Shuko: »Ich bin zuverlässig, aber ich polarisiere auch.« // Interview

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Mit großer Wahrscheinlichkeit findet sich Christoph »Shuko« Bauss irgendwo unter den Credits deiner Lieblingsplatten wieder. Nach ersten Gehversuchen als Rapper findet der Junge aus Mainz Anfang der Nullerjahre seine Berufung als Produzent und mausert sich im Verlauf einer Dekade zum Hithunter im hiesigen Rapgame. Für sein erstes Produzenten-Album blickt er nun auf das eigene Œuvre zurück und ­versammelt ein Best Of seiner internationalen Kollabo-Partner auf zeitgemäßen Boombap-Entwürfen – eine Herzensangelegenheit.

 

HipHop und Shuko finden Ende der Neunziger eher zufällig zueinander. Als Jugendlicher zappt sich der Mainzer durchs TV-Programm und bleibt bei der ­Sendung »Word Cup« auf Viva hängen. Anstelle von Rap läuft in diesem Moment jedoch ein Rhodes-lastiger Song von der Sample-Compilation »Dusty Fingers«. »Der Track hieß ‚Smokey Joe The Dreamer‘ und hat mich total fasziniert. Ich musste den unbedingt haben.« Also zieht er in Prä-Internet-Manier durch die Plattenläden seiner Heimat und findet tatsächlich einen Shop, der neben jeder Menge Rave-Platten auch die Word-Cup-­Premieren im Rap-Regal stehen hat. »Mit HipHop hatte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht viel am Hut. Das hat sich auf ‚Außen Tophits, ­innen Geschmack‘ von Fettes Brot beschränkt«, erzählt Shuko. »Aber ich bin damals nach ner Woche direkt wieder in den Laden, um neue Sachen zu hören.« Zwei Rap-Klassiker nimmt er mit: Notorious B.I.G.s posthumes »Life After Death« und Pete Rocks »Soul ­Survivor« – eine Platte, die in Shukos Werdegang eine entscheidende Wendung einleiten soll. Vom HipHop-Fieber ergriffen, probiert sich ­Christoph anfangs in allen Disziplinen aus. »Beim Breaken hätte ich mir aber fast das Genick gebrochen und beim Sprühen war ich nicht so begabt«, gibt er heute zu. Also entdeckt er das Rappen für sich. Und checkt eines Tages die Credits seiner liebsten Pete-Rock-Platte. Als er feststellt, dass der Typ nicht nur Rapper, sondern vor allem Produzent ist, denkt er sich: »Hey, ich rappe doch auch. Warum mache ich nicht einfach auch meine Beats?«

 

Für erste Gehversuche darf Christoph den ­Atari seines Dads benutzen und klickt sich durch primitive Midi-Basics. Als er kurze Zeit später bei einem Freund mit einer MPC in Berührung gerät, kommt ihm die Erleuchtung: »Die brauche ich auch!«. Und weil die Dinger schweineteuer sind, arbeitet der damals 20-Jährige ein Jahr lang im Biergarten. Seitdem kommt er vom Beatbauen nicht mehr los.

 

