I’m the journalist – Wenn Rapper Reporter werden // Feature

Rapper sind heutzutage häufig nicht mehr nur Rapper. Rapper sind oft auch Schauspieler, Designer, Barbetreiber, Unternehmer und – Journalisten. Aber was bedeutet Letzteres für die HipHop-Berichterstattung?

Götz Gottschalk, Manager, Verleger und Geschäftsführer beim Label Nesola und Premium Blend Music Productions, hat im Rahmen einer Gesprächsrunde über das HipHop-Business in der letzten JUICE-Ausgabe gesagt: »HipHop ist immer ohne andere großgeworden, hat zur Fortentwicklung niemanden von außen gebraucht und sich ergo Mechanismen außerhalb der üblichen Bahnen geschaffen.« Gemeint ist: Weil niemand ein Rap-Album veröffentlichen wollte, haben HipHopper eigene Labels gegründet. Und weil niemand darüber berichten wollte, wurden eigene Medien erschaffen. Auf Deutschland bezogen war das im Print-Bereich zum Beispiel das MZEE Magazin von Ralf Kotthoff und Akim Walta. Im ­TV waren es der Breaker Storm sowie Torch, Scope von STF und Björn Beton (damals noch Schiffmeister) von Fettes Brot, die mit der Viva-Sendung »Freestyle« HipHop ins Fernsehen brachten. Später führten Tyron Ricketts (Mellowbag) mit »Wordcup« und MC Rene mit »Mixery Raw Deluxe« diesen HipHop-journalistischen Weg fort. Dann folgte eine Phase, in der sich Rapper wieder vornehmlich um ihre Kernkompetenzen kümmerten.

Erst in jüngster Zeit wagen sie wieder vermehrt den beruflichen Schritt in die Medien. In Videoformaten zu sehen sind etwa MC Bogy bei TV Strassensound, Marvin Game mit seiner Hotbox und seit neuestem sogar Samy Deluxe mit »Yo! Sam TV Raps«. Im Radio agieren zum Beispiel Juse Ju, der unter seinem bürgerlichen Namen Justus Hütter bei Fritz moderiert, Kobito aka Vincent Lindig, der zudem für die FAZ, die Intro oder die JUICE schreibt, und natürlich Ex-Rapperin Visa Vie. Aber was bedeutet es, wenn Rapper plötzlich auf »der anderen Seite« stehen? Welche Auswirkungen hat das auf den HipHop-Journalismus? Geht dadurch jegliche Kritik verloren? Und: Gibt und braucht es die überhaupt?

Wenn es nach Sido ginge, dürften HipHop-Medien und -Journalisten eh keine Kritik an HipHop üben – und es ist anzunehmen, dass er Rapper, die in anderen Medien tätig sind, eine kritische Berichterstattung ebenfalls abspricht. In JUICE #177 sagte Sido: »Ich habe ein Problem mit HipHop-Medien, wenn sie nicht kategorisch und überall hinter HipHop stehen. HipHop-Journalisten müssen immer die Fahne für HipHop hochhalten.« Wir sind anderer Ansicht, offensichtlich, sonst gäbe es bei uns keine Plattenkritiken mit einem Bewertungssystem – oder wir würden jedem Album per se 6 Kronen zusprechen. Wir halten Kritik indes für wichtig, gerade innerhalb der eigenen Reihen – weil man davon ausgehen kann, dass sie einerseits fundiert(er) ist und andererseits das kulturelle Verständnis vorhanden ist, um einen Release in einem größeren Sinn- und Szenezusammenhang zu begreifen. Ähnlich wie die Kritik eines guten Freundes, die ja auch wertvoller ist als die von einem Außenstehenden. Und wer will schon einen Freund, der zu allem nur Ja und Amen sagt? Eben.

Bleibt die Frage: Geht die Kritik durch Nähe verloren, wenn etwa MC Bogy einen langjährigen Freund wie Frauenarzt interviewt? Die Antwort lautet möglicherweise: Ja. Aber muss Journalismus zwangsweise eine kritische Komponente enthalten? Nein. Zumindest nicht, wenn man der Begriffsdefinition des Deutschen Journalistenverbands folgt. Denn darin heißt es: »Journalist ist, wer (…) Nachrichten unterhaltend, analysierend und/oder kommentierend aufbereitet (…).« Journalismus muss also nicht zwangsläufig kritisch sein (sollte diese Facette aber auch nicht kategorisch ausschließen), kann auch »nur« entertainen. Und dass es durchaus unterhaltsam sein kann, wenn Rapper sich zum Interview mit einem Kollegen treffen, daran besteht kein Zweifel. Davon hat insbesondere Bogy im vergangenen Jahr eindrucksvoll Zeugnis abgelegt. »Boykottiert von den Medien, respektiert in den Blocks«, hat er vor ein paar Jahren noch im Song »Strassenmusik« gerappt. Womit wir wieder beim Anfang wären: Denn wenn die Medien ihn ignorieren, wird er eben selbst zum Medium. Und dass er in seinen Interviews selbst genug zu Wort kommt, dafür sorgt er schon.

Dieses Feature erschien zu erst in JUICE #184 (Jan/feb 2018). Back-Issues im Shop versandkostenfrei vorbestellen.

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