Sylabil Spill vs. The Beats (JUICE #152)

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Sowohl seine Battlegegner als auch seine Plattenkäufer wissen es längst: Sylabil Spill meint es todernst mit dieser Rap-Sache. Sei es in der Cypher, auf der Bühne oder auf Vinyl, im Verbund mit Geistesverwandten wie dem Beleidiger-Kollegen Retrogott, Morlockk Dilemma oder solo, wenn der Radira das Wort ergreift, dann wird es brachial. »Freunde? Nein!«, »Negative Energie«, »Komm nicht her. Ich töte dich« und diverse andere große und kleine Tonträger legen davon beeindruckend Zeugnis ab. Das ganz große Massaker namens »Stein und Zwiebel« rückt immer näher, vorher kommt nun jedoch erst mal die EP »Miami Vice.Bescheid« in Zusammenarbeit mit dem zumindest in informierten Kreisen legendären DJ Ara.
 

 
»Die Arbeit war sehr entspannt, Ara ist ein extrem verpla…, äh, entspannter Typ und ein großartiger Produzent«, so Spill über seinen EP-Partner, der nicht nur mit seiner Crew Walking Large Pionierarbeit in Sachen HipHop in Deutschland leistete, sondern u.a. auch das bahnbrechende »Neongelb« von Kool Savas zu verantworten hat. »‘Miami Vice.Bescheid’ ist ein Wortspiel. Ich bin schon damals im Kongo mit ‘Miami Vice’ aufgewachsen, aber ich habe jedes Mal von meinem Opa eine aufs Dach bekommen, wenn wir uns das reingezogen haben. Denn letztendlich ist die Serie ja nur eine große Schleichwerbungskampagne, zudem ist alles total extrem dargestellt und äußerst manipulativ. Der Titel der EP bedeutet also so viel wie: Ich weiß darüber Bescheid, dass alles eine große Verarschung ist und ziehe mir alles mit Abstand rein. Ich bin einfach hardcore-auktorial.« Und tatsächlich nimmt Spill hier nicht nur die übliche Gegner, sondern durchaus auch eine Beobachterposition ein. Zeit, ihn mal mit dem musikalischen Schaffen von Kollegen und Konkurrenten zu konfrontieren.

 

 

Audio88 feat. Morlockk Dilemma
Spills Meinung (2011)
Ey, Kommentar: dope. Punkt. Ausrufezeichen. Der eiserne Besen, Audio88 – das sind richtig dope Rapper.
JUICE: Und sie vertreten hier deine Meinung, und zwar, dass jeder zweite Rapper ein Spasti sei.
Das finde ich ja unter anderem so dope, dann fühlt man sich nicht mehr so alleine. Obwohl, ich hab in meiner Crew ja auch viele, die meine Meinung vertreten. Und auch darüber hinaus. Das finde ich dope. Abgesehen davon finde ich den Track auch dope.

 

Fler
Neureicher Wichser (2013)
Fler, ne? Hat der sich nicht mal negativ über den Retrogott geäußert? Prinzipiell nichts gegen ihn und was er da umsetzt. Beat ist nicht mein Ding, aber der Anfang erinnert mich ein bisschen an »Gz and Hustlas« von Snoops »Doggystyle«. Ich denke, das passt ganz gut zu seinem Rapstil. Nichtsdestotrotz irritiert mich bei ihm immer, dass er fahnenschwingend zeigen muss, dass er Deutscher ist und damit den Ausländern die Stirn bieten will – so kommt es jedenfalls rüber. Und ich denke, als Einheimischer muss er den Ausländern nicht erklären, dass die deutsche Welle jetzt losgeht. (lacht) Aber jedem das Seine. Meint er mit »Neureicher Wichser« die Hipster, die nach Berlin ziehen?
JUICE: Ich schätze, er meint sich selbst.
Ach so. Wie reich ist er denn? Wenn er kein Flugzeug hat, dann ist er nicht reich. (lacht)

 

