»HipHop ist wieder bereit, richtig dreckig zu werden« // Swizz Beatz im Interview

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Mai 1998, 125th Street, Harlem, New York City. An einer Straßenecke steht ein hagerer, 19-jähriger Junge namens Kasseem. Es ist heiß, die Frühlingssonne knallt auf den Asphalt, der Verkehr bewegt sich an diesem Nachmittag nur schleppend. Der Junge hat seinen Blick auf die Kreuzung gerichtet, er schaut den Autos nach, die mit heruntergelassenen Fenstern an ihm vorbeifahren. Aus den Fahrzeugen pumpt Hot 97. Kasseem ist nervös. Er wartet auf diesen einen, diesen magischen Moment, von dem er sich sicher ist, dass er bald passieren wird. Dann ist es soweit: »Stop. Drop. Shut ’em down, open up shop«, dröhnt es aus den Boxen eines vorbeifahrenden Wagens. Er grinst und fängt an, die Autos zu zählen, die den Song spielen. Bei 70 angekommen hört er auf. Kasseem hat die Gewissheit, dass sein Leben sich von nun an schlagartig verändern wird. »Das war besser als Geld, zu dem Zeitpunkt dachte ich nicht mal an Geld«, erinnert er sich heute an das Glücksgefühl zurück, das ihn damals durchströmte. »Ruff Ryders Anthem«, der Song, der für den Rest des Sommers durch sämtliche Autoradios der Nation pumpen sollte, hat sich bis heute allein in den USA mehr als fünf Millionen mal verkauft. Und aus dem schlaksigen Jungen aus der South Bronx ist einer der erfolgreichsten HipHop-Produzenten aller Zeiten geworden: Swizz Beatz.

April 2013, West 27th Street, Manhattan, New York City. Im elften Stock eines teuren Bürokomplexes im Künstlerviertel Chelsea steht Swizz Beatz vor der Glasfassade und genießt den Ausblick auf die Skyline von Manhattan. Er befindet sich im Penthouse der Jungle City Studios, die er zusammen mit Ehefrau Alicia Keys betreibt. Auch wenn das sein Reich ist, ist Swizzy nicht aus freien Stücken hier. Er wurde gerufen. Nicht von irgendjemandem. Nein, ein gewisser Shawn Corey Knowles-Carter hat seine Go-to-Guys einbestellt. Da stehen sie nun aufgereiht und lauschen andächtig, während der Jiggaman von seinem Konzept erzählt. »Magna Carta Holy Grail« soll es heißen, das zwölfte Soloalbum von Jay Z. Ein einzigartiges Marketingkonzept soll die entsprechende Kulisse für dieses ­Happening bilden. Und drei millionenschwere Hitmaker, mit denen Jay im Laufe seiner Karriere immer wieder zusammengearbeitet hat, sollen auch dieses Mal einen gebührenden Soundteppich liefern. So steht Swizz nun da, umringt von Timbaland und Pharrell, und sieht sich mit dieser Mammut­aufgabe konfrontiert. Seit dem 4. Juli weiß man, dass das Trio diese Herausforderung mit Bravour gemeistert hat.

Auch der von Swizzy und Timbo produzierte Track »Open Letter« entsteht im Rahmen dieser Aufnahmen. »Wir haben den Track an einem Montag aufgenommen, am darauffolgenden Mittwoch hat man darüber im Weißen Haus gesprochen und der Track wurde auf CNN diskutiert«, erzählt Swizz. Eigentlich müsste er gar keine Musik mehr machen. Neben einer erfolgreichen Karriere als Produzent und Solokünstler beweist er immer wieder seinen Riecher für gewiefte Business-Moves: Kooperationen mit Modelabels, Sportartikelherstellern, Automarken und Elektronikherstellern. Er entwirft als Produktdesigner eigene Sneaker, Luxusuhren und Sportwagen. Er ist Gesellschafter eines Elektronikherstellers. Das Magazin »Forbes« schätzt Swizzys Einnahmen für 2012 auf sieben Millionen US-Dollar. Trotzdem, nie wieder arbeiten? Nö.

