner Kindheit so an den Geschmack gewöhnt ist, weil Mama ihn immer mit zu McDonald’s genommen hat und es da Chicken Wings gab, und wenn man das später als erwachsener Mensch immer noch braucht und keinem Tier wehtun will, dann soll man das halt machen. Aber ich will auch keinen Leberwurst-Ersatz essen.
 
Früher hast du gesagt: »Ich wäre so gern ein besserer Mensch.« Hat das geklappt?
Geklappt hat’s nicht wirklich. Ich glaube, ich bin eher ein gleichgültigerer und ruhigerer Mensch geworden als ein besserer. Früher hat mich Yassin nicht mit auf Partys genommen, weil ich immer ausgerastet bin und cholerische Anfälle hatte, wenn mich Leute angekotzt haben. Inzwischen bleibe ich halt einfach zu Hause. Ich habe keine Schule in Afrika gebaut oder Ähnliches, ich habe es eher geschafft, mit mir selbst im Reinen zu sein.
 

 
Du sprichst auf »Der letzte Idiot« auch darüber, dass du abgestumpft bist. Ärgert dich das?
Ich finde Abstumpfen interessant. Das klingt total bescheuert, weil man sich selbst als ­interessanten, intellektuellen und kulturell begeisterten Menschen definiert, sobald man sagt: Vielleicht wäre es schöner, wenn man einfach ein bisschen dümmer wäre. Ich meine, dass es Sachen wie »Mitten im Leben« gibt, liegt ja daran, dass Leute das gucken wollen. Wenn das schon deinen Anspruch erfüllt, wirst du im Leben auch nicht so oft enttäuscht. Deshalb finde ich das vielleicht auch beneidenswert. Kinder kriegen auch nicht alles mit und sind deswegen glücklich. Aber es klingt unglaublich arrogant, wenn man’s sagt.
 
Du sagst immer noch nicht gern direkt, was richtig ist und was falsch.
Das weiß ich ja auch nicht. Ich habe eine Meinung zu vielen Dingen, aber die äußert sich durch Sarkasmus. Damit zielt man ja auch in eine Richtung. Ich habe aber auch Angst davor, oberlehrerhaft zu klingen. Ich würde mir keine Musik anhören, in der mich jemand darüber aufklärt, dass ich Bio-Baumwolle kaufen soll. Das würde mich zu Tode langweilen. Wenn ich Informationen über einen Sachverhalt haben möchte, dann versuche ich, darüber etwas zu lesen, anstatt mir das Album eines Conscious-Rappers anzuhören.
 

 
Unterhaltung ist dir wichtiger als ­Aufklärung?
Für mich ist das, was ich mache, eigentlich Battlerap. Dadurch ändere ich natürlich nichts. Vielleicht rege ich jemanden zum Denken an, das ist ein schöner Nebeneffekt. Aber wenn wir uns darüber einig sind, dass Marilyn Manson nicht für irgendwelche Amokläufe verantwortlich ist, muss man sich auch fragen, was für eine Auswirkung positive Dinge haben, die man in Texten sagt. Wenn jemand behauptet, dass Rap Gewalt fördert, dann stehen alle auf und sagen: Nein, das ist auf keinen Fall so. Aber wenn man intelligentere Themen anspricht, dann steht man gleich in der Verantwortung, weil jeder davon ausgeht, dass Rap etwas bewirken kann. Das wollen wir uns als Szene auf die Fahnen schreiben.
 
Du machst aber auch keine Musik für Leute, die aus Überzeugung »Mitten im Leben« schauen. Wäre es nicht interessant, genau die anzusprechen?
Letztendlich ist es vielleicht auch nur Selbstzweck: Ich kotze mich aus, mir geht’s besser, und ich bin ein glücklicherer Mensch dadurch. Ich finde es anmaßend, sich auf eine Bühne zu stellen, um Leute zu belehren. Ich kenne die ja auch nicht, was weiß ich, was die alles besser machen als ich. ­Wahrscheinlich sogar sehr viel.
 
