Interview: Mac Miller

Mac-Miller

 

Der Synthie-Beat dröhnt aus den Boxen des seit Wochen ausverkauften Hamburger Docks und ein völlig verschwitzter Mac Miller streckt das Mic Richtung Crowd, die ihm die ersten Lines von »Frick Park Market« entgegenbrüllen: »Who the fuck are you?« Der selbst ernannte HipHop-Guru und Wirtschaftsmagnat Donald Trump beantwortete diese Frage mit »I heard he’s the new Eminem«, als er sich in einem YouTube-Video zu dem Erfolg des nach ihm benannten Mac Miller-Songs äußerte.

 

Prompt hatte Trump eine der am meisten diskutierten Rap-Kontroversen der letzten Wochen geliefert, aber was kann man schon ernsthaft von jemandem erwarten, der offen zugibt, die Lyrics nicht verstanden zu haben? Genau dasselbe, was Mac Miller und Eminem auch in Wirklichkeit gemeinsam haben: Nicht viel, wenn wir mal das Hautfarbenthema außen vor lassen. Denn im Gegensatz zu einem gewissen Marshall Mathers wuchs Malcolm McCormick in einem gutbürgerlichen Umfeld in Pittsburgh auf, fernab der 8 Mile Road und den Trailerparks von Detroit. Raptechnisch tauscht er den Mittelfinger gegen ein Thumbs Up und statt einen wütenden Diss nach dem anderen auszuspucken, rappt Miller entspannt über die philosophische Signifikanz des Schulschwänzertums. Mit »Nikes On My Feet« vom »K.I.D.S.«-Mixtape, das seine Karriere erst richtig ins Rollen gebracht hat, lieferte er den Instant Classic für alle Sneakerheads.

 

In den letzten Monaten ging es für den anfangs eher belächelten MC ’92er Jahrgangs steil nach oben. Umjubelt als YouTube-Wunderkind knacken fast alle seine nächsten Videoauskopplungen die 10-Millionen-Plays-Marke, »Donald Trump« geht sogar langsam auf die 30-Millionen-Grenze zu. Twitter und Facebook werden ebenfalls von Millionen Mac Miller-Anhängern überrannt. Er schaffte es auf das »2011 Freshmen«-Cover der »XXL« und in den US-Charts steigt sein aktueller Track »Frick Park Market« noch vor der neuen Lady Gaga-Single »Yoü and I« ein. Nach Wiz Khalifa scheint Piffsburgh (höhö) nun seinen nächsten großen Star in den Startlöchern zu haben. Trotz aller Weltübernahmepläne stieß der 19-jährige Profi-Kiffer die gesamte Musikindustrie vor den Kopf, als er bekannt gab, dass er entgegen aller Erwartungen einen fetten Majordeal platzen lassen würde, um mit dem Debütalbum »Blue Slide Park« seinem bisherigen Indie-Label Rostrum Records treu zu bleiben. Zeit, sich mit Mac Miller persönlich zu unterhalten, um zu erfahren, wie genau der Eroberungsfeldzug ohne Major-Finanzspritze ablaufen soll.

 

 

Für einen MC bist du extrem musikalisch und spielst auch viele Instrumente wie zum Beispiel Gitarre, Bass, Klavier und Drums. Wie ist deine musikalische Sozialisation als Kind abgelaufen?
Als ich vier war, hat meine Mutter mir ein Keyboard geschenkt. Das war zu Weihnachten, oder besser gesagt zu Chanukka. (lacht) Quatsch, ich bin zwar Jude, aber wir haben trotzdem Weihnachten gefeiert, weil Weihnachtsbäume cool sind. Ich hatte aber keine Ahnung, wie man Keyboard spielt, also hab ich eigentlich nur auf die Tasten gehauen. Als ich sechs war, ist ein Kumpel von mir vorbeigekommen und hat mir einiges vorgespielt. Das hat mich total umgehauen, ab diesem Moment wollte ich auch unbedingt Keyboard spielen können. Ich habe ein paar Unterrichtsstunden genommen, um die Basics zu lernen, den Rest habe ich mir selbst beigebracht. Mit dem Gitarrespielen lief es ähnlich ab und Schlagzeug­spielen läuft eh von alleine, wenn man ein wenig Rhythmusgefühl hat. Ich hatte aber immer Homies, die auch Instrumente gespielt und mir Tipps gegeben haben.