Nach jeder Menge Übung im eigenen ­Jugendzimmer gelangt Shuko an den Punkt, an dem er Input von Profis braucht. Wie es der Zufall will, lernt er in Mainz ein paar Jungs kennen, die das Produktionsteam ­Audiotreats bilden. »Die waren zehn Jahre länger am Start als ich und echt fit. Da habe ich viel gelernt«, erzählt er. Und weil die Erfahrungen des ­Mentorships sich so positiv auf das eigene Schaffen auswirken, connectet sich der ­angehende Produzent mit immer mehr Gleichgesinnten, fährt quer durchs Land und tauscht sich über die Kniffe des Beatbauens aus. Eine Zeit, die nicht nur in immer ­raffinierterem Bumm-Tschack resultiert, sondern den ­Mainzer auch etwas über Businessabläufe lehrt. Seine ersten Beats wird Shuko schließlich los, indem er auf Leute zugeht – etwa auf den Manager des US-Rappers Doujah Raze, der Anfang der 2000er eine Untergrund-Hoffnung ist und auf seiner Europa-Tour auch in Wiesbaden Halt macht. »Ich habe Doujahs Manager bei dem Konzert eine Beat-CD in die Hand gedrückt und gehofft, dass irgendwann etwas passiert. Ist es natürlich nicht.« Als Shuko jedoch ein Jahr später online über einen Remix-Contest des Rappers stolpert, nimmt er teil, belegt den ersten Platz und hält schließlich sein erstes offizielles Release in der Hand. »Gleich ein Ami-Release, ziemlich krass«, erinnert er sich heute. Doch damit nicht genug, denn die B-Seite mündet umgehend in der Arbeit an einem gemeinsamen Album: »Die haben mich im Juni 2004 nach New York geflogen, und ich bin gar nicht mehr klargekommen. Ich war total angefixt und habe nur noch gearbeitet.«

 

 

Wie bist du deine Beats anfangs losgeworden?
Ich habe all mein Taschengeld in Zugtickets gesteckt und bin durch ganz Deutschland gefahren, um jedem Rapper, den ich geil fand, Beats vorzuspielen. Dadurch habe ich viele Menschen kennengelernt, auch einige Produzenten, mit denen ich mich ausgetauscht habe. Und so kam ich wiederum mit größeren Rappern in Kontakt. Irgendwann saß ich dann bei Nico Suave im Studio, der mich mitgenommen hat zu Jan Eißfeldt, um einen Track mit Nico und den Beginnern aufzunehmen [»Nie Mehr« auf dem Nico-Suave-Album »Mit Liebe gemacht«; Anm. d. Verf.]. Diese Idole von früher kennenzulernen, war cool. Wenn ich heute über diese Zeit nachdenke, fühlt sich das wie ein anderes Leben an.

 

Und wie bist du in den Staaten an Rapper herangekommen?
Ich hatte früher einen Manager in New York, der Beats an alle bekannten Rapper verschickt hat. Irgendwann war ich dann drüben und habe auf Hot97 »Out There« von Saigon gehört – auf meinem Beat! Ich dachte: Jetzt habe ich es geschafft! Aber keiner hat auf meine Anrufe reagiert, ich hatte nur Stress und habe kein Geld gesehen. Ich mache zwar auch internationale Pop-Produktionen, bei denen es schwieriger ist, die Leute kennenzulernen. Aber ich habe dann jemanden vor Ort, der den Künstler sieht. Ich habe das früher ohne persönliche Kontakte gemacht, etwa bei Tyga und Lil’ Wayne, aber sobald es um Kohle ging, gab’s immer Stress. Ich hatte auch einen Track mit Snoop auf einem Omarion-Album. Bei dem haben sie uns die Credits nicht gegeben und beim Publishing abgezogen. Die Amis tun einfach, worauf sie Bock haben.

 

Konntest du dich denn immer mit der Musik finanzieren?
Alles, was ich mit der Musik verdient habe, habe ich direkt wieder reinvestiert – vor allem in Bahn- und Flugtickets. Ich habe mir nie ein dickes Auto oder teure Klamotten gekauft und bis zu meinem 28. Lebensjahr noch zu Hause gewohnt. Meine Eltern haben glücklicherweise nicht richtig gecheckt, was ich da tue. Offiziell habe ich ja studiert.

 

Was hast du denn studiert?
Geografie und Germanistik. Ich habe dann aber Kanye Wests »College Dropout« gehört und gedacht: Das kann ich auch! (lacht) Irgendwann musste ich mich entscheiden, ob ich professionell Musik machen oder ­Geschichtslehrer werden will. Und mit der ­Musik lief es gut. Ich hatte damals ein prägendes Erlebnis in den Chung King ­Studios in New York, in denen schon Rapper wie Biggie recordet haben. Ich habe dort Immortal Technique und Vinnie Paz aufgenommen, und am Ende der Session fragten sie, was ich denn haben wolle. Damals war ich mit 200 Euro ­total happy, aber die haben mir 1.500 ­gegeben. Da habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass man damit Geld verdienen kann.

