Dizaster: »Ich bin der bestbezahlte Battle-Rapper der Welt!«

Dizaster-Hanno-Martius

Ein Blick in die Geschichtsbücher beweist: Das Wortgefecht ist wesentlich älter als die ersten gereimten Zeilen, die später als Rap deklariert wurden. Doch Rap-Battles ­revolutionierten zuerst das Wortgefecht und dann immer wieder sich selbst. So kam es, dass seit Anbeginn der Ära Youtube eine neue Battle-Kultur zu immer größerer Popularität avancierte: Pre-Written Acappellas, also vorab geschriebene, ohne musikalische Begleitung vorgetragene Strophen über einen direkten Kontrahenten.

Durch die Mitte der ­Nullerjahre veröffentlichte »Feuer über Deutschland«-DVD-Reihe, insbesondere die ersten beiden, von Kool Savas respektive Snaga moderierten Teile, erhielten erstmals auch auf Deutsch geführte Acappella-Battles überregionale Aufmerksamkeit. Nach einer anschließenden Flaute erfreuen sich die gutbesuchten Live-Veranstaltungen und noch besser geklickten Youtube-Kanäle von »Rap am Mittwoch« und »Don’t Let The Label Label You« seit einigen Jahren wieder reger Beliebtheit. Dabei fällt auf: So HipHop der lyrische Schlagabtausch auch sein mag, er begeistert immer wieder auch Zuschauer, die mit herkömmlichem Rap nicht sonderlich viel anfangen können. Mittlerweile umspannt das Phänomen mittlerweile den gesamten Globus: Auch in Russland, Südafrika oder den Philippinen existieren Ligen, die sich via Live-Stream oder als On-Demand-Video enormer Popularität erfreuen.

Basis der Battlekultur bleibt jedoch weiterhin Nordamerika: Die Stars der großen Ligen genießen Profiathleten-Status und lassen sich Gastauftritte mittlerweile teuer bezahlen. Zu den größten Stars der Szene gehört Dizaster. Der Kalifornier mit libanesischen Wurzeln kassierte Ende 2014 die Rekordgage von 50.000 US-Dollar für sein Battle gegen Cassidy. Für einen geringfügig niedriger dotierten lyrischen Schlagabtausch gegen den Berliner MC Tierstar verschlug es Dizaster Anfang Mai zu »Rap am Mittwoch«. Für uns sprach DLTLLY-Gründer JollyJay während dessen Aufenthalt in der Hauptstadt mit Dizaster.

Wie bist du zum Battlen gekommen?
Ich war schon als Kind sehr ehrgeizig und liebte Rap. Als ich dann aus dem Libanon zurück in die Staaten zog, versuchte ich mich im Battlen, weil das meinem Wettbewerbsgeist entsprach. Zuerst battlete ich auf der Straße, dann fing ich an, das ganze Land zu bereisen, um an Events teilzunehmen. Ich rappte damals extrem aggressiv, das war das Fundament meines Vortrags. Als ich dann 2007 an den World Rap Championships teilnahm, sah ich zum ersten Mal Leute wie Illmaculate und Thesaurus, die einen völlig anderen Style von Freestyle-Battle fuhren; einen, der auf Humor und Punchlines basierte. Als ich bei JumpOff angefangen hatte zu battlen, war das noch ein reines Freestyle-Event.

Ein Jahr später wurde dann die »Grind Time Now«-Liga für vorgeschriebene Battles gegründet.
Damals wurden die Written-Battle-Acappellas immer populärer. In Kalifornien hatte sich eine »Fresh Coast«-Szene gebildet, es wimmelte nur so von talentierten Battlerappern. Das war noch nicht so ernst wie heutzutage. Da damals zum ersten Mal Freestyle und vorgeschriebene Battle-Lyrics kombiniert wurden, waren die Lyrics noch lang nicht so komplex. Viele dieser alten »Grind Time Now«-Battles sind aber heute Youtube-Klassiker und immer noch wirklich gutes Entertainment.

Selbst mit Klassiker-Battles war ich noch ein am Hunger­tuch nagender Backpacker.

»Grind Time Now« und JumpOff haben sich nach und nach verabschiedet, dafür kamen immer neue Ligen nach, weltweit wächst die Szene. Neben deinen Battles in den USA und Kanada fingst du 2010 an, in ausländischen Ligen zu battlen. Du kannst heute auf Auftritte in England, Holland, Schweden, den Philippinen und Australien zurückblicken. Kürzlich warst du in Deutschland beim fünfjährigen Jubiläum von »Rap am Mittwoch« zu Gast. Wie fing das alles an?
Ich habe mittlerweile an neun oder zehn internationalen Battles teilgenommen. Das Battle bei »Rap am Mittwoch« kam zustande, weil Gregpipe mich auf Twitter fragte, ob ich nicht zu seinem Battle gegen Damion Davis [im September 2014; Anm. d. Verf.] kommen wolle. Ich kannte niemanden in Deutschland, aber fuhr trotzdem hin, worüber ich heute sehr froh bin. Tierstar lernte ich dann vor Ort kennen. Er war einfach ein verdammter cooler Dude, also dachte ich mir: »Fuck it, I’ll battle this guy!« Es hat richtig Spaß gemacht.

Stirbt die klassische Form des Freestyle-Battles auf Beats langsam aus?
Die ist doch schon seit Jahren tot! Wenn’s um den Wettbewerb geht, hast du auf einem Beat einfach nicht dieselben lyrischen Möglichkeiten wie bei einem Acappella. Ein Acappella ist viel intimer, dein Flow ist nur von deinem inneren Metronom bestimmt. Du füllst ein leeres Blatt Papier und gibst den Leuten die Möglichkeit, sich viel genauer mit Struktur und Inhalt des Textes auseinanderzusetzen.

Sind vorgeschriebene Acappella-Battles deshalb so beliebt geworden?
Ja, und weil es einfacher ist als freestylen und die Texte dadurch immer hochwertiger sein werden. Die Zuschauer heutzutage sind verwöhnt. Alle wollen diese unglaublichen Lyrics in Battles hören. Das hat dazu geführt, dass Leute heute wirklich konstant verrückte Bars schreiben. In einem Written kannst du deine Bars auf Hochglanz polieren. Dadurch erreicht man auch ein sehr breitgefächertes Publikum, das weit über HipHop-Fans hin­ausgeht.

Glaubst du denn, dass die Kunst des Freestylens komplett ihre Relevanz in Battles verlieren könnte?
Nein, denn wenn du nur deine auswendig gelernten Strophen parat hast, kann sich das als Falle entpuppen. Eine Zeile deines Gegners kann deine komplette Strophe aushebeln und irrelevant machen. Deswegen musst du improvisieren können. Außerdem hat eine gute Freestyle-Punchline eine viel stärkere Wirkung als eine vorgeschriebene, weil sie den Moment aufgreift und etwas für das Publikum visualisiert.