 

Du bist sehr jung, zitierst in deiner Musik aber Lord Finesse, A Tribe Called Quest oder Big L. Als sein Debütalbum erschien, warst du doch gerade mal drei Jahre alt.
Ja, aber das war ähnlich wie mit den ­Instrumenten. In der Middle School hatte ich Freunde, die vier oder fünf Jahre älter waren als ich und mir viel alten HipHop gezeigt haben. Ich habe dann viel im Internet recherchiert und mir alles heruntergeladen, was ich kriegen konnte. Ich war einfach total begeistert von der ganzen Musik, aber ich bin gerade dabei, mir alles noch mal als Original zu kaufen. Ich erinnere mich noch daran, als mein Bruder einmal nach Hause gekommen ist und das »Aquemini«-Album von Outkast dabei hatte. Ich habe es einfach von ihm geklaut, mich in meinem Zimmer eingeschlossen und versucht alles nachzurappen. Ich war aber total schlecht.

 


In letzter Zeit hast du aber auch viel über die Beatles getwittert, was nicht ganz so verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass ihre »Love, Peace & Harmony«-Attitüde nicht ganz so fern von deinem positiven »Thumbs up«-Motto ist.

Ja, wir haben im Tourbus nichts anderes gehört als die Beatles. Ich liebe »Lucy In The Sky With Diamonds«, »All You Need Is Love«, »When I’m 64«, »Paperback Writer« und »I Am The Walrus«. Ich mag alle Songs von ihnen, die sehr trippy klingen. Das mit der »Thumbs up«-Geschichte ist einfach so ein Ding von mir und meiner Crew, das sich so ergeben hat. Ich werde oft gefragt, warum ich so relaxt und positiv eingestellt bin, aber ich kann dir leider auch nicht genau erklären, warum ich so bin. Ich wünschte, ich wüsste, warum ich so ein gechillter Dude bin. Es liegt einfach in meiner Natur. Ich habe keinen Grund und keine Lust, auf irgendjemanden sauer zu sein, auch wenn es im Rap-Business eher ungewöhnlich ist, dass man gar keinen Beef hat.

 

 

Deine Fans hast du schon mit deinen Mixtapes »K.I.D.S.« und »Best Day Ever« überzeugt, nun erscheint mit »Blue Slide Park« dein offizielles Debütalbum.
Das war eine Art Evolution. Als ich 15 war, habe ich gar keine eigenen Beats bekommen, also habe ich einfach über ein paar bekannte Instrumentals von The Alchemist oder DJ Premier gerappt. Das Projekt habe ich nie veröffentlicht, überlege allerdings, es noch zu releasen. Aber eigentlich war es fürchterlich schlecht. So war das früher eben, ich habe einfach das genommen, was ich kriegen konnte und alles zusammengeworfen, ohne mir Gedanken darüber zu machen. Als ich dann angefangen habe, an »K.I.D.S.« zu arbeiten, wollte ich ein richtiges Projekt daraus machen und einen Schritt weiter gehen. Es ist doch so: Wenn du den ganzen Tag im Studio sitzt und am Ende des Tages nichts produziert hast, was die Leute lieben werden, wirst du niemals die Chance bekommen, ein Album zu verkaufen. Deshalb habe ich mir überlegt: Ich stelle meine Alben einfach umsonst zur Verfügung, bis zu dem Punkt, an dem die Leute mich so sehr feiern, dass ich auch tatsächlich ein Album verkaufen kann.

 

Inwiefern unterscheidet sich das Konzept von »Blue Slide Park« von »K.I.D.S.« und »Best Day Ever«?
»Blue Slide Park« ist schlüssiger und stimmiger als alles, woran ich je gearbeitet habe. Ich habe mich richtig auf den Arsch gesetzt und so lange an jedem Detail gefeilt, bis es gepasst hat. Wir haben wirklich stundenlang an Beats gebastelt. Aus musikalischer Sicht ist es wie eine Reise. Es beginnt damit, wie du im Park ankommst. Ich beschreibe auf eine sehr metaphorische Art, was man dort sieht. Später wird es dann richtig trippy und führt dich an Orte, die du nicht erwartet hättest. »Blue Slide Park« ist eben der Ort, an dem ich als Kind Baseball gespielt habe. In Wirklichkeit geht es aber nicht um mich, sondern darum, dass jeder in seinem Leben einen Blue Slide Park hat. Es geht nicht explizit um diesen einen Park, sondern das ist metaphorisch gemeint. Egal was dir passiert, die Schaukeln können durch irgendeinen neuen elektronischen Kram ersetzt werden, aber die Rutsche wird immer blau bleiben.