 

Du sagtest vor kurzem, dass du jetzt seit 17 Jahren mit Jay Z zusammenarbeitest. Ihr hattet also 1996 zum ersten Mal Kontakt.
Genau. Ich kann mich noch erinnern, wie ich ihn in seinem Büro besucht habe. Er hatte ein kleines Büro, war ganz in schwarz gekleidet und trug ein Jesus Piece an einer Kette, die so dünn war wie eine Fischgräte. Ich dachte nur: »Yo, I’ma get that.« Meine Onkel [Dee und Waah von Ruff Ryders, Anm. d. Red.] hatten mich damals mitgenommen, obwohl Jay eigentlich Beats von Dame Grease wollte. Ich hatte ein Tape mit meinen Beats dabei. Jay dachte, meine Onkel wollen ihn mit mir abspeisen. Ich war ja noch ein kleiner Dude. Aber ich habe die CD eingelegt und er wollte gleich das ganze Beat-Tape kaufen. Im Endeffekt wurden davon sieben Beats verwendet für Songs wie »If I Should Die«, »Coming of Age II« und »Money, Cash, Hoes«. Jay und ich haben einen Haufen unveröffentlichter Tracks, die richtig crazy sind. Jedes Mal, wenn ich ihn sehe, sage ich ihm, er soll das Zeug endlich rausbringen.

 

 

Machst du heute anders Musik als in deinen frühen Jahren?
Ich arbeite heute bewusster. Früher kam ich mir vor wie im Schnellzug, als würde ich sprinten. Mittlerweile habe ich mehr als 550 Songs produziert. Wenn ich heute an Projekten arbeite, geht es mir darum, mein Vermächtnis zu erweitern. Mein Gedankengang und meine Herangehensweise sind heute viel durchdachter. Früher habe ich an einem Abend 50 Beats gemacht und 40 davon wieder verworfen.

Du hast früher damit angegeben, dass du nur 15 Minuten brauchst, um den Beat für einen Hit zu produzieren.
Ich habe nicht damit angegeben! Ich habe damals nur die Wahrheit gesagt. Wahrscheinlich waren es zu der Zeit noch weniger als 15 Minuten, die ich für einen Beat gebraucht habe. Eine Viertelstunde war damals viel Zeit für mich. Die Ruff Ryders waren eine Bewegung und wir mussten unsere Zeit nutzen. Ich habe zu jener Zeit ja nicht nur für DMX produziert – The LOX, Eve und Drag-On mussten ebenfalls mit Beats versorgt werden. Ich war »in the zone«, ich habe den Scheiß gelebt. Ich hatte damals Schürfwunden am Kinn, im Gesicht und an den Armen, weil ich dauernd im Studio auf dem Teppichboden geschlafen habe.

Wenn du sagst, dass deine Herangehensweise heute durchdachter ist, wie lange brauchst du dann mittlerweile für einen Song?
Inzwischen brauche ich ungefähr zwei Stunden, um mit dem Ergebnis zufrieden zu sein.

Du brauchst zwei Stunden für den Beat?
Nein, zwei Stunden für alles – den Beat, den Refrain, das Konzept. Ich habe doch keine zwei Stunden Zeit, um einen Beat zu machen. Das wäre lächerlich.

Vor dem Interview hast du kurz gesagt, dass du aktuell nicht planst, ein Album ­herauszubringen. Was hat es mit dieser Entscheidung auf sich?
Ich möchte nur »Momente« veröffentlichen. Solange die Leute nicht wollen, dass ich ein Album herausbringe, will ich das auch nicht. Wieso sollte ich mir selber diesen Druck machen? Wenn ich einen großartigen »Moment« habe, will ich diesen mit der Welt teilen.

