Kelis [Interview]

KELIS
 
Als Ol’ Dirty 1999 das Geld der Ladies einfordert, hat die Entertainment-Industrie vor allem Augen für die schmucke Begleitung des Bastards. Das ist die Neue, die bei ­Pharrell und Chad Hugo die Hooks singen darf, ließe sich vorschnell annehmen. Würde Kelis mit ihrem Debüt »Kaleidoscope« nicht eine selbstbestimmte Attitüde zwischen Erykah Badu und Janelle Monáe an den Tag legen – »I’m bossy!« Dass Miss Rogers zuletzt mit David Guetta und Konsorten auch die Großraumtanzflächen dieser Welt ein Stück weit für sich vereinnahmte, ist da nur konsequent. Viel überraschender war die Folge ihres R’n’B-EDM-Exkurses: ein vierjähriger Sabbat vom Musik-Business und ein Besuch an der Gastronomie-Schule, mit dem Abschluss »Chefköchin«.
 
Die Weichen für Veränderungen sind gestellt, Kelis reißt das Steuer rum und fährt nun die Retro-Schiene. Dafür schließt sie sich mit Produzent und TV On The Radio-Rocker Dave Sitek in dessen ­kalifornisches Anwesen ein, karrt eine fünfzehnköpfige Band an, kocht jede Menge Jerk Ribs und lässt die soulige Plattensammlung des eigenen Elternhauses wieder auferleben. Futter für die Seele gefällig?
 

 
Deine Alben waren immer ziemlich fortschrittlich. Angefangen bei deiner frühen Arbeit mit den Neptunes, bis zum letzten Album »Flesh Tone«, auf dem du elektronische Dance-Beats mit R’n’B gepaart hast. Nun kommst du überraschend mit einer Retro-Platte wieder. Hattest du dabei eine klare Vision?
Wenn ich mich an ein Album setze, habe ich zwar grundsätzlich eine Idee, aber das finale Produkt kann ich unmöglich voraussagen. Dafür arbeite ich nicht präzise genug. Ich habe zwar immer eine Idee, aber die ist nicht mehr als ein grober Ausgangspunkt. Letzten Endes habe ich keine Kontrolle darüber, wohin mich diese Idee im Laufe der Arbeit führt. Die Ursprungsidee war eine klassischere Platte, die zeitlos ist und keinem aktuellen Trend oder irgendeinem Radioformat folgt.
 
Offensichtlich hast du dich an alten Soul-Künstlern orientiert. Gab es eindeutige Idole für diese Platte?
Ich finde, man sollte nie etwas kopieren, aber ich wollte ein Album machen, das wiedergibt, womit ich aufgewachsen bin – Musik, die ich bis heute liebe. Dabei geht es mir vor allem um die Gefühle, die ich damals mit der Musik verbunden habe. Denn es fasziniert mich, dass Musik in der Lage ist, Gefühle wieder aufleben zu lassen. Generell scheint die Musik momentan immer extremer und voyeuristischer zu werden – sie entwickelt sich parallel zur schwindenden Aufmerksamkeitsspanne der Menschen. Genau das wollte ich mit dieser Platte nicht fördern.
 
Wo du vom Aufwachsen sprichst: In »Jerk Ribs« singst du von deinem Vater, der dir das Klavierspielen zeigt.
Mein Vater war Jazz-Musiker und Professor für Musik an der Wesleyan University (in Middletown, Connecticut; Anm. d. Verf.). Jazz war zu seiner Zeit ziemlich experimentell und avantgarde, und bei ihm ging es immer um musikalische Freiheit. Eines Tages setzte er sich mit mir ans Piano und sagte: »Von dieser Seite bis zur anderen, das ist deine ganze Freiheit. Jeder Song, den du schreiben wirst, beinhaltet diese Noten. Es ist egal, was für eine Art von Song du machst, die Noten bleiben gleich.« Das war wohl das Simpelste und Wichtigste, was er mir beigebracht hat. Lustigerweise muss ich oft daran denken, wenn mich Leute fragen, warum ich in meiner Musik immer wieder etwas Neues ausprobiere.
 
Ich nehme an, dass du als Kind mindestens ein weiteres Instrument gespielt hast.
Ja, ich habe früh mit Musiktheorie angefangen. Mit fünf Jahren etwa habe ich Saxophon gespielt, dann 14 Jahre lang Violine und zwischendurch musste ich immer wieder ans Piano. Letztes Jahr habe ich dann auch mit den Drums angefangen und auf Tour immer mal wieder ein Set gespielt.
 
