Schoolboy Q – Blank Face // Review

SchoolboyQ_BlankFace

(Interscope / Universal)

Tun wir Kanye West den Gefallen und fangen bei ihm an. »THat Part«, der dritte Song auf dem vierten Album von Schoolboy Q, enthält eine Strophe von Ye, die man spätestens zur Abrechnung am Ende des Jahres wirklich als »that part« bezeichnen könnte – das eine Feature, das noch etwas dreister und haarsträubender war als alle anderen. Kanye ist im Angebermodus unterwegs, das ist immer gefährlich, und so erzählt er von angsterfüllten Paparazzi, die Rückwärtssalti machen, wenn er aus der Fashionboutique kommt, und bezeichnet seine Ehefrau nach einem Stripclub-Abstecher als »female O.J. Simpson«. Um es mit seinen eigenen einläutenden Worten zu sagen: »Okay, okay, okay!« Dass Kanye all das rappt, als hätte Young Thug eine Reise zur Raumstation ISS gewonnen, macht die Sache nur noch absurder – und »THat Part« zum einzigen Moment auf »Blank Face«, in dem Schoolboy Q tatsächlich von einem seiner Gäste überschattet wird. Der Rest der Platte ist bodenständiger und fokussierter, eine Gangstarap-Musterstunde, die ihre Lektionen gelernt hat aus den lauwarmen Reaktionen, die Schooboy Qs respektables, aber ungeliebtes Majorlabeldebüt »Oxymoron« provoziert hatte. Ob das nun wirklich daran liegt, dass der bald 30-Jährige den Hustensaft inzwischen den Jünglingen überlässt, sei dahingestellt. Schoolboy Q knüpft jedenfalls an den Sound und die Stimmung seiner Indie-Alben an: Er zelebriert die Auswirkungen des Gang- und Dealer-Lifestyles auf sein Bankkonto und beklagt die Folgen für Familienleben und Seelenheil. Neu ist das zu keiner Sekunde, aber Vertraut­heit und Expertenwissen sind auch Stärken, vor allem, wenn man sich so leidenschaftlich in seine Themen reinsteigert, wie Schoolboy Q das diesmal tut. Der Rapper aus South Central Los Angeles hat bisher kein besonderes Interesse am tages­politischen Geschehen seiner Hood gezeigt. Stattdessen nahm er den Blickwinkel eines derangierten Geschichtslehrers ein, wenn es um Crips, Bloods, ihre Geschäfte und deren Einfluss auf die Menschen ging, die sich eigent­lich aus allem raushalten wollen. Schoolboy erzählte von früher, und so macht er es auch auf »Blank Face«, wenn etwa »Neva CHange« darauf hinweist, dass jüngere Vorfälle von Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA keineswegs neu sind, sondern in einer gut gepflegten Tradition stehen. »Was erwartet ihr eigentlich«, scheint Schoolboy Q zu fragen und legt mit »Black THoughts« nach, einem quasi-historischen Abriss der Gangbanger-Geschichte von South Central. Erneut lautet die Botschaft: Früher war alles genauso schlecht – auch wenn Schoolboy Q wenigstens das reaktionäre Hashtag #AllLivesMatter mit einem klugen Kniff auf den Kopf stellt. Das titelgebende »Blank Face« ist einerseits ein Pokerface, über Jahre antrainiert für den nächsten Deal, die nächste Polizeikontrolle, den nächsten Schlamassel. Dass es auch ein buchstäblich leeres, hoffnungsloses Gesicht ist, liest man Schoolboy Qs Texten eher an, als dass man es hören könnte. Als MC bleibt er unvergleichlich dynamisch: Kaum jemand bringt mit seiner Eisenlunge mehr Dreck und Leben in 16 strengen Zeilen unter, niemand hat mehr Freude an Ad-Libs, gedoppelten und verstellten Stimmen. »Blank Face« flirtet durch diesen unberechenbaren Vortrag mit dem Kontrollverlust, lässt ihn aber niemals wirklich geschehen. Das Album bleibt konventioneller Westcoast-Rap bis in die meist schnörkellosen Produktionen von Swizz Beatz, Metro Boomin, Tyler, The Creator, The Alchemist oder TDE-Hausherr Sounwave. Einzige Extravaganz dieser Genreexzellenz: Eine Schwäche für penisverlängernde Gitarrensolo-­Samples.

 

Text: Daniel Gerhardt

»Blank Face« gibt es derzeit hier bei uns als Abo-Prämie.