Genetikk
D.N.A. (2013)
Ich kenne ihre Vorgeschichte nicht, ich weiß nicht, womit die arbeiten – aber ich finde es fresh, wenn plötzlich neue Gesichter auftauchen. Die Jungs scheinen hungrig zu sein, die sollen auf jeden Fall am Ball bleiben. Das ist eine Anlehnung an den Song »Füchse«, oder? Finde ich cool, so was zu machen.
JUICE: Zitieren ist also nicht Biten in deinen Augen?
Nein, nein. Biten ist viel mehr, als nur ein Wort oder eine Line aus dem Zusammenhang zu nehmen. Wir befinden uns doch eh in einer reproduktiven Ecke, Musiker zitieren ja oft und entwickeln daraus etwas Eigenes. Biten ist, wenn man versucht, einen kompletten Zusammenhang zu kopieren. Sonst würde ja jeder, der »dope« sagt, von dem biten, der »dope« erfunden hat. Aber so ist das hier auf jeden Fall sympathisch: Der eine benutzt Cuts, und Genetikk machen es halt so. Und so starke Analogien hört man ja auch nicht, dass man sagen müsste: Shit, gebitete Kacke. Das gibt es hier ja auch zur Genüge, deutsche MCs, die Lines von amerikanischen MCs eins zu eins übersetzen. Und ich spreche dabei jetzt nicht nur über Straßenrap, sondern es gibt auch vermeintliche Hardcore-Rapper, die das gemacht haben. Und so was ist wack. Dismissed!

 

Muso
Garmisch-Partenkirchen (2013)
Ein Lyricist. Aha, er kommt also aus Garmisch-Partenkirchen und rappt darüber?
JUICE: Er kommt nicht aus Garmisch-Partenkirchen und worüber er rappt, weiß man oft nicht so genau.
Er erinnert mich an Aesop Rock. Und Aesop Rock ist ein super MC. Jetzt gibt es ja auch diesen A$AP Rookie, ne? (lacht) Ich hab von Muso vorher noch nie was gehört, aber seine Bilder und Metaphern finde ich okay, das hat Kurzfilmcharakter. Was er rüberbringen wollte, ist angekommen. Weitermachen.

 

Xatar feat. Schwesta Ewa
Beifall (2012)
Ey, ich bin überrascht. Minimalistisch gehaltener Beat, sympathische Lines, gut verständlich, eingängiger Flow, kein übertriebenes Straßengelaber, ehrlich, gut nachvollziehbar. Xatar und ich sind ja auch eigentlich im selben Kosmos aufgewachsen, wir sind quasi aus derselben Ecke – obwohl, zur Zeit ja nicht, wie man weiß. (lacht) Damals war ich überrascht, dass er auch Mucke macht. Und jetzt auch, als ich gehört habe, dass er sich von Dexter Beats geholt hat. Ich mag Dexter, er macht richtig gute Sachen – und vielleicht passt das ja. Xatar macht sein Ding gut, was ich bisher so gehört habe.

 

 

Westberlin Maskulin
Aggressor vs. Kompressor (1999)
Ah, der Beat! Westberlin Maskulin ist ein Klassiker, aber ich bin mir nicht sicher, ob der Song auch ein Klassiker ist. Der Beat ist super aggressiv und hektisch, das ist dope. Guter, ignoranter Part von Taktlo$$. Ein richtiges Sprachtalent, was die Bloßstellung des Gegenübers angeht, vor allem durch seine Diss-Punchlines. Er interpretiert hier den Beat in seiner Hektik auch am besten. Savas’ Part ist solide, ein paar Punchline-Disses, ein paar Bildvergleiche – objektiv gesehen. Subjektiv gesehen ist das – durch dieses ganze N-Wort-Gerappe in jedem Song – ein ignoranter, respektloser Kerl. Und das ist kein Kompliment, ich disse hier gerade jemanden. Ich hoffe, wir laufen uns mal über den Weg. Dann soll er mir und den respektvollen weißen Menschen, die sich darüber abfucken, was er da rappt, erklären, was ihn da geritten hat. Dass er das nicht mehr sagt, ist mir egal. Ich will nur wissen, wieso er überhaupt darauf gekommen ist. Ich erinnere mich an einen Gig von ihm und DJ Ara in Bonn, mit dem ich ja gemeinsam die »Miami Vice.Bescheid«-EP gemacht habe. Da hat er auch seine Sachen gekickt, Nigger hier, Nigger da. Draußen stand eine Horde Blacks und eine Horde weißer Dudes, die im Rauschzustand nach dem Konzert rumgeniggert haben – und die wurden krankenhausreif geschlagen. Und einer von diesen Jungs meinte dann auch noch: »Aber Savas darf doch auch Nigger sagen!« Es gibt ja immer noch Leute, die meinen, mit dem N-Wort könnte man ganz besonders gut provozieren, zum Beispiel dieser Dollar John. Ich sag dir ganz ehrlich: Wenn ich einen in meiner Gegenwart erwische, der das N-Wort kickt, dann kicke ich seinen Kopf. Dann ficke ich seinen Arsch. Vielleicht kriege ich deswegen Ärger, aber ich lasse das nicht durchgehen. Das ist respektlos und ich will dafür eine Erklärung.

