Tua

 

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Auf dem ersten Orsons-Album trat Tua als griesgrämiges Schweinchen auf und wurde nicht müde, seine Ablehnung gegenüber dem Projekt zu betonen. Auf seinem Anfang des Jahres über Deluxe Records veröffentlichten Album “Grau” hatte der Reutlinger diese Rolle ebenso hinter sich gelassen wie die eng gewordenen Schranken traditioneller Rapmusik. Jetzt kehrt er unter neuen Vorzeichen in den Schweinestall zurück.

 

In einem Interview hast du mal erklärt, dass du in der Gruppe anders funktionierst als als Solokünstler. Das klang so, als ob du lieber alleine unterwegs wärst.
Das ist auch so. Aber das geht doch jedem so. Wobei – das ist vielleicht falsch ausgedrückt. Es kommt immer auf die Betrachtungsweise an. In der Gruppe müssen wir Kompromisse eingehen, was einerseits nervt, aber andererseits entstehen dadurch auch Songs, die man alleine so nie hätte machen können. Das macht die Orsons für mich so spannend.

 

Ich hatte den Eindruck, dass du dich beim ersten Orsons-Album am wenigsten eingebracht hast. Das ist bei dieser LP jetzt anders.
Ja, das war auch so. Ich hasse das erste Album und will nichts mehr damit zu tun haben. Wobei es dafür jetzt zu spät ist. Damals war ich mir einfach nicht der Tragweite bewusst, die das Projekt annehmen würde. Wir haben vier Tage gesoffen und gekifft, auf jeden Beat irgendwelchen Blödsinn geschrieben und am Ende stand das Album. Das war auf der einen Seite ein Fickfinger fürs HipHop-Establishment, Regeln und Dogmen. Wir waren komplett anti, aber musikalisch war das einfach nichts. Gerade deshalb ist das neue Album auf einem ganz anderen Niveau. Wir hatten das Ziel, dass die LP homogen klingt. Die Entstehung der Platte war dieses Mal weitaus anstrengender. Stellenweise war es eine richtig schwere Geburt mit Depressionen, Streitigkeiten und Krisen. Aber das Ergebnis ist viel näher an meinem Anspruch, wie Musik klingen soll.

 

Maeckes und du, ihr habt als ­Produzenten dieses Mal die ­interne Führung übernommen.
Das ist auch das, was Teile der Crew ein wenig abfuckt. Du hast schon Recht damit, dass das Album nach Maeckes und mir klingt. Aber die anderen haben sich schon auch beteiligt und ihre Meinung geäußert. ­Meinen Einfluss auf die Platte kann ich natürlich nicht leugnen, wobei ich dennoch ­sagen würde, dass sich meine eigene Musik wieder ganz anders anhört.

 

 

War das denn ein Anspruch, den du vor der Produktion der LP schon ­geäußert hast?
Nein, ich habe keine Bedingungen gestellt. Es war klar, dass wir nach der ­ersten LP eine zweite machen würden, weil wir einfach zusammen gewachsen sind. Uns war auch allen klar, dass sich das zweite Orsons-Album ganz anders ­anhören würde, weil wir das Auf-alles-scheißen-und-Blödsinn-reden-Prinzip mit dem ersten Album ausgereizt hatten. Was beide Alben verbindet, ist nicht nur der Spaß und die positive Grundstimmung, sondern das Orsons-Prinzip, einfach ­alles machen zu können. Das verbindet uns als Künstler. Als Band treffen wir uns dann in der Mitte.

 

Gab es denn einen Punkt, an dem dir klar wurde, was für Dimensionen dieses Spaßprojekt angenommen hat und wie viel es manchen Fans ­bedeutet?
Mir wurde das mit der Veröffentlichung des ersten Albums klar. Es gab damals Reaktionen, die ich niemals erwartet hätte. Mir war klar, dass viel gehatet wird, aber dass auch so viele Leute das Prinzip verstehen und mögen würden, hätte ich nicht gedacht.

 

Kann es sein, dass ihr zumindest in Interviews versucht, euch ­gegenseitig zu übertrumpfen, was dazu führt, dass sinnvolle Gespräche kaum möglich sind?
Das würde ich so nicht sagen. Ich denke eher, dass wir uns oft schwer tun, uns in der Gruppe auf ein Interview-Level ­runterzubringen. Weil wir eben alle ein gewaltiges Sprüche-Dummschwätz-Ego haben, schaukeln wir uns hoch. Das flowt einfach viel zu arg. Wir strengen uns da gar nicht an, wir sind einfach so und das ist teilweise auch wirklich sehr behindert. Aber mir macht es aus genau diesem Grund wiederum auch Spaß, weil wir in der Gruppe sein dürfen, wie wir sind.

 

Ist das neue Album auch ein ­Ergebnis davon, dass ihr euch mittlerweile als Konsumenten auf einem musikalischen Level ­bewegt?
Ja, es gibt heute definitiv einen gemeinsamen Gruppengeschmack. Das war nicht immer so, sondern hat sich entwickelt. Aber alleine bei den ­Autofahrten kann man sich so viel Neues zeigen, dass es wirklich einen Haufen Künstler gibt, die wir alle mögen. Das sind vor allem Singer-Songwriter wie Conor Oberst, der ist Leadsänger von der Rock-Country-Band Bright Eyes. Er ist kein besonders guter Sänger, hat aber ­unglaublich viel Soul. Oder Antony Haggerty von Antony and the ­Johnsons. Er ist, glaube ich, eine Transe und sieht wirklich furchtbar aus, aber macht unglaublich gute Musik. Solche Künstler hatten auch definitiv einen gewissen Einfluss auf das Album.

 

Warum rappst du eigentlich kaum mehr Doubletime?
Früher war Doubletime ein geiler Gimmick, der mich ein Stück weit ausgezeichnet und voran gebracht hat. Aber für das, was ich heute mache und da wo ich hin will, brauche ich das nicht mehr. Doubletime ist nicht dienlich, wenn man Inhalt oder Atmosphäre als große Überschrift über seine Musik schreiben will. Heute ist mir die Technik unwichtiger als früher.

 

Kannst du etwas zu deiner Zukunft bei Deluxe Records sagen?
Ich weiß nicht, wie viel Sinn das noch macht. Das ist überhaupt nicht böse gemeint, ich bin mit Samy auf Tour, wir verstehen uns super, da gibt es kein böses Blut. Aber die Frage ist einerseits, wie lange Sam da noch was machen will und andererseits, ob ich bei meiner Nähe zu Chimperator nicht ohnehin schon längst eine andere Plattform habe. Die Jungs machen schon mein Booking und teilweise auch mein Management und sitzen zudem in der gleichen Stadt. Ich kann mir daher gut vorstellen, in Zukunft etwas bei Chimperator rauszubringen. Wenn ich ehrlich bin, gehe ich sogar heimlich davon aus, dass ich bei Deluxe leider keine Zukunft habe, auch wenn ich mir das kein Stück wünsche.

 

Interview: Julian Gupta

 

 

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