»Die Orsons sind eine Art kreativer Freifahrtschein« // Maeckes im Interview

 

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Deutschland wählt. Maeckes gähnt. Als österreichischer Staatsbürger kann er sich an jenem Nachmittag, an dem sich tendenziell mal wieder nicht die Zukunft unseres Landes entscheidet, den Kampf gegen den inneren Schweinehund sparen und sich stattdessen beruhigt den Nachwehen der Vorabendfeierei am Stuttgarter Nordbahnhof widmen. Entspannung tut ohnehin Not: Mit dem Orsons-Album sowie gleich zwei Soloprojekten innerhalb von drei Monaten stehen dem Multitalent, Mädchenschwarm und official inofficial Leader von Maeckes & Plan B turbulente Wochen bevor.

Maeckes, in gewisser Weise bist du der Prototyp dessen, was in den Neunzigern mal in einem Track als Schimpfwort benutzt wurde: des “Projekte-Rappers”. Welche Rolle nehmen die Orsons für dich ­zwischen all den Kollaboalben, ­Theaterstücken, Mixtapes und ­Kabarettauftritten ein?
Die Orsons sind eine Art kreativer Freifahrtschein. Die Frage, wie peinlich das alles andere finden könnten und vor allem wie cool man das gerade selbst findet, wird in dieser Gruppe permanent ausgeblendet. Die Musik ergibt sich daraus fast zwangsläufig. Wir müssen nur manchmal aufpassen, dass wir es nicht übertreiben und die Alben nicht komplett unhörbar werden. Wir haben zum Beispiel ein paar Freestyle-Sessions mit Orgel und Gitarre aufgenommen, bei denen ausschließlich gesungen wurde. Die waren auf jeden Fall grenzwertig, Fremdscham ohne Ende. Ein Leitmotiv der Orsons neben dem schrägen Humor ist ja der Rückzug in eine Parallelrealität. Ich glaube, das ist nichts weiter als der verstecke Traum von Freiheit, der in jedem von uns schlummert – ob nun versteckt in einem 3er BMW oder in irgendwelchen Kletterausflügen.

Trotzdem: Wie vertraut ist dir der Wunsch, alles hinter sich zu ­lassen, was man in den letzten knapp 30 Jahren an emotionalem Ballast und sozialen Beziehungsgeflechten aufgebaut hat, und ­irgendwo anders neu anzufangen?
Das ist ganz klar ein Motiv. Deswegen bin ich ja auch ein Jahr nach Wien gegangen, von Mitte 2007 bis Mitte 2008. Das war schon länger ein Projekt von mir: in eine Stadt gehen, in der man keine Infrastruktur hat und ­niemanden kennt, sich einfach eine Wohnung nehmen, und schauen, was ­passiert. Ich wollte testen, ob ich überhaupt noch die Fähigkeit habe, auf Leute zuzu­gehen. Und zack, wenn man plötzlich muss… Nach zwei Wochen hatte ich drei Studios, in denen ich aufnehmen konnte, und habe in irgendwelchen Kleinkunstläden Kabarett mit der Gitarre gemacht. Ich habe dort auch sehr viel ­geschrieben – nur leider sehr wenig Geld verdient. Und das Geld, das ich ­weiterhin parallel in Deutschland verdient habe, habe ich direkt wieder in ­Germanwings-Flüge investiert. Irgendwann war es einfach ökonomischer ­Blödsinn, das mit den zwei Wohnungen so aufrecht zu erhalten.

Steckt denn etwas Österreichisches in dir?
Dieses Morbide vielleicht. Und gerade die Wiener sind natürlich die größten Sarkasten der Welt. Das liegt mir natürlich schon nicht ganz fern.

Du veröffentlichst mittlerweile seit sechs Jahren regelmäßig Musik, ein Soloalbum aber gab es bis heute nicht. Steckt da eine bewusste ­Entscheidung oder eher Zufall dahinter?
Eine tiefe unbewusste Angst vielleicht. Ich bin nun mal ein großer Zweifler und ein Perfektionist, was Sprache angeht. Ich bin da fast ein bisschen manisch. Und deswegen habe ich mich gerade in der Anfangszeit gerne mal hinter Kompromissen versteckt, bei denen ich mir immer noch sagen konnte: Das ist ja nicht wirklich meine Musik, sondern auch Barteks Musik oder auch Celinas Musik oder nur ein Mixtape. Das war auf der einen Seite sehr gut, weil ich auf diese Weise meine vielen Facetten zeigen konnte. Aber auf der anderen Seite denke ich mir auch immer öfter: Genug weggerannt, du Mongo, bring mal ein Album raus.

Machst du ja jetzt, wenn auch zunächst mal umsonst und im Netz. Worum geht es auf “Null”?
Auf “Null” geht es um den Anfang und das Ende von allem. Zum Beispiel lebe ich eines meiner größten musikalischen Talente aus, die der Welt bislang verborgen geblieben sind: Anti-Liebes-Lieder schreiben. Lieder mit einer gewissen soziopathischen Lethargie, die klingen, als sprächen sie gegen die Liebe, in Wahrheit aber doch nur eine Suche danach sind. Und sonst gibt es einfach Lieder, die zum Wasserverschwenden aufrufen, und all so was. Maeckes in seiner ­Reinform, glaube ich.

Im Januar folgt dann das nächste Album, auf dem du die Perspektive von Kindern einnimmst. Kaas sagt an anderer Stelle, die Orsons seien wie eine Reise in die Kindheit. Woher diese Faszination für das Kindsein?
Ich glaube, das sind zwei ­verschiedene Faszinationen: Kaas ist an der Unschuld eines Kindes interessiert, ich dagegen genau am Gegenteil. An diesen ganzen komischen Anwandlungen, diesem Verkorksten, das Fünfjährige oft schon an sich haben. Wenn Kinder wie Erwachsene sind, weißt du? Kaas, glaube ich, interessiert eher, dass Erwachsene wie Kinder sein können.

Dennoch eint euch, dass ihr gerade ein bisschen als offizielle Rückkehr des Guten im Rap rezipiert werdet – oder halt als schwule Hippie-Clowns, je nachdem, in welchem Forum man sich so rumtreibt.
Im Netz habe ich das lange nicht mitbekommen. Erst nach “Souljah Boy” habe ich anfangen, mich ein bisschen damit zu beschäftigen, und habe langsam so eine perverse Faszination für das Lesen von Kommentaren entwickelt. Im echten Leben sagen uns jedenfalls viele Leute, dass wir eine der letzten positiven Bewegungen in der Rapmusik sind und dass ihnen genau so etwas gefehlt hat. Das macht uns alle sehr glücklich. Grundsätzlich ist es mit dem Rap halt wie mit der Mode: Alles verläuft in Zyklen.

Also kein Wendepunkt?
Doch, auf jeden Fall. Die Leute trauen sich wieder mehr. Und das haben die Orsons mit ihrem ersten Album mit ermöglicht. Schon innerhalb der Gruppe – Kaas hätte ohne die Orsons nie so ein Album machen können und auch Tua war zu sehr in seinem Gangster-Ding gefangen, um über einen Sieben-Minuten-Drum’n’Bass-Track auch nur nachdenken zu können – aber auch in der ­gesamten Szene.

Also sind die Orsons doch mehr ein Movement als eine Gruppe?
Ja, klar. Ich wette, es gibt Leute, die das Schweinchen-T-Shirt tragen, ohne jemals ein Album von uns gehört zu haben.

Interview: Davide Bortot

Foto: Alexander Muench

 

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