Cid Rim: »Sushi ist auch nur Reis mit einem rohen Stück Fisch« // Feature

Wien ist ein gallisches Dorf unter den urbanen musikalischen Epizentren des Westens. Sei es elektronische Musik, Jazz oder der progressive Austrorap-Entwurf von Yung Hurn & Co.: Irgendetwas ist hier im Trinkwasser, das einfallsreiche Sounds frei von Genrescheuklappen fördert. Der Wiener Produzent Cid Rim verweist auf das Erbe von Kruder & Dorfmeister und die Scheiß-drauf-Mentalität des Wiener Aktionismus, als wir gemeinsam nach Ursachen forschen.

Auch in Cid Rims Heimstudio lebt der Free-Jazz-Spirit. Über das allzeit zur Grenzsprengung aufgelegte britische Label Lucky Me erscheint dieser Tage sein Solodebüt, das Status Quo-Statement eines Künstlers, der schon seit seinen frühen Teeniejahren Musik macht. Entsprechend bunt ist »Material« geworden. Dass der Cid-Rim-Sound in der Vielzahl verschiedener Stile und Tempi, die ihn geprägt haben, nicht ersäuft, ist seiner Liebe für die Grundbausteine zu verdanken: »Seit 15 Jahren setze ich mich mit dem selben Drum Kit, den selben Samples und dem selben Soft Synth auseinander und versuche, immer wieder etwas zu bauen, das vielfältig und groß erscheint.« Teure Tools finden sich im Proberaum nicht. Ein Vergleich für Gourmets: »Sushi ist im Endeffekt nur Reis mit einem rohen Stück Fisch. Mit so simplen Bausteinen etwas zu machen, das abgefahren und fleischig ist – in dieser Zugangsweise fühle ich mich zuhause.« Auch das Albumcover scheint auf die Kraft der kleinen Dinge zu verweisen: Mit einem Frühstücksei und einer Schlagzeile, die Einblick in das Privatleben Hugh Hefners verspricht, dekodiert der Hintergrund eine Alltagssituation. Im Vordergrund sehen wir Cid Rim bei der Tätigkeit, die wiederum für ihn so normal sein muss wie die Morgentoilette: trommeln.

Auch sein Steckenpferd behandelt der Wiener bodenständig: »Ich fand immer interessanter, herauszufinden, was man aus Snare, Bass Drum und Hi-Hat alles rausholen kann, als zwanzig Toms aufzuhängen.« Will man eine Steve-Reich-Traditionslinie aufmachen, scheint ein perkussiver Hintergrund vielen Künstlern einen interessanten Zugang zur elektronischen Musik zu eröffnen. Cid Rim interessieren vor allem die Schnittmengen zwischen dem Analogen und Digitalen. Die Handschrift ist die Wahrnehmungsstörung: »Wie klingt dieser HipHop-Beat auf einem Live-Schlagzeug? Wie klingen umgekehrt Dinge, die ich in einer Band spielen würde, elektronisch ausproduziert?« Beim Hören von »Material« pendelt man von »Serra Serra«, einem elektronischen Track, der klingt wie eine Funk-Band, zur Club-Nummer »Repeat«, die sich trotz dicker Synth-Jazz-Akkorde organisch anfühlt. Cid Rim ist natürlich nicht der einzige Künstler, der daran arbeitet, solche Melangen salontauglich zu machen. Die TripHop-Helden von Ninja Tune und Warp-Künstler Squarepusher waren die frühen Rebellen, die ihn als Jugendlichen beeindruckten.

Wollen wir die Einflüsse abfrühstücken, die auf »Material« kulminieren, müssen wir noch weiter zurück: Papa spielte in Big Bands, The JBs oder Blood, Sweat and Tears liefen im Auto. Mit der Adoleszenz und dem eigenen Taschengeld füllt sich der Schrank mit Rap-Platten. Sobald man beginnt, die Ursprünge von Samples zu erforschen, steckt man schon tief in der Jazz-, Funk- und Soul-Geschichte. Und natürlich bei Fragen wie: »Wie kann ich die Energie von fünf abgehalfterten Rockern, die auf Shrooms durch die Gegend jammen, ebenso in meine Musik übersetzen wie die Präzision von 25 Big-Band-Bläsern?« Die Antwort findet sich auf »Material«.

Foto: Emir Eralp

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