Afeni Shakur: »Tupac wusste, dass er jung stirbt« // Interview (1998)

Es heißt, das viele dieser Gedichte einen politischen Hintergrund haben. Verlangt die vorherrschende Darstellung Tupacs das vielleicht sogar? Soll er als Verkörperung der Rassenfrage in Clintons Amerika gelten?
Tupac war niemals offensichtlich politisch. Er kümmerte sich nicht um die Demokraten oder Republikaner, er porträtierte lediglich alltägliche Episoden. Die Menschen können es doch nicht mehr hören, was die etablierten Parteien von sich geben. Sie sind enttäuscht, sie haben beinahe komplett aufgehört, zur Wahl zu gehen. Die Menschen haben ihre eigenen Probleme, die ihnen viel näher stehen: Drogen, Gewalt, Rassismus, Korruption. Der Erfolg von Tupacs Arbeit war die Reflektion dieser Situation, dieser Akzentverschiebung von einer politischen hin zu einer persönlichen Agenda.

Aber früher definierte sich Rap sehr stark über die Politik. Hat Tupac den Menschen nicht einfach eine einfachere Möglichkeit geboten, sich für Politik zu interessieren, sie zu verstehen?
Ich glaube nicht, dass Tupac jemals so zynisch seinem Publikum gegenüber eingestellt war. Alles, was er tat, kam von Herzen – selbst als er über das »thug life« rappte. Die Menschen, für die Tupac sich einsetzte, waren die Drogenabhängigen, die Jungs in den Todeszellen. Menschen, die sich mehrheitlich aufgrund äußerer Umstände und nicht wegen persönlichen Fehlverhaltens in diesen Situationen befanden.

Kein anderer Rapper verursachte eine derart große Kontroverse wie Tupac Shakur. Vergewaltigungen, Schießereien, Prügeleien – was machte Tupac zu diesem Blitzableiter für urbanen Krawall?
Er war mein Sohn, also weiß ich, dass er niemals das wilde Tier war, als das er dargestellt wurde. Es war erstaunlich zu beobachten, wie sie ihn im Fernsehen in Szene setzten, verglichen mit seinem tatsächlichen Verhalten, wenn er mich besuchen kam. Er war ausgesprochen liebevoll, süß und höflich. Das stand in keinem Verhältnis zu dem, was alles über ihn geschrieben wurde. Aber ich habe diese mediale Darstellung schnell schätzen gelernt, denn nur wer kontrovers diskutiert wird, verkauft Alben. Verstehen Sie mich nicht falsch: Tupac ging nicht vorsätzlich auf die Straße, um Ärger zu suchen. Er hatte oft einfach das Pech, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Und er konnte mit dem Druck nicht immer umgehen: So viele Menschen haben ihn als Vorbild angesehen, so viele andere haben nur darauf gewartet, ihn stolpern zu sehen. Aber wie gesagt: Auf eine Art hatte das auch sein Gutes.

Als Mutter, die versucht auf ihren Sohn aufzupassen: Waren sie jemals in Sorge um Ihren Sohn, zum Beispiel, als er in New York angeschossen wurde oder als er ins Gefängnis musste…
Ich dachte damals ja, dass Tupac wohl so eine Art Stress-Syndrom hätte. Er war immer aufgewühlt und schien immer jegliche Form von Ärger magisch anzuziehen. Welche Mutter wäre da nicht besorgt? Ich war niemals entspannt angesichts der Dinge, die meinem Jungen zustießen. Allah hat ihn so oft beschützt. Ich glaube, es wäre schon viel früher passiert, hätte es diesen Schutz nicht gegeben.

Kurz nach seinem Tod gab es die ersten Verschwörungstheorien, Tupac habe seinen Tod nur vorgetäuscht…
Das tat mir sehr weh. Ich musste den Verlust meines Sohnes verkraften, während irgendwelche Menschen diese Geschichten erfanden. Ich meine, jeder darf sagen und denken, was er will. Aber meinen Sohn werden mir diese Theorien auch nicht zurückbringen. Er ist für immer von uns gegangen. Und es ist bedauerlich, dass diese Theorien letztendlich nur dazu verwendet wurden, um ein paar Schlagzeilen daraus zu machen.

