Nimo: »Ich habe direkt meine Schnürsenkel zusammengeschnürt und als Seil runtergegeben.« // Feature

Nimo

19 Jahre und zwei Knastaufenthalte auf dem Buckel, dutzende Videos für Social Media und den »Jackpot geknackt«: Nimo ist das neue Signing bei 385i. Internetgoldgräber könnten das Gesicht des ehemaligen Stuttgarters schon länger kennen, schließlich gingen vor drei Jahren erste Facebook-Aufnahmen des Iraners online. Die Schneeballmentalität des Internets tat ihr übriges, Celo & Abdi wurden aufmerksam auf den jungen Mann, der seine Stimme so wendig auf den Beats bewegte.

Aufgewachsen im tiefsten Schwabenländle, machte »die Zukunft deutschen Gangsterraps« erst mal nicht viel außer »Schule schwänzen und Joints bauen«. Dass nun an erster Stelle die Musik steht, bekam auch HipHop-Onkel Falk Schacht mit, der den Rapper neulich für seine Vocalperformance adelte. »Da stand Falk mit seinen zwei Sekretärinnen und sagt: ‚Digga, du bist zu krass.‘ Ich habe mich bedankt. Später erst wurde mir gesagt, wer das ist. Ich habe mich dann im Nachhinein geschämt. Scheiße, Alter – ich kannte den nicht mal!« Wer weiß, vielleicht ist Nimo ein »Azzlack Stereotyp« des orientierungslosen Migrantensohnes, der sein Glück wie die Vorbilder erst im gesprochenen Wort findet. »Ich habe mit Musik begonnen, als die Azzlack-Welle anfing. Ich war jemand, der sich die Tourblogs angeguckt, sich den gleichen Eistee wie Celo geholt, dieselben Sprüche abgelassen hat.« Wer jedoch mit einem Aufguss des bekannten Azzlack-Themenkanons rechnet, urteilt vorschnell. Vielleicht ist der Altersunterschied zum restlichen Camp bereits Indikator für neue 20 Perspektiven: »Es gibt den Macher und es gibt die Leute, die 24 Stunden auf der Straße sind. Die sind draußen, rauchen Joints und fragen sich: ‚Warum sind wir überhaupt hier?‘ Aber nach Hause können sie auch nicht gehen. So jemand war ich. Von diesen Abfucks erzähle ich.«

Nimo ist ein Kind Geflüchteter. Der Vater, in der Heimat politisch aktiv, fasste in Deutschland Fuß, studierte und bekam einen Sohn, den er zwar nicht musikalisch, aber zu einer eigenständigen Persönlichkeit erzog. »Ich will nicht in irgendwelche Fußstapfen treten. Ich will eigene Spuren hinterlassen. Irgendetwas Neues«, so Nimo. Sitzt man ihm gegenüber, macht er einen stolzen, authentischen Eindruck. Wundersam, dass in der Welt der Tourblog-Youtube-Kommentare, deren Teil er jetzt selbst ist, immer wieder auf den Vielkiffer eingehackt wird. »Dieser Nimo passt ja mal voll nicht dazu«, heißt es da. Das Video zu »Bitter« stößt hingegen auf erfreuliche Resonanz: »Das lief viel besser, als wir erwartet hatten.«

 

Es scheint, als müsse sich das Azzlack-Publikum erst an den Neu-Frankfurter gewöhnen. In etwa, wie »die Gesellschaft« sich daran gewöhnen muss, dass temperamentvolle »asoziale Kanacken« manchmal werden, was man ihnen unterstellt – asozial, nicht mehr erwünscht, weggesperrt. Vor dem Labeldeal-Jackpot landete Nimo zweimal hinter Gittern. Wegen »Kleinigkeiten, die sich gehäuft haben«, sagt er. Aber im Knast wartete letztlich der Hauptgewinn. Denn als Nimo, der mit bürgerlichem Namen Nima heißt, im Alter von 15 Jahren für vier Monate in U-Haft muss, wird er in den siebten Stock einer Haftanstalt gesteckt. Eines Tages hört er unter sich die Stimme von Shamsedin von Alles Oder Nix. »Ich wusste, dass er im sechsten Stock einquartiert ist. Aber nicht, dass er direkt unter mir ist. Bis eine Stimme eines Tages meinte: ‚Schick mir ein Seil runter.‘« Die Kommunikation läuft durch das Fliegengitter ab. »Ich habe direkt meine Schnürsenkel zusammengeschnürt und als Seil runtergegeben. Ich dachte, vielleicht kommt ein USB-Stick zurück.«

Zwar kam »nur« ein Klumpen Hasch, der wahre Gewinn waren aber sein Künstlername (Shamsedin: »Wenn ich rauskomme, höre ich deine Mucke – aber nur, wenn du dich Nimo nennst.«) und nächtliche Gespräche über den Hof hinweg – gegenseitiges Vortragen neuer Ideen inklusive. Die Motivation, die »schiefe Bahn« mittels Musik zu verlassen, stieg rasant. »Mein Vater hat mir dann einen CD-Player in den Knast geschickt. Erst da habe ich mich richtig mit Old School befasst.« Als Nimo raus ist, rappt er das erste Mal in eine Kameralinse. Ein paar Jahre dauert es aber noch, bis er als Support die »Akupunktur«-, »Bonchance«- und »Straßencocktail«-Touren spielt. Anfang des kommenden Jahres wird dann sein Mixtape »Habeebeee« erscheinen. Das zynische »Bitter«, von Jimmy Torrio produziert, war ein erster Hinweis auf den Sound des Neuen bei 385i. Bleibt abzuwarten, ob Gangstaraps Zukunft unsere Kinder wirklich behindert macht, oder sie überzeugt, ihren eigenen Weg zu gehen.

Text: Laurens Dillmann & Josua Hellmeier

Dieses Feature erschien in JUICE #172 (Back Issues hier versandkostenfrei nachbestellen).Cover_172_RZ.indd