Interview: Vega

Vega

 

Von seinen Anlagen her könnte Vega längst ganz oben mitspielen: Er hat ein unglaubliches Talent, eine wiedererkennbare Rap-Persona und erklärte Fans unter den ganz Großen der ­schönen neuen Deutschrap-Welt. Doch in der Karriere des Adlerjungen lief längst nicht alles so glatt, wie er sich das sicher gewünscht hat: Erst ging Separates Label Buckwheats in die Brüche, wo er seine Karriere gestartet hatte, dann auch sein eigenes Label Butterfly Music. »Lieber bleib ich broke«, sein Debütalbum von 2009, hat bei seinen eingeschworenen Fans dennoch längst Kultstatus. In den letzten zwei Jahren hat Vega sich zum dritten Mal eine neue Infrastruktur aufgebaut und mit Freunde von Niemand eine Label- und Managementheimat gefunden, wo er nun sein zweites Album »Vincent« veröffentlicht. Der bekennende Eintracht-Frankfurt-Ultra, nach wie vor eine der ganz großen Hoffnungen der Szene, kehrt auf die Bildfläche zurück. ­Gegenüber JUICE lässt Vega seine bisherige Karriere Revue passieren und räumt dabei erstmals mit einigen Gerüchten auf.

 

 

Was genau führte eigentlich zur ­Auflösung von Butterfly Music?
Zwischen Emonex [Produzent und Co-­Labelgründer, Anm. d. Verf] und mir kam es nach dem Release von »Lieber bleib ich broke« zu größeren Meinungsverschiedenheiten. Er war der Meinung, dass ich viel kommerzieller und poppiger, sprich: besser verkaufbar werden solle. Das Album von Bosca und Face war dann der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Ich war der Meinung, dass die Jungs noch mehr Tracks recorden sollten, bis wir die Platte veröffentlichen. Ich bin der Meinung, dass man nur eine Möglichkeit hat rauszukommen – und dieser Eindruck bleibt für immer bestehen. Emonex war der Meinung, dass alle Songs, die wir produziert hatten, am Ende auch verkauft werden sollten. Wir ­haben probiert, diese Meinungsverschiedenheit auszudiskutieren, aber es wurde laut und wir waren nicht weit von einer Prügelei entfernt. Am Ende haben wir das Label aufgelöst und ich stand mal wieder bei null. Ich war nach ­diesem Buckwheats-Split ja schon am ­Boden, Fresse unten, wie Liquit Walker sagen würde. Aber danach war ich fertig mit allem. Ich war mir sicher: Entweder bin ich anderen Menschen gegenüber komplett inkompatibel oder ich habe das größte Pech der Welt.

 

Angeblich wolltest du ja sogar aufhören zu rappen.
Daran habe ich zumindest häufiger als einmal gedacht. Ich saß irgendwann zu Hause und habe mir überlegt, was mir das alles bringt – nicht finanziell, sondern für mich als Person. Am Ende des Tages stand auf der Minus-Seite wesentlich mehr als auf der Habenseite: Ärger, Stress, das Ende von guten Freundschaften, Kopfgeficke. Klar ist es geil, wenn du bei Shows merkst, dass du Leuten etwas gibst. Großes Geld haben wir bisher ja nicht verdient, da muss man nicht rumlügen. Also habe ich mir überlegt, es so zu reduzieren, dass ich eben ab und zu mit den Jungs ins Studio gehe und in zwei Jahren kommt dann vielleicht wieder ein Album zum Download. Gut, den Gedanken hatte vermutlich schon jeder zweite Rapper und hat ihn dann wieder verworfen.

 

Wie kamst du wieder auf die Beine?
Irgendwann bin ich wieder halbwegs klargekommen. Ich hatte den Standpunkt, dass ich etwas Neues machen würde, wenn es sich ergibt. Ich fand dann einen neuen Geschäftspartner, der bereit war, in mich zu investieren. Man muss wissen, dass mit Butterfly auch mein Studio gestorben war. Also haben wir uns neues Equipment organisiert und eine Garage zum Studio umgebaut, von der ich drei Minuten entfernt wohne. Und jetzt machen wir dort Musik. Das gab mir Auftrieb. Jetzt kann ich machen, was ich will. Also habe ich schnell ein paar Songs aufgenommen und die »Die Wahrheit ist hässlich«-EP gemacht. Die Reaktionen darauf waren sehr positiv, die Leute waren alle wieder da und niemand war abgefuckt, weil Butterfly weg war. Es wurde eher größer, egal ob auf Facebook oder sonst wo. Es ist stetig weiter gewachsen und dieses typische Desinteresse am Ende einer Karriere, wie das auch ein wenig bei Separate war, kam bei mir nicht auf. Die Öffentlichkeit war weiterhin noch an uns interessiert, es hat weiter gebrodelt. Wir gingen dann auf Namenssuche und da ich »Freunde von Niemand« schon früher in Songs erwähnt hatte und es zu meinem Weg einfach passt, lag das nach langem Nachdenken auf der Hand. Jetzt mach ich alles selbst, bin künstlerisch mein eigener Herr. Ich holte Migo und Bosca ins Boot, die vorher schon auf Butterfly gesignt waren. Gerade Bosca hat mich immer gebackt. Über seinen Bruder, den ich vom Fußball her kenne, lernte ich meinen neuen Manager Hadi kennen und wir waren komplett. Für mich ist es optimal, dass er mir die Arbeit abnimmt und an Dinge denkt, die in einem Künstlerkopf gern vergessen werden.