Warum veröffentlichen Sie immer wieder neue Songs ihres Sohnes? War »R U Still Down?« nicht ein würdiges Ende seiner Karriere, zumal es so kurz nach seinem Tod erschien?
Ich würde »R U Still Down« nur dann ein Ende nennen, wenn das alle Songs gewesen wären, die Tupac aufgenommen hat. Aber, wie gesagt, wir haben noch eine ganze Menge Alben. Ich befasse mich also noch nicht mit dem Ende. Tupac war ein Workaholic; der Wille zu arbeiten ist eine seiner Eigenschaften, an die ich mich am meisten erinnere. Er liebte es, alles selbst zu machen, und ich stelle mir vor, wie er mir von oben bei meiner Arbeit zusieht und wie es ihm gefällt, dass ich die Menschen an seiner Arbeit teilhaben lasse. Und er wäre glücklich zu wissen, dass die Menschen immer noch an seiner Arbeit interessiert sind. Er wollte so gerne mehr sein als nur ein Rapper.

Unterdessen hat sich der Sound im HipHop stark verändert. Wie sorgen Sie dafür, dass die Aufnahmen Tupacs, die ja teils schon mehrere Jahre auf dem Buckel haben, dennoch up to date klingen?
Wir haben eine Menge Anrufe von Produzenten bekommen, die ihre Dienste angeboten haben. Sie wollten es für Tupac tun und all jene, die seine Platten gekauft haben. Und die Tatsache, dass Tupac nie über zeitspezifische Themen gerappt hat, macht es natürlich ohnehin einfach, die Songs ein paar Jahre später herauszubringen.

Im Alter von 50 Jahren befinden Sie sich nun in der Situation, das Vermächtnis Ihres Sohnes so lange wie möglich am Leben erhalten zu wollen, allerdings ohne kaufmännische oder ähnliche Kenntnisse zu besitzen. Allerdings geht es hier um riesige Summen. Machen Sie sich Sorgen, sie könnten die falschen Entscheidungen treffen?
Vermutlich würde ich das tun, wären nicht alle um mich herum so hilfsbereit. Außerdem habe ich ja keine andere Wahl. Ich muss Unterlagen abzeichnen und Konten verwalten, wer sollte das sonst tun? Ich gebe zu, dass das hart ist, denn früher hatte ich mit all dem nichts zu tun. Aber ich habe mich in meinem ganzen Leben noch nie am Ende meines Lateins gewähnt, selbst wenn alles zum Verzweifeln war: Ich wusste immer, was zu tun ist. Die Black Panthers haben mir beigebracht, mich meinen Herausforderungen zu stellen. Deswegen schreie ich die Leute um mich herum schon auch mal an, um zu bekommen, was ich für richtig halte.

Machen Sie sich Gedanken darüber, ob Sie als Frau im von Männern dominierten Rap-Zirkus bestehen werden können?
Ich glaube, ich konnte bis jetzt mit den meisten Problemen ganz gut umgehen. Und es gibt nichts, womit ich nicht bereits konfrontiert gewesen wäre. Auf diese Weise findet man schnell die richtigen Hebel, mit denen die Männer bewegt werden können —auch wenn es kein Patentrezept gibt und jeder Mann ein eigenes Set an Hebeln braucht. Außerdem ist gerade auch eine interessante Phase für eine Frau im Rapgeschäft. Wir müssen aufhören, die männliche Negativität zu akzeptieren, und etwas Eigenes auf die Beine stellen. Wir müssen unsere eigenen Lösungen entwickeln, anstatt immer die Männer um Hilfe zu bitten. Ich finde es zum Beispiel immer wieder amüsant, dass Männer im HipHop nicht mit Frauen verhandeln wollen, aber hilflos werden, wenn es um eine Soul-Sängerin geht. Für Mariah Carey würden die meisten Männer alles tun.

»Man muss nur betrachten, was Rap in den letzten Jahrzehnten dafür getan hat, schwarze Themen in den Fokus der Öffentlichkeit zu bringen. Diese Kinder, die gerade dem Teenageralter entwachsen sind, sind die großen Dichter der Gegenwart.«

Mussten Sie sich schon richtig mit jemandem anlegen? Es ist schwer vorstellbar, dass Afeni Shakur dazu neigt, die selben Worte wie Ihr Sohn zu verwenden…
(lacht) Oh doch, das passiert hin und wieder. Wenn die Dinge nicht so laufen, wie ich sie mir vorstelle, neige ich zu einem sehr… nennen wir es: temperamentvollen Verhalten. Aber wer würde schon nicht dazu neigen, in meiner Situation? Ich meine, Sie haben Recht: Tupac war ein Perfektionist, ich nie. Da ich allerdings nun seine Karriere verantworte, will ich alles so machen, wie er es getan hätte.

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