Interview: Pusha T

Pusha-T

 

Eigentlich hätte er sich nichts mehr beweisen müssen. Wo andere um fünf Minuten Ruhm kämpfen und dann nach Erhalt zufrieden auf dem Feld der Genügsamkeit die Lorbeeren umher tragen, hatte der 34-jährige Pusha T bereits etliche Sternstunden. Mit seinem Bruder Malice als Clipse formiert, brachte man Anfang des Jahrtausends Freude in die Wohnzimmer der Drogendealer und jener, die es gern wären. Natürlich nicht ohne die Hilfe der Neptunes, die den Sound der Zeit – und der Zeit, der sie da schon einige Jahre voraus waren – aus ihren Studiopulten zauberten und ­Clipse die perfekten Unterlagen für ihre Kokainreportagen boten. Kurzum: Eine schlechte Zeit hatte Terrence beileibe nicht.

 

 

Ob dann nun allerdings zuerst die auf ­religiöser Findung basierende Pause von Bruder Malice da war oder Pusha einfach mal was solo machen wollte, ist nicht ­überliefert. Fakt allerdings ist, dass da ein Vertrag zwischen Kanye West und ihm auf dem Tisch lag, der unterzeichnet werden wollte. Überschrift: G.O.O.D. Music. Unterschrift: Getting out our dreams. Drei Kreuze gesetzt und schon Teil von »My Beautiful Dark Twisted Fantasy« sein. Geht schlechter. Dennoch war dann nun auch dieser Druck da. Allein unterwegs, einen Vertrag erfüllen müssend, sah sich Pusha in einer neuen Situation. Es galt nicht mehr, Clipse-Songs zu produzieren, sondern mit Solo-Songs ein eigenes Trademark zu etablieren. Die Karten wurden also neu gemischt.

 

Pusha fühlte sich also ein wenig neu im Spiel. Hungrig genug, um abliefern zu wollen, alt genug, um die alten Kontakte abzutelefonieren. Und auch wenn man ihm gerne das abnimmt, was er später im Interview auch immer wieder betont, und zwar, dass es ihm immer erst um die Musik und das Zwischenmenschliche und dann erst um das reine Business geht, so kann man nicht abstreiten, dass ein ganz bestimmter Move eben ein ganz besonders guter war: die Zusammen­arbeit mit Tyler, The Creator.

 

 

Tyler mit tatsächlich gebrochenem Bein patrouilliert im Gesundheitscruiser auf dem Gehweg. Typisches Outfit. Tubesocks, kurze Hose, irgendwo noch irgendwas von Supreme. Dahinter Pusha. Ebenso angezogen. Das Konzept des Videos: Wir sind gleich. Die ersten Takte erklingen. »Pharrell said ‘Get ‘em’, so I got ‘em.« Meint er Pusha? Meint Tyler damit wirklich, er macht diesen Song nur, weil Idol Pharrell ihm es nahelegte? Tyler und seine Wolf Gang-Posse waren und sind Fans der Star Trak-Ära. Pusha ist auf der anderen Seite Fan der Attitüde der Bagage, denn sie erinnert ihn an früher. Nagel auf Kopf, Deckel auf Topf – ein Hit ist geboren. Die Blogs drehen durch. Pusha ist dank Tyler und einer Menge Quatsch im Kopf nicht nur der unnahbare Top-Rapper in Stubbs & Wootton-Slippers, der mit Kanye in Dubai über Luxusprobleme rappt, sondern der gefährliche Straßenpusher. Und: »Fear Of God II« bekam eine unglaubliche Single. Pusha scheint es mit der Solo-Karriere ernst zu meinen.

 

Um nun etwaige Zweifel auszuräumen: Ist »Fear Of God II – Let Us Pray« nun ein Album oder eine EP?
Es ist eine EP. Ich habe sehr viel Musik gemacht und ich habe einiges davon veröffentlicht: Kollaborationen beispielsweise, und viele Songs einfach auch selbst ins Netz gestellt. Die EP soll eine Art Sammlung all dieser Songs sein, von denen man ja Teile schon auf »Fear Of God« hören konnte. Manche kennt man also, manche sind komplett neu. Wenn du wissen willst, was bei mir aktuell abgeht, dann besorg dir diese EP. Ganz einfach. Ich glaube auch, dass sie sehr gelungen ist und viele gar nicht wissen, mit wem ich cool bin und gerne Musik mache. Viele sehen dieses Business sehr eng und verstehen nicht, dass man oft nur musikalisch und persönlich gut miteinander auskommen muss. Das reicht für gute Musik aus und braucht keine Geschäftsseite. Und das wollte ich mit den vielen Features zeigen. Das sind alles gute Menschen, gute Musiker. Die passen zu mir. Man respektiert sich.

 

Du hast Features von Kanye West, Jeezy, Diddy, 50 Cent, Rick Ross, Tyler und Pharrell – eine sehr eindrucksvolle Gästeliste für eine EP.
Ja, ich habe da jeden drauf. Leute aus dem Untergrund, Hipster, die ganz Großen. Für mich macht das auch keinen Unterschied. Jeder dieser Künstler ist eben Künstler. Sie lieben Musik, sie lieben die Kunstform und sind mit ganzem Herzen dabei. Sie sind Fans guter Musik. Und ich bin natürlich dankbar dafür, dass sie Teil meiner Kunst geworden sind.