 

Zuletzt gab es die Hiobsbotschaft, dass Olson Rough euer Label verlässt. Dazu habt ihr aber öffentlich kaum Worte verloren.
Weil ich niemand bin, der andere Leute schlechtredet. Natürlich waren wir darüber traurig, dass das alles nicht so ganz korrekt lief. Wir haben monatelang nichts von ihm gehört und am Ende behauptete er dann, dass er sich mit den Künstlern auf dem Label nicht identifizieren kann und nicht bei einem Label gesignt sein will, auf dem vier bis fünf Mann sind. Allerdings ist Migo sein Kumpel, der sogar über ihn zu uns kam. Und sonst habe ich eben nur Bosca gesignt. Später hat er auf einmal behauptet, dass er sich mit dem Labelnamen nicht identifizieren kann. Er sei kein Freund von niemand, er wolle Freund sein. Aber das ist mir zu dumm. »Freunde von Niemand« soll ja nicht heißen, dass wir alle anderen hassen. Das ist einfach nur ein Alleinstellungsmerkmal, ein Name, der aneckt, damit die Leute drüber reden. Aber wir sitzen nicht in unserem Kämmerchen, wo wir keinen reinlassen. Sorry, aber diese Darstellung ist ein wenig traurig. Das ist alles so unnötig. Bei Optik Records hat doch auch niemand nach dem Namen gefragt.

 

Zumindest hat sich Olson damit ­auseinandergesetzt, auch wenn man seine Aussagen, wie du sie darstellst, fragwürdig finden kann.
Meine Version der Geschichte ist die: Olson hat das »Rough« in seinem Künstlernamen abgelegt, weil er das nicht mehr sein will, er sieht nicht mehr rough aus und macht auch keine roughe Musik mehr. Als ich ihn gesignt habe, war er ein Rapper mit einem gewissen Straßenhintergrund, seine Musik war immer rau, aber gefühlvoll. Jetzt hat er sich verändert und gemerkt, dass er nicht mehr zu uns passt. Wir haben das ja auch gesehen. Er hätte einfach nur zu mir kommen und ehrlich sagen sollen: Ich will jetzt mein eigenes Ding machen, das passt nicht mehr. Alles wäre cool gewesen. Aber sich gar nicht zu melden und dann den Namen des Labels vorzuschieben – da denke ich mir: Verarsch doch bitte jemand anderen.

 

Lass uns über dein Album »Vincent« reden. Ich hatte den Eindruck, dass die Platte vom Breitwand-Sound und dem epischen Ansatz Ähnlichkeiten mit dem neuen Savas-Album »Aura« hat.
Ich hatte diesen Sound schon immer – episch, orchestral und etwas überzogen. Aber es gibt schlimmere Sachen, als mit Savas verglichen zu werden. Ich sehe das als Kompliment. Ich denke, Savas wollte mal etwas anderes machen und ich finde, ihm steht der neue Sound auch extrem gut. Sonst hatte er ja immer diese typischen HipHop-Beats. Das Traurige ist nur, dass ich in dem besten Song, den ich jemals gemacht habe, nämlich dem »Outro« von »Vincent«, das gleiche Sample benutzt habe wie er bei seiner »Aura«-Single. Das war im Prinzip derselbe Song. Also mussten wir das remixen.

 

Du rappst auf der Platte: »Jetzt bin ich meine eigene Schublade.« Wie meinst du das?
Ich habe meine Musik immer schon in einer eigenen Schublade in Deutschland gesehen. Die Reaktionen auf »Lieber bleib ich broke« haben das für mich auch bestätigt. Natürlich bin ich am Ende eine Mischung aus Azad, Savas und wem auch immer. Ich habe meine Einflüsse nie verleugnet, und die liegen nun mal in Deutschland und nicht in den USA. Trotzdem gibt es diese Musik mit Straßenhintergrund und diese selbstzerstörerischen, deepen Sachen sonst einfach nicht in Deutschland. Es gibt höchstens gewisse Ähnlichkeiten mit Casper, aber er macht das ja auf einem ganz anderen musikalischen Fundament. Deshalb sehe ich mich in einer eigenen Schublade und bin schon überzeugt, dass es da draußen ein paar Rapper gibt, die von mir beeinflusst wurden.

 

Ich finde, dass sich deine Sprache noch weiter in eine eigene Richtung ­entwickelt hat.
Wenn ich manchmal betrunken mit anderen Rappern diskutiere, sage ich immer: »Das Wichtigste bei einem MC ist die eigene Sprache.« Mir ist aufgefallen, dass es sich verändert hat, aber ich finde das sehr wichtig. Das war bei Jonesmann damals so krass. Der hat eigene Begriffe geprägt wie »Macht, Käse, Flows, Cash«. Bei Haftbefehl oder Celo & Abdi ist es auch so. Das finde ich obergeil. Und ich freue mich natürlich, wenn das bei mir auch gesehen wird.