 

Beatfabrik
Du Hure (2001)
Der Beat gefällt mir, er überzeugt durch einen klaren, monotonen und aggressiven Reiz – eigentlich eine Plattform für gute Raps. Aber ich finde die Umsetzung der Thematik gelinde gesagt suboptimal. (lacht) Vielleicht liegt das auch daran, dass die Parallelen zu dem Song »Kim« von Eminems »Marshall Mathers LP« schon sehr groß sind.
JUICE: Beatfabrik haben damals doch diese »Wir battlen jeden«-Tour gemacht. Der Retrogott und du waren daran ja auch beteiligt.
Yeah, genau. Kurt, O-Flow und ich waren da, ich habe Prinz Porno gebattlet und Kurt diesen Kid Kobra. Die mediale Darstellung dieses Battles fand ich jedenfalls sehr lustig, da sah es so aus, als hätte Prinz Porno mir eine rübergezogen. Und das auch noch mit einer recht zweifelhaften Line, die zudem vorher schon in einer anderen Stadt so gefallen ist. Ich hatte meinen Spaß, der ganze Groove Attack Store hat gelacht, Grand Agent hat gelacht – und ich denke, die Jungs wissen auch, dass wir sie da in die Schranken gewiesen haben. Ich fände es nice, wenn sie mal unser ganzes Battle hochladen würden und nicht nur den Zusammenschnitt. Ist Prinz Porno eigentlich gewachsen oder ist der immer noch so klein?

 

Prinz Pi feat. Casper
100X (2013)
Ah, das ist ja der Typ. Wieso heißt er jetzt eigentlich Prinz Pi? Wegen der Zahl Pi, oder? Oder weil er älter geworden ist? Ist man dann nicht eigentlich ein König, wenn man vorher ein Prinz war? Ein Prinz bleibt doch immer klein. Naja, der Beat gibt in den ersten zwölf Sekunden wirklich was her. Krass gut abgemischt. Objektiv gesehen, ist der Song sprachlich und stilistisch einfach gehalten, keine großen Besonderheiten. Außer, dass die sich thematisch in ihrem Fan-Milieu bewegen. Ich kann mir gut vorstellen, wie die pubertierenden Mädels mit Bambi-Augen und ihre Hipsterfreunde in Röhrenjeans bei deren Konzerten in der ersten Reihe stehen und alles nachrappen. Ist aber nicht meine Baustelle.

 

Notorious B.I.G. Feat. Mase & Puff Daddy
Mo Money Mo Problems (1997)
Haha, Big Poppa! Das ist ein Klassiker. Weil: doper Beat, doper Biggie-Part. So dope, dass der wacke Mase und der noch wackere Puff Daddy davon getragen werden. (lacht) Ich denke, wahre Künstler zeichnen sich oft dadurch aus, dass sie länder-, sprach- und hautfarbenübergreifend Einfluss ausüben. Und Biggie war, ist und bleibt einer dieser Künstler. Den Song kannste immer spielen, das war immer ein Partykracher, egal was für eine Party das ist. Das liegt daran, dass Biggies Part so strahlt, dass die anderen Parts dann auch gut wirken.

 

KRS-One
MC’s Act Like They Don’t Know (1995)
Der Song war mein Lieblings-Freestyle-Beat bei der ENTBS-Tour 2010. Ein unglaublich guter Song. Ich mag die Prägnanz des Beats. Die Cuts sind auch allerfeinste Kost. Ich finde das ganze Album unfickbar. Doper Shit, hat mich sehr geprägt.
JUICE: KRS-One spielt übrigens dieses Jahr auf dem Splash!.
Ach, echt? Dann bringe ich auf jeden Fall meine Platten mit. Und meine »Magic HipHop«-CD. Kennste die noch? (lacht) Dann soll er mir die mal signieren.

 

Action Bronson
Strictly 4 My Jeeps (2013)
Ah, ist das nicht der »Juicy«-Drumloop? Der Beat lässt einem schön viel Platz zum Rappen bzw. für Action Bronsons Kochkunst. Ich finde den Track gut, Bronson sorgt für Action, Lyrics sind raw, kommt alles an. Action Bronson ist ein guter MC. Fazit: Dopeness hat keine Hautfarbe.