 

 

Wenn du also kein Album veröffentlichst, wo siehst du dich im HipHop-Kanon? Was genau ist denn dein Vermächtnis?
Mein Vermächtnis besteht aus über 300 Millionen verkauften Platten allein in den USA. Es besteht aus meiner Arbeit für wohltätige Zwecke, meiner Betätigung als Kunstsammler und Maler, als Mode- und Produktdesigner. Ich habe stetig neue Ebenen hinzugefügt: Musik, Kunst, Mode, karitative Arbeit, Design. Es geht mir darum, der »Renaissance Man« zu sein, das Universalgenie meiner Generation. Ich will der nächsten Generation eine Blaupause liefern, wie man das macht. Ich weiß, dass ich in dieser Hinsicht einer der Anführer bin. Es ehrt mich, dass Leute versuchen, mir das nachzumachen. Aber nicht jeder ist dazu in der Lage.

Du siehst dich also als Wegbereiter für Künstler wie A$AP Rocky, die verstärkt den Fashion-Aspekt aufgreifen, um ein Image aufzubauen?
Diese Frage sollen andere beantworten. Ich habe aber definitiv dazu beigetragen. Ich war in vielerlei Hinsicht ein Pionier. Und ich war erfolgreich. Das macht einen großen Unterschied aus. Viele Leute wollen Anerkennung für Dinge, die gar nicht erfolgreich sind. Nach dem Motto: »Ich hab dies und jenes gemacht.« Aber hattest du damit Erfolg?

Würdest du sagen, dass du einer der Hauptverantwortlichen für den elektronischeren Sound bist, der seit der Jahrtausendwende Mainstream-HipHop in Amerika dominiert?
Ich würde es nicht »elektronisch« nennen, sondern eher als originellen, synthesizer-­basierten Sound bezeichnen. Wenn man das Wort »elektronisch« in den Mund nimmt, muss man EDM und all diese anderen Kategorien elektronischer Musik berücksichtigen. Wenn ich darüber spreche, will ich keinen Interpretationsspielraum lassen. Als ich anfing, bin ich ein großes Risiko eingegangen, nicht auf Samples zurückzugreifen. Damals hat jeder Samples benutzt. Dieses Risiko hat sich jedoch bezahlt gemacht.

Wie sehr warst du in die Aufnahmen von »MCHG« involviert? Wie authentisch war der YouTube-Clip, den man im Vorfeld sehen konnte?
Der Vibe im Studio war noch krasser als in dem Clip. Es gibt Videoaufnahmen davon, die hoffentlich bald erscheinen werden.

 

 

Was hast du gedacht, als dir Jay zum ersten Mal von seinem »#newrules«-Konzept erzählt hat?
Jay ist sehr geheimniskrämerisch, wenn es um den kreativen Prozess geht. Ich wusste nichts davon, bis er mich fragte, ob ich Zeit hätte und dass ich ihn im Studio treffen sollte. Das Album wurde ja in meinem Studio aufgenommen. Als ich dort auftauchte, erklärte man mir das komplette Konzept. Das war ziemlich verrückt.

Glaubst du, dass große Künstler ihm diese ­Herangehensweise nachmachen werden?
Er hat damit mal kurz das Game verändert, na klar. Jeder wird sich jetzt nach einem Abnehmer für sein Album umschauen.

Was sind deiner Meinung nach die Trends, die in nächster Zeit HipHop dominieren werden?
HipHop ist wieder bereit, richtig dreckig zu werden. Der ganze »pretty shit« wird so langsam aus dem Fenster geworfen. Jeder wird jetzt versuchen, alles auf die Basics zu reduzieren und es so gully wie möglich zu machen. Man muss einfach ab und zu auf Reset drücken. Ich bin jetzt seit 1998 dabei, ich habe das jetzt ungefähr fünfmal miterlebt.

