Bishop Nehru – Substance Over Style // Feature

Bishop Nehru nahm mit Bones-Thugs-N-Harmony-Neffe Dizzy Wright und Midi-Maestro 9th Wonder die »Brilliant Youth«-EP auf. Noch im selben Jahr veröffentlichte er gemeinsam mit MF DOOM den Langspieler »Nehruvian Doom«, woraufhin ein Intermezzo bei Nas’ Label Mass Appeal Records folgte. Das alles geschah 2014, Bishop war da gerade einmal 18 Jahre alt – und damit noch viel zu jung, um vorbehaltlos auf den Pfaden seiner berühmten Kollaborateure zu wandeln.

Dann schlägt Bishop neue Wege ein, rappt erstmals auch auf eigene Produktionen. Irgendwo zwischen traditionellen Sample-Beats, zeitgemäßen Trap-Triolen und zukunftsgewandten Synth-Sounds entstehen in dieser Experimentierphase drei Mixtapes. Als Wandler zwischen den Zeiten ist er nicht gekommen, HipHops Golden-Era-Formel zu reproduzieren. Denn nun hat er – mittlerweile wieder ohne Major im Nacken – alle Freiheiten, mit seiner Vision zu machen, was er möchte. Für Heizung, Strom, Wasser, Miete und Essen sorgt seine Mutter. Mit ihr lebt Bishop in Rockland County, einem New Yorker Vorort. Auf diese Weise kann er sich ohne Zugzwang auf das Wesentliche konzentrieren: seine Musik.

Jetzt, nach einer halben Dekade von Solo-Releases, veröffentlicht der Kollabo-König wieder das Ergebnis einer künstlerischen Zusammenarbeit: »Elevators: Act I & II«. Je einen dieser Akte illustrieren sein alter Bekannter MF DOOM und Kaytranada musikalisch. Vor allem die Beats des Future-Bounce-Königs überraschen mit ungewöhnlich geflippten Samples, pumpendem Groove und weniger Futurismus als von ihm gewohnt. Auch wenn es klingt, als habe Kaytra dem Rapper die Beats auf den Leib geschneidert,
hat Bishop ihm freie Hand gelassen. »Ich habe so etwas wie die Hauptaufsicht über das Projekt übernommen. Quincy-Jones-Style!«, lacht der Ordinarius.

»Life is based on up and downs/They can both happen at the blink of an eye/But eventually we get to our floor/Like elevators«, umreißt Bishop Nehru im Album-Trailer die philosophische Grundannahme seines Langspielers – und liefert damit eine Erklärung dafür, weshalb sich seine Texte inhaltlich nicht den Titeln der Akte unterordnen. Es sei weder darum gegangen, auf »Ascension« nur Positives, noch auf »Free Falling« ausschließlich Negatives zu beleuchten. Das Gute und das Böse würden ineinanderfließen und die LP solle das widerspiegeln. So ist »Elevators« ein Konzept­album, dessen Skript sich erst auf der Metaebene vollends entschlüsseln lässt.

Diese Tendenz zum Theoretischen hat auch auf Bishops Schreibprozess Einfluss genommen. So habe er sich der Technik des »reverse thinking« bedient, um drama­turgische Konventionen zu brechen. Außerdem seien Sachbücher verschiedenster Disziplinen – von den Neuro­wissenschaften bis hin zur Soziologie und Psychologie – eine Inspiration gewesen. »Kürzlich habe ich angefangen, mich mit der Chaostheorie zu beschäftigen«, erwähnt Bishop Nehru beiläufig. Es wird deutlich, dass er zwar nicht der Boombap-Messias ist, zum dem ihn hoffnungsvolle Backpacker zu Beginn seiner Karriere stilisiert haben, doch einen Boombap-Leitsatz hat auch Bishop Nehru verinnerlicht: Substance over style.

Dieses Feature erschien erstmals in JUICE #186. Back-Issues können versandkostenfrei im Shop nachbestellt werden.

 

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