 

 

Nach New York zieht es Shuko damals immer häufiger. Honorare für Beats werden umgehend in Flüge umgewandelt, drüben wird beim Manager auf der Couch gepennt, am Tag genetzwerkt und von Studio zu Studio gependelt. In Deutschland hält Shuko derweil die Füße still, nachdem ein paar Projekte weniger erfolgreich liefen als erhofft. »Ich hatte Schiss, dass ich nicht mehr Fan bin, wenn ich mit ­meinen Jugendidolen zusammenarbeite.« Aber in den Staaten läuft das Business keinen Deut sanfter ab, und so wendet er sich 2005 – eine Rap-Phase, die Shuko als »Dipset-Zeit« bezeichnet – wieder Deutschland zu. Und so lernt er über Separate schließlich Casper kennen, mit dem er dessen Solodebüt »Hin zur Sonne« aufnimmt. »Dadurch entstanden wiederum viele Kontakte und ­schwuppdiwupps war ich bei Aggro und Bozz Music im Geschäft.«

 

Es folgen ein paar hochproduktive Jahre, in denen Shuko seinen boombappigen Trademark-Bombast mit immer mehr Synthie-Brettern ergänzt, mit denen er halb Straßenrap-Deutschland versorgt. ­Währenddessen lässt Shuko auch immer mehr ­Erfahrungen aus Übersee in seine Arbeit einfließen. So gründet er etwa das Produzenten-Team Hustle Heart – ein Konzept, das er sich in den Studios der ganz Großen abguckte: »Ich war bei ­Produzenten wie Swizz Beats und habe gesehen, dass die zwar hin und wieder mal nen Beat machen, aber auch jede Menge Leute haben, die für sie arbeiten. Die haben überhaupt keine Zeit mehr für Beats, schließlich haben die Familien, geben Interviews, machen Cognac-Werbung und und und. Eine Zeit lang dachte ich, das wäre kein verkehrtes Business, schließlich kann ich ganz gut Leute connecten. Dann standen dem Hustle-Heart-Ding aber schnell die Egos im Weg.«

 

Neben jenem Projekt scheint aber vor allem die Dienstleistungsmentalität der Amerikaner auf den Mainzer abgefärbt zu haben: »Ich halte viel von Kundenbindung. Wenn ­jemand weiß, dass er gute Arbeit bekommt und schnell geliefert wird, dann kommt er gerne wieder. Wenn mich Carlo [Cro; Anm. d. Verf.] um drei Uhr in der Nacht anruft, weil er einen Beat für seine nächste Single braucht, dann hat er binnen zwölf Stunden was vorliegen.«

 

Apropos Carlo: Neben seinem ­anstehenden Produzentenalbum gehört die Arbeit an ­»Melodie« zu den größten Projekten, die ­Shuko in letzter Zeit angegangen ist. Seinen Anfang nimmt das Projekt bei einem Beat-Battle in Köln, bei dem Shuko vor einigen Jahren Ahzumjot über den Weg läuft und ihm eine Beat-CD in die Hand drückt. Als dieser mit Cro und Rockstah auf Tour ist, nimmt das Trio für eine geplante Kollabo-EP den Track »Konfetti« auf – und so landet Shuko ungeplanterweise auf der B-Seite der »Easy«-Single. Als Carlo schließlich an Album Nummer zwei sitzt, fragt er bei diversen Produzenten Beats an und pickt unter anderem einen von Shukos zu »Erinnerung«. »Das war vor einem Jahr, da hieß es noch, ich sei mit einem Beat dabei«, erinnert sich der Produzent. »Irgendwann hatte er dann noch sechs Wochen Zeit, war aber noch nicht so happy mit dem Album. Also haben wir ordentlich Terror gemacht und ich habe federführend mit ihm das Ding fertiggestellt.« Cro nimmt daheim in Stuttgart auf, die Tracks schicken sich die beiden hin und her, parallel dazu gibt’s eine telefonische Standleitung. »Wir haben uns bisher nur ein einziges Mal gesehen, und da war er so dicht, dass er nicht mal mehr weiß, wie ich ­aussehe«, erzählt Shuko mit einem Grinsen. Und fügt hinzu, dass das Projekt mit dem Panda in seinen vielen Jahren Berufserfahrung die erste richtig entspannte Zusammenarbeit gewesen sei: »Der weiß genau, was er will. Mit so einem Künstler zu arbeiten, ist das beste, was dir passieren kann.«

