Sido: »Selbst kein Image zu haben ist ein Image.«

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Fast ein Jahrzehnt ist es her, dass Sido die Maske abnahm. Eine Dekade, in der der Ex-Aggro-Berliner die deutsche Musiklandschaft brandmarkte wie kein anderer Rapper. Und doch tat sich die Öffentlichkeit noch lange schwer, die Transformation vom ­»Rüpel-Rapper« (sic!) zum salonfähigen Platinjungen mitzugehen. Der Weg übers ­Radio mit »Bilder im Kopf« und »Liebe« sollte die Klatschpresse endlich ruhigstellen, sein Image wandelte sich und Sido schien angekommen: in der Mitte der Gesellschaft als respektierter Musiker und A-Promi.

Dabei hat sich im musikalischen Spektrum Sidos wenig getan: Die verantwortungsbewussten Grown-Men-Pfade, die er erstmals auf »Ich« beschritt, geht der Familienvater auf seinem sechsten Solo-Album »VI« konsequent weiter. »Zuhause ist die Welt noch in Ordnung«, erkennt der neu-entdeckte Spießbürger, der noch immer Probleme hat, in der heilen Welt des Establishments am Stadtrand Berlins Akzeptanz zu finden. Vielleicht gerade aus diesem Trotz heraus klingt es so, als hätte Sido als Rap-Fanboy seinem Stammpublikum noch immer etwas zu beweisen. So ließ er sich von seinem Produzententeam um DJ Desue, Paul NZA und Marek Pompetzki wieder Beats im klassischen 90er-Sample-Gewand schneidern und drehte das erste Video zu »Ackan« mit dem US-Newcomer Dillon Cooper in Brooklyn. Klar aber auch, dass mit den Gästen Andreas Bourani und Adel Tawil wieder Crossover-taugliches Radiomaterial entstand. Es soll schließlich noch weiter nach oben gehen, ins Stadion.

 
Du hattest schon 2005 auf dem Deine-Lieblingsrapper-Album den Track »Kein Hunger mehr«. Kannst du denn noch Hunger als Rapper empfinden?
Nur deswegen werde ich von Album zu Album besser. Das Lied hatte aber wirklich mit Essen zu tun. Für mich war es der größte Luxus, essen zu können, was und wann ich will. Das schlimmste an der Zeit im Viertel war wirklich das Hungern. Das hatte nichts mit dem Hunger zu tun, als Rapper der Beste sein zu wollen. Aber dieses Competition-Ding, das HipHop ausmacht – das besteht noch in mir.

Funktioniert diese Competition bei dir mittlerweile auf Songwriter-Ebene?
Ich muss jedenfalls nicht den krassesten Doubletime-Part kicken, das ist gar nicht mein Anliegen. Es muss sich gut reimen, flowen und die Story muss Sinn ergeben. Was Deutschrap im Radio betrifft, stehe ich doch sowieso ganz alleine da.

Da gäbe es vielleicht noch einen Kandidaten mit Pandamaske.
Cro zähle ich gar nicht dazu. Das wird er mir auch nicht übelnehmen. Das ist Sing-Sang-Rap, wo sogar die Strophe halb gesungen ist. Bei »Bilder im Kopf« war mein Anspruch, dass der Song seinen HipHop-Charakter behält. Wenn Rapper Radio-Hits schreiben wollen, dann müssen sie mit mir konkurrieren.

Gibt es eine Formel für einen Hit?
Ich mache das jetzt so lange, dass mir das wirklich leicht fällt. Als Ghostwriter für andere Künstler ist das was anderes. Es gibt auch potenzielle Hits, die von den falschen Künstlern performt werden. Bei »Au Revoir«, der gerade von der GEMA als erfolgreichster Song des Jahres ausgezeichnet wurde, hätte ich zum Beispiel nie erwartet, dass er so groß wird.

Aber deine Feature-Partner wie Andreas Bourani und Adel Tawil wählst du schon gezielt mit Blick aufs Radio aus, oder?
Durch Universal und meinen Status habe ich mittlerweile die Möglichkeit, mir angesehene Künstler holen zu können. Und ich halte Andreas Bourani momentan für den besten Sänger Deutschlands. Eine straighte Rap-Hook schafft es eh nicht ins Radio.

 
Du hattest schon oft gesungene Elemente in deinen Hooks. Hättest du »Bilder im Kopf« so schon vor zehn Jahren schreiben können?
Ja, aber es wäre kein Hit geworden, weil die Radios noch nicht so weit waren. Das ist Cros Verdienst, er hat die Tür geöffnet und die Radio­hörer Rap-affin gemacht. Die spielen natürlich nur das, wonach Nachfrage besteht. Davor gab es empörte Anrufer, die sich beschwerten, wie jungendgefährdend unsere Sprache sei. Mittlerweile wollen die Leute Rap hören. Das sorgt bei den Stationen wiederum für Druck, und die brauchen Material, um das zu füllen.