Hast du davon etwas auf deiner neuen Platte eingespielt?
Nein, das habe ich professionellen Musikern überlassen. (lacht)
 

 
Dass einige Musiker an den Aufnahmen beteiligt waren, verraten schon die Bläser und Streicher. Ich habe aber mal gelesen, dass du von vielen Leuten im Studio schnell genervt bist.
Ja, das ist wahr. (lacht) Allerdings kannst du die Arbeit an »Food« nicht mit früheren Produktionen vergleichen. Gerade im HipHop-Kontext hängen immer viele Leute im Studio ab, reden und inspirieren sich gegenseitig. Wenn die Leute aber nicht Teil der Produktion sind, nervt mich das! Das ist eben mein Job. Wie würde es dir gefallen, wenn ich bei deinem Job abhänge? (lacht) Bei dieser Platte waren also mal 14 oder 15 Leute im Studio, aber alle haben gearbeitet, niemand saß einfach nur rum. Ein großartiges Gefühl!
 
Du knüpfst an alte Soul-Zeiten an und nennst dein Album »Food«. Geht es also auf deinem Album um Soulfood?
(lacht) Das ist eine gute Assoziation, die war aber überhaupt nicht beabsichtigt. So ein Marketing-Genie bin ich nicht. Der Ton­ingenieur musste nach unseren Sessions die einzelnen Tracks immer irgendwie benennen und hat sich einfach daran orientiert, was es gerade zu essen gab. Dadurch kamen dann Songtitel wie »Jerk Ribs« oder »Fish Fry« zustande. Wir haben im Studio bei Dave Sitek zu Hause aufgenommen, und weil immer so viele Musiker da waren und wir nach den ­Sessions alle hungrig waren, habe ich unglaublich viel gekocht. Es hat sich ständig alles ums Essen gedreht. Und als mich dann Leute gefragt haben, wie mein Album heißen würde, habe ich spontan mit »Food« geantwortet.
 
Du kochst aber nicht nur in deiner Freizeit und für deine Musiker, sondern auch professionell, oder?
Nach meinem letzten Album, vor vier Jahren, war ich an einer Kochschule und habe eine Ausbildung zur Chefköchin gemacht. Mein Fachgebiet sind Saucen, ich habe da auch schon eine ganze Reihe eigener Kreationen. Außerdem habe ich gerade eine eigene Kochsendung gedreht, die bald im amerikanischen Fernsehen ausgestrahlt wird.
 
Wenn es ums Kochen geht, ist die Rollenverteilung durchaus ambivalent. Wenn ich mich beispielsweise an meine Großeltern erinnere, dann war das Kochen eine klare Aufgabe für Hausfrauen. Trotzdem sind die bekannten Köche heute in der Regel männlich.
Es stimmt, dass das eine von Männern dominierte Industrie ist. Und es gibt Situationen, in denen man das klar zu spüren bekommt – etwa, wenn du in einer Großküche eines Restaurants arbeitest. Da arbeiten größtenteils Männer und dann herrscht oft ein rauer Ton. Da muss man sich aber einfach durchsetzen. Ich mache mir da also nicht zu viele Gedanken. Es gibt großartige Köche auf der ganzen Welt, völlig egal, ob nun männlich oder weiblich. Und letztlich geht es einfach darum, der oder die beste zu sein, was auch immer du tust.
 
Dein Album kommt beim britischen Indie-Label Ninja Tune heraus – eine eher überraschende Kollabo. Wie kam es dazu?
Ich hatte das Album bereits fertig, als ich es verschiedenen Leuten vorgespielt habe. Die Leute von Ninja Tune waren unglaublich begeistert, sind direkt auf mich zugegangen und schienen bereit, diesen Weg mit mir zu gehen. Ihre Reaktion hat mich überzeugt. Und ich glaube, genau darum geht es – man geht eben eine Partnerschaft ein, und so solltest du dich auch dabei fühlen. Du musst mit Leuten zusammenarbeiten, die mit der gleichen Passion an das Business herangehen, wie du an die Musik.
 

 
Hast du denn große Unterschiede zu deiner bisherigen Arbeit beim Major festgestellt?
Um ehrlich zu sein…das Musikbusiness ist und bleibt, was es ist: ein Geschäft. Und die Art und Weise, wie ich Geschäfte mache, ist eine sehr persönliche. Ich schaue jemandem in die Augen und versuche herauszufinden, ob ich mich mit demjenigen verstehe. Völlig egal, ob das jemand von einem Major- oder Indie-Label ist. Die Unterschiede zwischen beiden werden eh immer kleiner, Indie-Labels haben ­mittlerweile eine genauso große Reichweite und Power. Der einzige Unterschied liegt ­vielleicht noch darin, dass Indie-Labels dir grundsätzlich mehr Respekt entgegenbringen, indem sie dir größere Eigentumsrechte ein­räumen. Aber letztlich kommt es vor allem darauf an, wie die jeweilige Person tickt. Sie muss für dich einstehen, verstehen was du vorhast und dir Vertrauen schenken. ◘
 
Foto: Presse