Bones & Hnrk: Vernebeltes Teamspeak-Tag-Team // Feature

Bones
Es flimmert und rauscht im Universum von Elmo Kennedy O’Connor. In seiner Schaltzentrale in Los Angeles laufen Lo-Fi-Video- sequenzen, Post-Internet-Art und Dropbox-Ordner voller Beats aus aller Welt zusammen. Anders: Es spricht einiges dafür, dass der Rapper, Sänger und Vollblutkünstler O’Connor, besser bekannt als Bones, das Spiel mit seinem multinationalen Kollektiv Team Sesh in nächster Zeit gehörig umkrempeln wird.

Der blasse Anfangzwanziger, der seinem Namen alle Ehre macht, war in letzter Zeit in aller Munde – durch einen Part auf dem aktuellen A$AP-Rocky-Album. Der kam zustande, weil Bones’ großer Bruder Elliott, der sich um das Management des Team Sesh kümmert, mit dem verstorbenen A$AP Yams in Kontakt stand. Und weil der sich wiede- rum für den fleißigen Außenseiter Bones begeistern konnte, landete schließlich ein Remake von dessen Song »Dirt« aus dem Jahr 2013 auf »At.Long.Last. A$AP«: »Canal St.« Die Zusammenarbeit mit einem der größten Namen im aktuellen Rapgesche- hen kommt nicht von ungefähr. Bones ist ein Workaholic.

Schon mit sieben Jahren, so erzählt er in Interviews, habe er am Mac seines Vaters versucht, Musik aufzunehmen. Nachdem der Sohn einer Modedesignerin und eines Fotografen mit 16 Jahren – frustriert von der Highschool und seinem damaligen Wohn- ort, einem rechtskonservativ geprägten Kaff in Michigan – zu seinem Bruder nach Los Angeles zog, dominierte Rap den Alltag. Wie im Wahn flutete er Myspace mit Tracks, damals noch als Th@ Kid, 2012 folgte das Debütalbum »White Rapper«, an das sich bis heute mehr als ein Dutzend Releases anschlossen. Schon damals formierte sich um Bones, der gefühlte 24 Stunden am Tag online war und Musik aufnahm, das Team Sesh als loser Verbund irgendwo im anarchischen Soundcloud- und Tumblr-Universum. Außerdem bandelte er mit einigen Mitgliedern des Raider Klans wie Chris Travis, Xavier Wulf und Eddie Baker an, die bis heute zu seinen engsten Vertrauten gehören und mit denen er als SESHOLLOWATERBOYZ durch die USA tourt.

Bones, den laut eigener Aussage sowohl alte Country-Classics als auch die Three 6 Mafia beein- flussten, agiert als musikalischer Tausendsassa. Mal inszeniert er sich mit tiefer Stimme als diabolische Geistergestalt, dann wieder huldigt er als Dandy im hellgrünen Rollkragenpullover singend der Popmusik aus den Achtzigern. Zwischendrin dominieren melancholische Träumereien, die in verzerrten Wolken über die Hollywood-Hills ziehen. Verantwortlich für die verrauschte Videoästhetik und die instrumentale Vielfalt zeigt sich mittlerweile ein eingeschworener Kreis um Bones: Das Team Sesh hat sich zu einem festen Künstlerkollektiv formiert. Neben Produzenten wie Greaf und Drip 133 gehört auch HNRK aus dem hiesigen Süden zum inneren Kreis. Der remixte vor kurzem LGoony und werkelte mit dessen Produzent DJ Heroin an Musik, zeigte sich ansonsten aber recht unbeeindruckt von der Entwick- lung im Deutschrap der letzten Jahre. Er warf den Blick lieber in Richtung Absurdistan: zu Based God Lil B.

»Ich habe ihn einfach bei Twitter angehauen und ihm Beats geschickt. Irgendwann waren dann einige meiner Pro- duktionen auf seinen Releases vertreten.« Das war 2012. Durch einen Freund kam der international gut vernetzte Produzent auch an die Mailadresse von Bones und schickte ihm seine verspulten Klangkonstrukte. Mittlerweile bezeichnet er Bones als »guten Freund« und redet in den unzähligen Skype-Gesprächen mehr über Privates als alles andere. HNRK-Produktionen wie »IfYouHadAZuneIHateYou« von Bones und Neo-R’n’B-Wunderknabe Spooky Black kratzen an der Zwei-Millionen-Grenze. Doch trotz der Intimität, die zwischen HNRK, Bones und den anderen Team-Sesh-Mitgliedern herrscht, haben sich die meisten im realen Leben noch nie getroffen. Zu groß die Entfernungen. Dass man im Moment als Internet-Kol- lektiv agiert, bezeichnet HNRK als »relativ problematisch«, er ist jedoch optimistisch, dass alle bald mal zusammensitzen. Bis dahin geht es mit stoischer Konsequenz weiter: immer neue Bones-Alben, immer neue Instrumental-Releases. Ein Leben für die Musik.

Text: Johann Voigt

Dieses Feature erschien in JUICE #172 (Back Issues hier versandkostenfrei nachbestellen).Cover_172_RZ.indd