Wie bewertest du momentan die ­Entwicklung in New York?
Positiv. New York hatte mehr oder weniger aufgegeben. Jetzt hast du Leute wie A$AP Rocky, French Montana oder Vinnie Cha$e, bei denen man nicht mal das Gefühl hat, dass sie New Yorker Künstler sind. New York brauchte wieder diese Vielfalt. Die einzige Art, wie man es aus New York herausschaffen kann, ist, wenn du der heißeste Künstler in New York bist, man dich aber gleichzeitig nicht auf eine Sache reduzieren kann. So war das bei mir mit meinen Produktionen. Ich war nicht nur ein New Yorker Produzent, ich habe auch Down-South-Platten produziert und war damit meiner Zeit weit voraus.

Gibt es denn einen bestimmten New Yorker Künstler, den du zurzeit hörst?
Ich höre alles. Nicht nur HipHop, sondern auch sämtliche globale Musik. Manchmal möchte ich nur Underground-Zeug hören, dann höre ich wieder Indie-Rock, ­afrikanische oder arabische Musik.

Du hältst also die Ohren offen und checkst, was in anderen Genres passiert und was gerade im Trend liegt?
Man muss immer darauf achten, was auf der Straße abgeht. Es macht mir Spaß, das zu studieren und die DNA verschiedener Trends zu entschlüsseln. Zu verstehen, wie der Markt gerade funktioniert und vorherzusagen, wie sich das weiterentwickelt. Oder sogar derjenige zu sein, der eine Veränderung einleitet.

Kanye hat mal auf Twitter behauptet, dass du vielleicht der beste HipHop-Produzent aller Zeiten bist. Seitdem sind zwar schon ein paar Jahre vergangen, aber wie hast du dich damals gefühlt?
Das war eine gewaltige Behauptung von ihm. Was ihn damals dazu gebracht hat, das zu sagen, weiß nur er. Ich arbeite sehr hart an meiner Musik, es war also toll, dass er mir in dieser Form Anerkennung entgegengebracht hat. Ich würde dasselbe auch über ihn behaupten. Im Endeffekt würdigen wir damit gegenseitig unsere Leidenschaft für die Musik. Er war wahrscheinlich der Meinung, dass es an der Zeit war, dass ich den Respekt bekomme, der mir zusteht. Vieles, was ich mache, passiert mehr oder weniger heimlich. Dadurch wissen viele Menschen oft nicht, an welchen Projekten ich mitgearbeitet habe. Das hat auch mit meinem Charakter zu tun – ich muss nicht jedes Mal einen riesigen Aufstand machen, wenn ich an etwas Großem gearbeitet habe. Also hat sich Kanye wohl gedacht, er meldet sich mal für mich zu Wort, wenn ich das nicht selbst tue.

Hast du ab und zu Zeit, dich an diese wichtigen Momente zurückzuerinnern und dein Schaffen und das Erreichte zu reflektieren?
Ich denke vorwärtsgewandt. Aber man kommt im Leben nicht weiter, ohne die ­eigene ­Vergangenheit zu kennen. Wenn man nicht weiß, wo man hin will, dreht man sich zwangsläufig im Kreis. Wenn ich male, habe ich Zeit, viele meiner Leistungen zu reflektieren und über Dinge nachzudenken, die ich getan habe.

Wieso hast du angefangen, Kunst zu sammeln und selber zu malen?
Das hat viel damit zu tun, dass ich in der South Bronx aufgewachsen bin. Ich hatte also die ganze Zeit Kunst um mich herum: Keith Haring, Futura, Crash, Dondi und wie sie nicht alle heißen. Ihre Kunst war allgegenwärtig und das hat mich inspiriert, selber zu malen. Mit der Musik war es ähnlich. KRS-One ist oft bei mir um die Ecke im Park aufgetreten – deswegen habe ich dann selbst angefangen aufzulegen.

Du warst mit vielen Legenden im Studio. Was ist dein denkwürdigster Moment ­während einer Aufnahme-Session?
Die denkwürdigsten Momente passieren immer mit DMX, weil er so unberechenbar ist.

Du verstehst dich also immer noch gut mit DMX?
Er ist mein Bruder, wir haben Großes vor. Wir haben auch Großes mit The LOX und Eve vor.

Die Ruff Ryders sind 2013 also stärker denn je?

Wohl eher 2014.

 

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