 


Kannst du mehr über den Produktionsablauf erzählen?

Wir haben diesen Sommer mit der Produktion angefangen und waren für drei Monate im Studio. Ich habe zwar zuhause geschlafen, aber wenn ich mittags aufgewacht bin, fuhr ich direkt ins Studio, wo wir dann meistens bis sieben oder acht Uhr morgens saßen. Ich wollte Pittsburgh nicht verlassen, bis ich das Album fertig hatte. Eine klassische Single wird es nicht geben, da wir nicht genug Geld haben, um sie ins Radio zu bringen. Dafür benötigt man Hunderttausende von Dollar. Wir bleiben da independent und überlassen es meinen Fans, meine Musik zu verbreiten. Wir werden aber weiterhin Videos herausbringen. Ich bekomme ja mit dem Fame nicht nur neue Fans, sondern auch immer mehr Hater, die sagen, du bist nicht dies oder nicht das – das nächste Video wird ein großes »Fuck you!« an diese Leute.

 

 

Du hast auch große Features abgelehnt, obwohl du die Möglichkeit dazu gehabt hättest, Leute wie DJ Premier oder Chuck Inglish von den Cool Kids auf das Album zu nehmen.
Abgelehnt ist vielleicht ein bisschen zu hart gesagt. Es war ja nicht so, als hätten sie mich angebettelt, nach dem Motto »Mac, bitte nimm mich mit auf dein Album!« »No way! Fuck you!« (lacht) Nein, ich habe heute noch mit Premo telefoniert und er wird bald einen Song im Internet releasen, den wir beide zusammen gemacht haben. [»Face The Facts« ist längst über sämtliche Blogs gegangen, Anm. d. Verf.] Die Sache mit Chuck Inglish, DJ Premier und auch mit Just Blaze ist, dass ich bereits mit ihnen gearbeitet habe und auch weiterhin mit ihnen arbeiten will, aber bei diesem speziellen Projekt geht es nur um mich. Ich will zeigen, was ich kann und so vieles selbst machen wie nur möglich, zusammen mit den Leuten, mit denen ich angefangen habe, Musik zu machen. Wir wollten dieses Homegrown-Feeling beibehalten. Es ist zwar mein Album, aber trotzdem ist es für die Freunde aus meinem Umfeld, die mich von Anfang an supportet haben, genauso wichtig. Aus diesem Grund wollte ich mit den selben Producern zusammenarbeiten, mit denen ich schon immer etwas gemacht habe.

 

Die wichtigsten und größten Karriere­sprünge hast du genau genommen innerhalb der letzten zwölf Monate gemacht. Meinst du, der Hype ist zu schnell gekommen?
Die Sache ist die, dass immer viel mehr passiert, als das, was die meisten Leute wahrnehmen können. Deswegen gibt es immer unterschiedliche Blickwinkel, von denen man alles betrachten muss. Für viele habe ich einfach nur »K.I.D.S.« und »Best Day Ever« innerhalb von einem Jahr gedroppt, aber aus meiner Sicht steckt da natürlich viel mehr dahinter. Seit ich 15 bin, arbeite ich jeden verdammten Tag an meiner Karriere. Ich hatte damals schon den Ehrgeiz, den heute viele noch nicht mal mit 25 haben. Ich hatte also kein Glück, weil ich zwei gute Mixtapes gedroppt habe, sondern weil ich wirklich hart dafür gearbeitet habe. Allgemein betrachtet ist der Erfolg bei mir natürlich viel früher und schneller gekommen als bei den meisten anderen Rappern. Mir persönlich kommt es aber nicht zu schnell vor, da ich denke, dass ich genau da bin, wo ich sein sollte.