Wer ist denn in deiner Vorstellung der erste Idiot? Gibt es so etwas wie einen Sündenfall der Idiotie?
Boah. (lange Pause) Vielleicht als der erste Mensch mit einem Buch in der Hand kam und sagte: Das wurde mir halt so geschickt, das ist jetzt da, und daran halten wir uns jetzt. Und alle haben gesagt: Ja, ist okay.
 
Was wäre, wenn es irgendwann wirklich einen letzten Idioten gäbe?
Schwer vorstellbar. Aber unter den ­Nicht-Idioten würden sich bestimmt auch Abstufungen finden lassen.
 
Was ist das Buch, das du nie schreiben wirst?
Ich habe mehrere Bücher angefangen, über Monate und Jahre hinweg, war dann aber nicht zufrieden. Ich habe tatsächlich Literaturwissenschaften studiert, und bei Literatur einen viel höheren Anspruch als bei Rap. Bei Rap finde ich’s auch unproblematisch, lieblos etwas zusammenzurotzen, das dann halt geil klingt. Es gibt ja einen Grund dafür, dass es so viele Rapper gibt und so wenige Literaten. Wir müssen uns nichts vormachen: Rap zu machen bedarf viel weniger Zeit und Aufwand, als ein Buch zu schreiben. Ich bin eben auch ein ungeduldiger Mensch und habe Dinge gern schnell fertig. Auch wenn »Normaler Samt« da etwas anders anmutet.
 
Apropos »Normaler Samt«…
Wir sind tatsächlich relativ weit. (lacht) Wirklich! Wir haben gerade heute zwei Tracks aufgenommen. Es kommt aber nicht mehr in diesem Jahr. Ich sage auch lieber nicht mehr, dass es nächstes Jahr kommt, das scheint ein schlechtes Omen zu sein. Das sagen wir seit vier oder fünf Jahren. Aber wir sind jetzt wirklich sehr weit, und es ist bisher… sehr gut. (mehr Gelächter) Also: Es wird die Szene in den Arsch ficken.
 

 
Du rappst über das Ende der Welt und darüber, wie du dein eigenes Grab schaufelst. Wie ernsthaft denkst du tatsächlich über den Tod nach?
Gar nicht. Da geht es mir eher um eine ­satirische Darstellung des textlichen Umgangs mit solchen Themen. Wie viele Rapsongs enden damit, dass sich irgendein Spast eine Knarre an den Kopf hält, sich selbst erschießt, und das ist dann ganz dramatisch? Am besten erschießt er sich mit einem Revolver und man hört vorher noch das Durchladen einer ­Schrotflinte oder so. Aber ich denke weder über Suizid nach, noch über mein Ableben, noch darüber, was ich der Menschheit hinterlasse.
 
Hast du Angst vor dem Tod?
Nö. Also es wäre doof, wenn es jetzt passieren würde, weil es mir eigentlich gerade ganz gut geht und ich ein gutes Leben führe.
 
Wann warst du das letzte Mal in einer Kirche?
Mit sechs Jahren. Ich musste in der Grundschule vom Religionsunterricht aus in die Kirche gehen. Ich war einmal im Gottesdienst und habe dann meiner Mutter gesagt, dass ich da nicht mehr hingehen möchte, weil ich das nicht verstehe, und dass ich das nicht glaube, was mir in der Schule gesagt wird. Meine Mutter fand das amüsant und hat mich befreit.
 
Und wann warst du das letzte Mal im Berghain?
Im Berghain war ich erst einmal in meinem Leben. Das ist bestimmt sechs, sieben Jahre her, und mir hat’s nicht gefallen. Die Anlage ist gut, da kann man nichts sagen. ◘
 
Foto: Thomas von Wittich
 
Dieses Interview ist erschienen in JUICE #162 (hier versandkostenfrei nachbestellen).
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