Für die Gang: BHZ bringen Berlin-Schöneberg auf die Karte // Feature

Berlin im Spätsommer 2017. Die heißen Sommertage neigen sich dem Ende, über der Stadt liegt ein merkwürdiges Gefühl der Sehnsucht. In Schöneberg sitzen Monk, Dead Dawg, Ion Miles, Big Pat und Longus Mongus im ausgebauten Home Studio. Es wird an Tracks gefeilt, der eine oder andere Joint geht rum. Dead Dawg öffnet die Tür: »Komm rein, Dicker«. Es gibt Spaghetti Bolognese für die ganze Bande.

Die Gegend rund um die Julius-Leber-Brücke in Schöneberg hat sich verändert. Der Charme der alten Berliner Fassaden ist über die letzten Dekaden der sanierten Großstadtschickeria gewichen: vegane Eisläden, spartanisch eingerichteter Café-Minimalismus und viele schöne Menschen. Einst noch einer der Hauptschauplätze von Auseinandersetzungen zwischen Hausbesetzern und Staatsgewalt, ist Schöneberg an vielen Stellen ein Hort der Gentrifizierung geworden. »In der Goltzstraße sind die Preise in den letzten zwei Jahren krass angestiegen«, sagt Ion Miles und wirkt dabei wie jemand, der den urbanen Verdrängungsprozess seit Jahrzehnten beobachtet und miterlebt. Dabei ist er, wie der Großteil der BHZ-Crew, erst um die zwanzig Jahre alt. Doch was mit ihrem Kiez passiert, ist ihnen wichtig. Er bildet den Rahmen von BHZ, ist ihr Ausgangspunkt. Die Apostel-Paulus-Kirche an der Eisenacher Straße ist die »Church«, das Studio das »Stu«, und sieben Anfangzwanziger bewegen sich Tag für Tag in diesem Kosmos. Monks Mutter ist Berufsmusikerin, Dead Dawg hat eine abgeschlossene Schauspielausbildung, und andere sind in Bandprojekte außerhalb der Rap-Blase involviert. BHZ sind nicht mehr als ein paar rappende Freunde und nicht weniger als ein diverses Kreativkollektiv.

Eines wird sofort klar, wenn man die Crew-Dynamik beobachtet: Bevor HipHop vor knapp vier Jahren zum gemeinsamen Nenner der sieben Jungs wurde, war Freundschaft das Fundament für das, was heute BHZ ist. Monk bestätigt: »Wir haben uns einfach durch die Hood zusammengefunden, spontan und wirklich natürlich«. Sein Solo-Song »Wie gewohnt« ist einer dieser extrem einnehmenden BHZ-»Banger«, der, nachdem er ins Netz geschossen wurde, lowkey auf Souncloud schlummerte. Bei der Frage nach der Release-Strategie gibt es einige selbstironische Lacher, und Monk erklärt: »Wir halten nichts von festen Promophasen – vielleicht auch, weil wir ein bisschen verplant sind. Aber wir wollen, dass es natürlich bleibt.« So wurde und wird in (un-)regelmäßigen Abständen Track für Track auf Soundcloud geschickt, teilweise als roughe Skizze, teilweise erstaunlich sauber ausproduziert. Das einzige zusammenhängende Crew-Projekt ist die »Banana Haze EP«, die Anfang des Jahres erschien und seitdem über 230.000 Plays auf Spotify generieren konnte. BHZ verkörpern das, was in Übersee gerne als Soundcloud-Rap bezeichnet wird. Das deutsche Äquivalent von Lil Pump und Konsorten? Vielleicht. Trotz vieler Songs, denen hastige Musikschreiber gerne den Zeitgeiststempel aufdrücken würden, zeichnet sich der BHZ-Sound durch seine enorme Wandlungsfähigkeit aus. Der Posse-Track »Cypher 3.0« zeigt in neun Minuten die Komponenten: Representer-Lines auf astreinem Bummtschak wechseln sich mit zeitgemäßen Turn-Up-Hymnen ab, und so wird alles zu einer großen Party voll juveniler Leichtigkeit.

Auch wenn das Interesse am melodischen Jetzt-Sound der Schöneberger immer größer wird, bleibt das Credo: den Kreis klein, aber stabil halten. Die autarke BHZ-Strategie ist durchzogen von der DIY-Philosophie: eigene Raps, eigene Beats, eigenes Engineering, eigenes Artwork. Was bisher passiert ist, weiß man zu schätzen: »Das sind Erlebnisse, wegen denen es schon allein wert war, anzufangen«, fasst Big Pat zusammen. Abseits von Klick- und Follower-Zahlen bleibt das übergeordnete Ziel ohnehin: Schöne-
berg auf die Karte bringen. BHZ ist auf dem besten Weg dorthin.

Foto: Alexander Ullmann