Afeni Shakur: »Tupac wusste, dass er jung stirbt« // Interview (1998)

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Sie haben sich zuletzt lautstark beschwert, dass Tupacs finanzielle Lage eine Katastrophe sei. Alles sei völlig chaotisch und Death Row habe noch immer nicht die letzten Überweisungen getätigt. Welche rechtlichen Problemfelder gibt es noch?
Der Streit mit Death Row ist beigelegt. Ich habe nun Zugang zu 100 Tracks. die Tupac für das Label geschrieben und aufgenommen hat. Allerdings gibt es noch andere Fälle. In der Todesnacht zum Beispiel hat ihn ein junges Mädchen verklagt, die behauptet, ihm einen Sohn geboren zu haben. Außerdem hat der Hauptverdächtigte in seinem Mordprozess ihn wegen ‚Zufügung von schwer-wiegendem emotionalen und psychischen Stress‘ verklagt. Ich kann und darf nicht ausführlicher über die Fälle sprechen. Aber es fühlt sich an, als müsste ich noch immer jede Woche Gerichtsakten einsehen und darauf reagieren. Für die schwarzen Musiker hat sich nicht viel verändert. Sie verkaufen immer noch Millionen Einheiten und sind am Ende doch pleite. Die Industrie frisst ihre eigenen Kinder.

Sind Leute wie Al Hendrix oder Yoko Ono Vorbilder für Sie? Auch sie mussten einen schrecklichen Verlust hinnehmen und dann die Geschäfte ihrer verstorbenen Angehörigen übernehmen.
Nein, ich betrachte sie nicht als Inspirationsquelle: Die Erinnerung an Tupac reicht mir. Aber ich erkenne durchaus die Parallelen. Beide haben das selbe wie ich durchgemacht und haben sich immer durchgekämpft. Ich befinde mich ja noch in einer halbwegs guten Position, schließlich kennt man meinen Sohn weltweit. Doch wer zählt eigentlich die Mütter, die ebenfalls ihr Kind verlieren und für die sich niemand interessiert? Wer hat sich eigentlich um all die sterbenden Kinder da draußen gekümmert?

Noch einmal zurück zu Al Hendrix. Genau wie Sie hatte er mit den Mechanismen der Plattenindustrie zu tun, die es Schwarzen nicht gerade einfach macht. Chuck D hat immer gesagt, Rapper sollten sich erst um ihren Vertrag kümmern, bevor sie sich ihrem Flow widmen.
Da hat er Recht, denn so viele unserer Musiker waren am Ende ihrer Karrieren komplett verarmt und bald darauf auch tot. Insbesonders Jazz-und Blues-Künstler sind da ein gutes Beispiel. In einer Plattenindustrie. die nicht bereit ist, ihre Künstler angemessen zu bezahlen, ist etwas grundlegend falsch. Mittlerweile müssen sich auch die Rapper mit diesem Problem auseinandersetzen. Natürlich bekommen sie ein schickes Haus und ein schnelles Auto, aber das ist alles nicht echt. Nichts gehört ihnen wirklich, alles ist auf den Namen der Plattenfirma angeschafft und somit immer in deren Besitz. Und wenn ihre Karriere am Ende ist, müssen sie das erst mal verstehen.

Gibt es ihrer Ansicht nach einen Unterschied zwischen dem, was Sie tun. und dem, was Puffy mit Biggie getan hat?
Nicht wirklich. Wir beide, Puffy und ich, haben jeweils einen Menschen verloren, der uns sehr nahe stand. weswegen wir jetzt alles tun, um sein Vermächtnis am Leben zu erhalten. Puffy und Tupac hatten eine Zeit lang Probleme. Aber ich weiß, dass sie tief drinnen den höchsten Respekt voreinander hatten. Aber niemand von uns war jemals in dieser Situation… Tupac und Biggie hätten vermutlich ihre Probleme längst geklärt. hätten sich nicht so viele Leute von außerhalb eingemischt. Ich weiß das, denn Tupac konnte niemandem wirklich lange böse sein.

»Tupac nahm Songs auf, wann immer er konnte. Selbst als er im Gefängnis war, hatte er Hunderte von Songideen. Es schien, als würde ihn alles inspirieren « »Tupac nahm Songs auf, wann immer er konnte. Selbst als er im Gefängnis war, hatte er Hunderte von Songideen. Es schien, als würde ihn alles in-spirieren.«

Hat HipHop seine Lektion aus dieser Angelegenheit gelernt?
Ich hoffe doch. Es wäre eine Schande, wenn noch mehr Menschen sterben müssten, bevor jemand aufsteht und beginnt nachzudenken. Wenn die Polizei und die Behörden sich mehr darum gekümmert hätten, wären wir vielleicht nicht in dieser Situation. Es ist unglaublich: Wir haben innerhalb von 18 Monaten zwei unserer talentiertesten Musiker verloren, und niemand ist auch nur annähernd in der Lage zu erklären oder gar zu beweisen, was passiert ist. Ich glaube nicht, dass irgend jemand auch nur geahnt hat, was dieser Ost-West-Konflikt für Ergebnisse haben würde. Jeder hat damit eine Menge Geld gemacht. Nur sind sich mittlerweile auch alle über den fürchterlichen Kompromiss im Klaren, den sie dafür eingehen mussten.

Sie haben in Berkeley einen Vortrag über die Lyrik Ihres Sohnes gehalten. Ist Tupac Shakur nun Mitglied im offiziellen Literaturkanon oder ist das nur im liberalen L.A. Möglich?
Ich meine, Wissenschaftler reden ja auch über Bob Dylan und seinen Einfluss auf die Bürgerrechtsbewegung. Und Tupacs Musik hatte nun mal einen immensen Einfluss auf das Leben anderer Menschen. Man muss nur betrachten, was Rap in den letzten Jahrzehnten dafür getan hat, schwarze Themen in den Fokus der Öffentlichkeit zu bringen. Diese Kinder, die gerade dem Teenageralter entwachsen sind, sind die großen Dichter der Gegenwart, wenn auch nicht im klassischen poetischen Sinne. Die Sprache hat sich eben verändert. Aber die Rastlosigkeit ist geblieben. Und Tupac war in den neunziger Jahren das perfekte Beispiel dafür.

Text: Burhan Wazir

Dieses Interview erschien erstmals in JUICE 2Pac Special Issue im September 2006. Back-Issues können versandkostenfrei im Shop nachbestellt werden.

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