 

 

Seine jahrelange Erfahrung im Business hat Shuko vor allem gelehrt, dass sich gewisse Erfolge nur gemeinsam erreichen lassen: »Du brauchst einfach Leute, mit denen du gerne arbeitest.« Und die fand Shuko vor einigen Jahren nicht etwa im Big Apple, sondern in der hessischen Idylle des Odenwalds. Nach einem hektischen halben Jahr, das er in einer Agentur in New York verbrachte, floh er vor der Hektik der amerikanischen Rap-Metropole und schlug sein Quartier im südhessischen Mittelgebirge auf. Bei Bad König, einem ehemaligen Kurort mit 10.000 Einwohnern, hat Shuko mitten in der Pampa in einem gemütlichen Dachgeschoss sein ­beschauliches Studio eingerichtet. Mit dem im Odenwald beheimateten Label Peripherique hat er ein Team gefunden, bei dem Business und Freundschaft Hand in Hand gehen. Sichtlich erfreut erzählt Shuko von der Arbeit in seinem aktuellen Umfeld: »Die Jungs bieten mir die Möglichkeit, Künstlernkarrieren aufzubauen. Gerade haben wir das mit der Sängerin Ira May durchgezogen, einer Straßenmusikerin, die wir übers Internet entdeckt haben. Wir haben zwei Jahre in die Aufnahme einer Soul-Pop-Platte investiert, und nun ist sie damit auf Platz eins in der Schweiz eingestiegen. So etwas kann man nur mit einem geilen Team umsetzen.« Neben der Verlagsseite gehören zu Shukos engsten Vertrauten auch der Jazz-Pianist Michael Geldreich aus Mainz und Freedo, ein DJ und Produzent, mit dem Shuko seit drei Jahren Musik macht. Kurz vor unserem Gespräch haben die beiden gerade wieder die Eins geknackt – mit einer Produktion für die Fanta-4-Platte »Rekord«.

 

Wie bleibt man über zehn Jahre als ­Produzent gefragt?
Ich bin zuverlässig, aber ich polarisiere auch. »Ist das jetzt cool, dass der für Aggro ­produziert?« – »Der macht doch auch Musik mit Cro.» – »Und was macht der bei ‚J.B.G.‘?« Mir macht es Spaß, durch so ­unterschiedliche Projekte aus bestimmten Schubladen auszubrechen. Das zeigt den Leuten eben auch, wie groß HipHop ist. Da kann man sich mal locker machen und auch Respekt haben vor Leuten wie den Atzen, die krasse HipHop-Nerds sind, aber nun ihren Sound gefunden haben. Ich kann auch keinen MC Fitti haten, ­genausowenig wie Haftbefehl. Ich höre mir ein Bushido-Album an, dann Cro, dann Casper und dann ne Döll-EP. Ich feier das alles ab.

 

Aber du findest doch sicher auch nicht alles gut, was du hörst.
Nein. Aber ich habe einen Filter in meiner Wahrnehmung: Was scheiße ist, bleibt bei mir nicht hängen. Mich fasziniert auch die ­Entstehung von Marken, weil ich selbst Artist-Development mache, also Künstler zu einer Marke aufbaue. Und wenn du dir Leute wie Casper, Cro oder Haftbefehl anschaust, die sich enorm entwickelt haben, dann ist im Endeffekt immer das Gleiche passiert. Es kommt darauf an, wie sehr man etwas will. Ich glaube, du kannst alles erreichen, auch wenn du vielleicht kein musikalisches Talent dafür hast. Haftbefehl wurde früher für seinen Rapstyle krass gehatet – aber er war eigen. Du kannst auch Money Boy haten, aber ich respektiere, dass er an sich selbst glaubt und sein Ding durchzieht. Diese mentale Kraft, die er aufbringt, obwohl er so viel Negatives abbekommt, ist beachtlich.