 

Wieso lehnst du es dann ab, nach New York oder Los Angeles zu gehen und bei einem Majorlabel zu unterschreiben? Angebote gab es ja mehr als genug, stattdessen bleibst du deinem alten Label Rostrum Records treu.
Rostrum ist ein kleines Independent-Label aus Pittsburgh, mit denen ich mich zusammengetan habe, bevor wir »K.I.D.S.« veröffentlicht haben. Wir überraschen uns jeden Tag selbst und es macht Spaß, mit ihnen zu arbeiten. Wenn ich zu einem Major gegangen wäre, hätten die Überraschungen für mich aufgehört. Man erwartet dort einfach, dass deine Single groß rauskommt, weil sie promotet wird und weil so viel Geld im Hintergrund eine Rolle spielt. Wir hingegen wollen uns auf uns selbst verlassen können. Es macht so einfach viel mehr Spaß. Es ist zwar ein kleines Team, aber ich habe keine Bedenken, diese Leute meine Familie zu nennen. Deswegen will ich mit ihnen so lange zusammenarbeiten wie nur möglich.

 

Hast du keine Angst, dass du dich selbst nicht mehr steigern kannst?
Nein, auf keinen Fall. Kreativität kommt davon, was dich in deinem Leben umgibt. Solange das nicht zur Routine wird, ist alles in Ordnung. Momentan bin ich in einer Phase, in der jeden Tag neue Dinge passieren, an denen ich wachse und somit auch meine Musik. Ich hoffe, dass ich so lange weiter Musik machen kann, wie es mir möglich ist, am liebsten bis ich 60 bin. Allerdings konzentriere ich mich mehr darauf, was jetzt passiert und bin voll auf »Blue Slide Park« fokussiert. Ich habe keine Ahnung, wie ich mich mit 24 anhören werde, aber ich kann garantieren, dass ich immer noch Musik machen und um einiges besser sein werde, als ich es jetzt bin.

 

 

In Deutschland werden momentan ein paar HipHop-Acts gefeiert, die mit einer Live-Band spielen. Wäre das nicht auch interessant für dich, gerade weil du selbst auch diverse Instrumente spielst?
Yeah, das werde ich irgendwann auch machen wollen. Das Gute an meinen Auftritten ist momentan, dass der Vibe sehr raw ist. Es ist großartig, wie die ganze Show nur von unserer Energie und von der des Publikums lebt. Eine komplette Live-Band zu haben, wäre allerdings wie ein Traum, der in Erfüllung geht. Sobald die Zeit reif ist, werde ich das sofort umsetzen. Hier in Europa sind die Clubs auch noch viel kleiner als die Hallen in Amerika, in denen ich sonst spiele. Ich habe also noch eine Menge zu tun, damit ich auch hier so bekannt werde, dass ich auf die ganz großen Bühnen gelassen werde, auf denen eine Live-Band genug Platz hat. Es geht aber darum, einen Schritt nach dem anderen zu machen, gerade wenn es um Live-­Performances geht. Wenn wir zurück in Amerika sind, werden wir zum ersten Mal einen festen Lichttechniker haben, weil auch so etwas Selbstverständliches wie Licht eine große Rolle spielt, wenn du auf der Bühne stehst.

 

Wie hast du von deinem Erfolg in Europa erfahren? Was hat dich dazu bewegt, diese Europa-Tour zu spielen?
Lasst mich euch eine Sache sagen: Ich habe eine spezielle Vorliebe für Deutschland. Als ich 15 war und mein Mixtape »But My Mackin’ Ain’t Easy« bei datpiff.com online gestellt habe, hat sich jeder darüber lustig gemacht, warum ich als weißer Junge versuche zu rappen. Die einzigen Leute, die nicht versucht haben, mich fertig zu machen, kamen aus Deutschland. Sie haben mir geschrieben, wie sehr sie die Songs mögen und mir Respekt entgegengebracht. Diese Beziehung hat sich mit den YouTube-Videos fortgesetzt. Als sich in Amerika noch keiner für mich interessiert hat, waren die Deutschen die Ersten, die mich supportet haben. Außerdem liebe ich es zu reisen und wollte schon immer mal raus aus Amerika. Allerdings hätte ich nie im Leben damit gerechnet, dass es wirklich passiert und ich sogar noch dafür bezahlt werde. Das ist einfach nur verrückt.

 

In Europa bist du mit 19 schon ­volljährig, hast du das schon zu spüren bekommen?
Klar, es ist cool, einfach in eine Bar gehen und ein Glas Hennessy bestellen zu können, ohne schief angeguckt zu werden. Ich liebe Europa.

 

Text: Julian Meinert