 

 

Business ist also wirklich überhaupt kein Thema?
Es ist auf jeden Fall nur ein kleiner Teil davon. Wir sind alle professionell bei der Sache. Es geht vor allen Dingen darum, dass man einen coolen und gemeinsamen Vibe hat, dass die Energie stimmt. Die Leute wollen manchmal einfach zu große Geschichten hinter solchen Kollaborationen hören. Aber manchmal ist es einfach so, dass man im Studio abhängt und der eine einfach einen Verse auf dem Song des anderen aufnimmt, weil man eben gut miteinander harmoniert. Musikalisch wie auch persönlich. Das passiert dann einfach. Am Ende geht es einfach um gute Musik – und das ist genau das, was wir tun.

 

»Trouble On My Mind« ist auch in Deutschland ein großer Song ­geworden. Auch das Video hat seinen Teil dazu beigetragen und sieht nach einer Menge Spaß aus.
Tyler und Odd Future sind einfach großartig. Aber soll ich dir sagen, woran das liegt, dass es so gut passt? Sie waren einfach Fans der ganzen Star Trak-Ära, von der ich ein Teil war. Oder besser: von der ich immer noch ein Teil bin. Und das, was die Wolf Gang macht, hat mich von der Energie und der Herangehensweise sehr an uns früher erinnert. Wir waren damals sehr ähnlich drauf und haben auch viele verrückte Sachen gemacht. Es gab einfach keine Regeln, beziehungsweise sah man keine und machte dadurch einfach nur gute Musik.

 

Es gab das Gerücht, dass du einen ­europäischen Remix von »Trouble On My Mind« geplant hattest und dafür Casper vorgesehen war.
Ich weiß nicht, wovon du sprichst. (Pause) Also, ich bin cool damit. Deutschland hat eine beeindruckende Rap-Szene und Clipse auch immer Respekt gezollt. Sobald es möglich ist, komme ich rüber und dann schauen wir, was da geht.

 

 

Den Plan gab es ja vor wenigen ­Monaten. Wie kam es, dass du deine Deutschland-Shows absagen musstest?
Es wurde einfach falsch promotet. Es wurde erzählt, dass ich kommen würde, aber das stimmte nicht. Daher mussten wir das absagen. Und es tut mir sehr leid für all meine Fans da draußen. Meine Fans, die Geld bezahlt und sich gefreut haben und nun enttäuscht sind. Ich kann nur sagen, dass es nicht meine Schuld war. Ehrlich gesagt, weiß ich auch gar nicht so genau, was da schief gelaufen ist. Die Shows wurden wohl sehr schlecht und falsch promotet. Es tut mir wie gesagt sehr leid, aber ich liebe Deutschland und ich werde so bald wie möglich rüberkommen.

 

Es gab da einige verbale Auseinandersetzungen mit Consequence. Ist er immer noch ein Thema für dich?
Ich bin mit dem Thema durch. Er interessiert mich nicht. Ich wünsche allen Menschen nur das Beste. Nächste Frage.

 

Auch wenn du aktuell solo ­erfolgreich unterwegs bist und dein Bruder eine Auszeit genommen hat, so hast du nie ein weiteres Clipse-Album ­ausgeschlossen. Kann man vielleicht schon 2012 mit einer Veröffentlichung rechnen?
So ist mein Plan. Wirklich. In einem Jahr will ich ein neues Clipse-Album draußen haben. Du kannst mich beim Wort nehmen.

 

Neben der Musik hast du dich nun auch für vier Episoden der gerade in den Staaten sehr erfolgreichen Serie »How To Make It In America« verpflichtet und spielst in der zweiten Season gleich mal die Hälfte der geplanten Spielzeit mit. Werden die Rufe aus ­Hollywood schon lauter?
Es hat mir wirklich sehr viel Spaß gemacht. Ich kann es gar nicht abwarten, bis die Episoden ausgestrahlt werden. Der gesamte Dreh war eine sehr schöne Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Ob das ausbaufähig ist, muss man abwarten. Ich hatte auf jeden Fall eine verdammt gute Zeit.

 

Wenn dich Leute heute noch auf ihrer Liste der »Most underrated MCs« an erster Stelle führen, fühlst du dich dann nach all der Zeit in der Musikindustrie dort noch richtig aufgehoben?
Bin ich auf solchen Listen? Ich kann dir nur sagen, dass ich wirklich hart arbeite. Wenn ich also tatsächlich als »underrated« angesehen werde, dann ist das okay. Schlussendlich bin ich dann ja zumindest auf einer Liste. Ich bin cool damit. Ich arbeite weiterhin hart. So etwas ändert nichts daran. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich mich selbst nicht auf so einer Liste und in so einer Position sehe. Vielleicht haben manche auch einfach nur Angst davor, sich einzugestehen, dass ich in diesem Spiel bin und etwas zu sagen habe.

 

Text: Amadeus »Ama« Thüner

 

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