 

Mittlerweile produzierst du sehr ­verschiedene Projekte. Gibt es noch einen Shuko-Sound?
Eigentlich schon. Wenn ich nun eine australische Pop-Single [»Mama Ain’t Proud« von Guy Sebastian feat. 2 Chainz, prod. mit Freedo; Anm. d. Verf.] produziere, hörst du nicht, dass ich dahinterstecke. Man muss das Künstlerische eben vom Geschäftlichen ­trennen. Ich verstehe mein Handwerk und weiß, was Leute bei bestimmten Aufträgen haben wollen. Wenn ich aber mein eigenes Album oder Beat-Platten veröffentliche, dann ist das etwas anderes, da steckt viel Herzblut drin. Und das ist dann das, wofür mich die Leute kennen. Nur könnte ich damit kein ­Studio finanzieren. »Keep it real« ist schön, keept nur den Kühlschrank nicht voll. In Deutschland verstehen das viele nicht. Ich respektiere die Szene hier, Leute wie Retrogott, Eloquent, Luk&Fil oder Döll finde ich richtig geil. Genauso wie ich riesiger Morlockk Dilemma-Fan bin. Aber es gibt halt noch eine andere Seite des Business, und ich weiß da ganz klar zu trennen.
 

 

Deine frühen Beats basierten auf ­Samples. Irgendwann hörte man aber in deinen Produktionen fast nur noch ­Synthies. Auf dem neuen Album sind nun aber wieder Samples, oder?
Früher bin ich gern den »Through The Wire«-Style von Kanye gefahren: schön hochgepitchte Micky-Mouse-Samples, so wie auf Separates »Zahltag«. Irgendwann musste ich aber tatsächlich auf Samples verzichten. Ich hatte eine Single mit Keith Murray, »Hustle On«, die sogar in den Billboard Charts war. Aber ich habe nichts daran verdient, weil Lloyd Parks [Interpret des gesampelten Songs »We’ll Get Over It«; Anm. d. Verf.] die komplette Kohle eingesackt hat. Ich habe früher viel gesampelt, aber auf einmal gab es da tierische Probleme. Ich hatte zum Beispiel einen Beat auf nem ­Lloyd-Banks-Album, aber die konnten das Sample nicht klären, also war die Sache gestorben. Wäre ich finanziell komplett ­abgesichert, würde ich nur Sample-Beats ­machen – ich liebe das. Deswegen auch Projekte wie »Cookies & Cream« [Beat-Reihe mit F. Of Audiotreats; Anm. d. Verf.], aber das erscheint eben in einer 500er-Auflage, da geht wenig Gefahr von aus, weil das nicht viele mitbekommen. Grundsätzlich hat diese Entwicklung dazu geführt, dass ich lernen musste, Samples nachzubauen. So wie auf dem Track »Erinnerung« von Carlo: Das klingt zwar nach einem alten Sample, basiert aber auf dem Acapella der Sängerin Ira May, die ich produziere. Ich habe dazu Streicher eingespielt und das Ganze so klingen lassen wie meine früheren Tracks. Und ich habe darin eine neue ­Challenge gefunden: Ich lasse die Leute nun rätseln, ob ein Sample ­verwendet wurde oder nicht. Das Ergebnis dieser ­Herangehensweise ist, dass ich mittlerweile auch langfristiger an Projekte gehe. Ich mache Beats nicht mehr in zwei Stunden, sondern nehme mir einen ganzen Tag Zeit. Und ich binde immer mehr Musiker mit ein, die darauf achten, wie das ­Original ­produziert wurde und die ­entsprechende ­Gitarren oder Wurlitzer verwenden. Mein ­Album trifft nun die Mitte dieser Entwicklung: Von elf Tracks basiert die Hälfte auf Samples, die andere Hälfte wurde eingespielt. Und ich glaube, man hört den Unterschied nicht.