Wirkt sich der neuerliche Deutschrap-Hype auch auf die Texte im deutschen Pop aus?
Ich höre sofort an der Reimstruktur und dem Wortwitz, wenn Rapper Lieder für Pop-Acts schreiben. Die haben das nächste Level, wenn es um Technik beim Songwriting geht. Es gibt aber auch sehr gute Texter, die nicht aus dem HipHop kommen, wie der Sänger von Annenmaykantereit, der auf eine altbackene Art sehr poetisch textet. Bei Rappern sind Sachen eher auf den Punkt, im Pop geht es mehr um Bilder.

Ich hatte nach deinem Unplugged-Konzert den Eindruck, dass du das Live-Geschäft nun professioneller angehst.
Davor habe ich das wirklich vernachlässigt. Ich empfand meine Zuschauerzahlen nie meinem Erfolg entsprechend. Die Dimension war mir einfach zu klein. Je öfter du kleine Konzerte spielst, umso mehr geht dein Live-Image kaputt. Da musst du früh genug den Hebel ziehen, ansonsten bist du für immer der Typ, der vor tausend Leuten spielt. Das Unplugged hat geholfen, dass mich die Leute als ernsthaften Musiker respektierten.

Das machen ja mittlerweile selbst die Boulevard-Medien. Sogar dort spielt die Maskenthematik kaum mehr eine Rolle.
Ich wollte nie der harte Gangstarapper sein, das beschreibe ich schon auf »Straßenjunge«. Wir haben damit kokettiert und dachten uns: »Okay, wenn wir so bei euren Kindern Platten verkaufen können, dann kriegt ihr gerne den bösen Maskenmann.« Große Medien ­können da auch nicht unterscheiden. Sobald die HipHop lesen, werfen sie das mit Tupac, Biggie und Gang-Gewalt in einen Topf. Dass wir in irgendwelche Kostüme gesteckt wurden, stimmt ja nicht. Specter hat uns nicht gemacht, sonst hätten alle Aggro-Berlin-Acts funktioniert. Wir waren eine kleine elitäre Gruppe, die sich das zusammen ausgedacht und gemacht hat, was wir gerne im Rap sehen wollten.

 
Viele finden dein Image immer noch verwerflich.
Aber selbst Leute wie Retrogott haben eins. Selbst kein Image zu haben ist ein Image. Damit müssen die leben. Ein Künstler muss greifbar sein, einen Aufhänger haben, sonst bleibt er unbekannt. Sobald das zu gewollt und künstlich wirkt, ist es natürlich affig.

War das auch der Fehler, den du als Labelchef von Sektenmuzik gemacht hast: Die Images der Rapper nicht greifbar genug gemacht zu haben?
Wenn du mit Freunden Business machst, funktioniert das nicht. Du übervorteilst deine Kumpels, verrechnest dich hier und da. Und um die Künstler zu schützen, hat man als Chef ein großes finanzielles Risiko. Die tägliche Labelarbeit war mir einfach zu viel. Jetzt arbeite ich mit Leuten, die ich schon ewig kenne, und unter ganz anderen Strukturen. Mittlerweile kenne ich mich auch mit Verträgen aus und weiß, wie man im Verhältnis zu anderen Firmen stehen kann. Estikay, der auch auf »VI« ist, habe ich gerade auf meinem Sublabel bei Sony gesignt. Bei ihm habe ich nicht das Gefühl, dass ich ihm helfen muss, wie das bei Sektenmuzik noch der Fall war. Das waren Leute aus meinem Viertel, bei denen ich dachte: »Das bin ich ihnen schuldig.«

Auf »Ackan« featurest du Dillon Cooper. Was siehst du in ihm?
Er ist ein super Rapper und ich mag es, wenn junge Leute den Neunziger-Film fahren. Das ist mir lieber als dieser Swag-/Trap-Zug, auf den gerade alle aufspringen. Wir waren auch mit ihm beim Videodreh unterwegs und haben ein paar historische HipHop-Schauplätze gesehen. Das war das erste Mal, dass mir New York Spaß gemacht hat, davor war ich immer nur zum Shoppen da.

Der Track »Eier« ist ja eine recht offensichtliche Hommage an DJ Premier.
Definitiv, eine richtige Neunziger-New-York-Referenz. Desue hat früher nur so Dinger geschraubt – wenn das nicht sogar ein alter Beat aus seinem Akai-Sampler ist. Sogar Premo sagte, dass die Produktionen krass sind. Ich würde auch nie bei den Amis Beats shoppen – viel zu teuer.

 
Habt ihr »Ackan« als erste Singleauskopplung gewählt, um es den alten Fans Recht zu machen?
Nein, wir wollten einfach zeigen, was die Leute auf »VI« erwarten können. Das ist kein »301180«-Liebeslied-Album, sondern mehr auf Rap fokussiert.

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