 

 

Auf »Vincent« gibt es keinen einzigen Punchline-Song mehr. Wieso hast du dich aus diesem Spiel komplett ­zurückgezogen?
Beim letzten Album habe ich gemerkt, wie krass die deepen Songs ankommen – »Winter«, »König ohne Krone« oder »Als der Rest der Welt schlief«. Das berührt die Leute auf einer ganz anderen Ebene, das ist ihnen wichtig. Die Musik hört auf, reine Unterhaltung zu sein, sie wird einfach viel mehr. Wie oft Leute zu mir kamen und gesagt haben: »Vega, dein Album hilft mir durch schwere Zeiten!« Da kannst du die besten Sprüche der Welt haben, so ein Gefühl kommt dabei einfach nicht auf. Und wenn du mal erlebt hast, dass Menschen dir sagen, was ihnen deine Songs bedeuten, dann willst du nur noch solche Musik machen. Bei mir war es zumindest so. Dazu kommt, dass es mittlerweile einfach einen ganzen Haufen Leute gibt, die das Spiel mit den Punchlines wesentlich besser beherrschen als ich. Ich habe andere Stärken. Das, was ich mache, beherrschen wenige so gut wie ich. Mein letzter Punchline-Song liegt mindestens zwei Jahre zurück, aber irgendwann werde ich auch bestimmt mal wieder eine bringen.

 

Du steckst in einer problematischen Situation: Einerseits schaden dir die Schicksalsschläge menschlich, ­andererseits geben sie dir auch neues Futter für deine Texte.
Meine Musik ist ganz stark stimmungsabhängig. Ich erfinde ja nichts. Mein Sound hat sich auch wieder verändert, weil mein Leben ein kleines bisschen ruhiger geworden ist. Mittlerweile wohne ich mit meiner Frau zusammen und saufe mich nicht jedes Wochenende in Sachsenhausen dicht, sondern chille auch mal zu Hause und bin etwas relaxter. Allerdings kann ich leider Gottes nicht davon ausgehen, dass ich in den nächsten 15 Jahren ein Leben führen werde, das sich großartig von dem unterscheidet, das ich jetzt führe – jedenfalls, was die Probleme und ihre Häufigkeit angeht. Ich werde nie komplett sorgenfrei leben können und das wird man auch in der Musik hören. Selbst wenn ich Kohle ohne Ende hätte, hätte ich immer noch Probleme. Musik ist ja auch ein Ventil. Neulich war ich bei einem Xavier Naidoo-Konzert, da fiel es mir wieder auf. Xavier ist finanziell sicher gut abgesichert und trotzdem schreibt er Texte über Themen wie die Abschaffung der Todesstrafe oder hungernde Kinder auf der Welt. Er erzählt von Umständen, die er nicht cool findet – nur die Perspektive hat sich verändert.

 

Du bist ja auch sehr aktiver Fußballfan. Ist dieses Dasein anders als das Rapper-Dasein, gerade was den Zusammenhalt untereinander angeht?
Schwer zu sagen. Eigentlich nicht. Wenn du dir das große Ganze ansiehst, herrscht bei den Ultras ein Gegeneinander. Natürlich haben wir ein paar Freunde, aber der Rest sind Feinde. Aber wenn ich mir meine Jungs in Frankfurt ansehe, ist das eine Riesengruppe, die natürlich zusammenhält. Das ist eine Familie. Das wiederum gilt aber auch für meine Jungs beim Label – wobei wir den Rest der deutschen Rap-Szene nicht als Feinde sehen, die sind uns halt einfach nur egal. Rap und die Ultra-Szene verbindet ja auch immer mehr. Mittlerweile spielt Rap eine immer größere Rolle bei uns. Durch die jüngere Generation hat sich das verändert.

 

Wie ordnest du den aktuellen Deutschrap-Hype und speziell den ­Erfolg von Casper ein? Du hast ja ­vorhin erwähnt, dass ihr in eine ­ähnliche stilistische Richtung geht.
Ich habe mich unsagbar gefreut, dass es so gut für ihn lief und glaube auch, dass uns damit ein paar Türen aufgetreten wurden. Alleine, dass Casper in bestimmte Sphären vordringt und auf bestimmten Sendern wie Deutsche Welle TV läuft – das läuft ja auf der ganzen Welt. Er wird einfach von einer Masse wahrgenommen, die zuletzt sonst keiner erreicht hat. Ich hoffe, dass Deutschrap durch die Beständigkeit, in der die Szene in den letzten Jahren an sich gearbeitet hat, jetzt einfach so beliebt geworden ist, dass wir das eben auch an den Verkäufen merken. Es ist ja nicht nur bei Casper so. Jeder, der releaset, chartet derzeit. Ich möchte mit »Vincent« natürlich auch in die Charts einsteigen – und wenn es geht, auch nicht zu niedrig. Den erfolgreichen Leuten wie Nate57 und Casper folgen – das ist das Ziel.

 

Text: Julian Gupta