 

Aus welcher Zeit stammen die ­Produktionen?
Aus den letzten drei Jahren. Ich habe dafür mein früheres Equipment verwendet: meine MPC, eine MPC60, die ich gekauft habe und ein ASR [Ensoniq ASR-10, ein Keyboard-­Sampler; Anm. d. Verf.] – mit dem macht Timbaland immer noch seine Drums, wenn er denn welche macht. Kanye benutzt den, genauso wie Evidence und Jake One. Ne geile Kiste, die ich heute noch viel mehr benutzen würde, wäre die nicht so umständlich in der Bedienung.

 

Auf dem Album sind Rapper wie Talib Kweli, B-Real, CL Smooth und R.A. The Rugged Man. Wo hast du diese Leute aufgenommen?
Viele Vocals wurden mir geschickt, ein Teil ist aber auch in den Staaten entstanden. Als ich 2011 für ein halbes Jahr in New York gelebt habe, bin ich oft auf Beat-Battles und ­-Sessions gegangen. Dort habe ich jede ­Menge Leute kennengelernt und bin zum ­Beispiel an Talib Kweli gekommen, mit dem ich für sein Album den Song »So Low« ­aufgenommen habe. Im Gegenzug wollte er mir dann etwas beisteuern. Und so lief das mit den meisten Rappern. Für zwei Features haben wir etwas gezahlt, der Rest lief jeweils im Tausch gegen einen Beat.
 

 

Das erklärt, wie man eine Produzenten-LP umsetzt, ohne bankrott zu gehen.
Klar, an sich kostet das wahnsinnig viel Geld: ein Kweli nimmt 5.000 Dollar für ein Feature. Und einen B-Real kriegt man nicht so einfach. Aber wir haben was zu seinem neuen Album beigesteuert, und so wäscht eine Hand die andere. Man trägt dann vielleicht noch ein bisschen Studiokosten, obwohl die ja Kohle bis zum Abwinken haben. Aber wenn der ­Engineer im Studio noch etwas davon sieht, ist das total gerechtfertigt. Neben diesen Tauschgeschäften gab es dann noch ein paar Leute, mit denen ich einfach übers Internet in Kontakt getreten bin. Zum Beispiel mit dem Franzosen 20Syl von der Gruppe Hocus Pocus – danke an Jannis von Jakarta. Ich war früher selbst Fan von denen. Wenn so jemand dann zusagt, weil er den Beat geil findet und sich dafür bedankt, dass er einen Track mit seinem Lieblingsrapper CL Smooth machen darf, dann ist das natürlich eine große Ehre.

 

Als Shuko zu Beginn des Gesprächs von seinen jüngsten Erfolgen erzählt, hätte man glatt meinen können, dieser Produzent habe seine künstlerische Vision gegen einen ­scharfen Geschäftssinn getauscht. Shuko verfolgt das Game mit Adleraugen. Vom unbekannten Jüngling bis zum etablierten Herrn hat er so ziemlich jedes Release im Blick und mutmaßt nur zu gern über den nächsten großen Wurf. Und seine jüngsten Erfolgsprojekte von Cro bis zu den Fantas geben ihm Recht. Einmal ins Schwelgen über das eigene Werk gekommen, erwacht jedoch eine ganz andere Seite in dem Produzenten. So offenbart Shuko etwa, dass »For The Love Of It« nicht nur sein erstes, sondern auch sein letztes ­Produzentenalbum ist. »Insgesamt stecken in diesem Album zehn Jahre Arbeit«, resümiert er die Entstehung. Und ein weiterer Teil würde die Gefahr bergen, zur rein geschäftlichen Angelegenheit zu werden. »Ich hätte auch mit krassen Singles den Kommerz ansteuern ­können, die Überlegung bestand. Aber das hätte einfach nicht gepasst.« Denn »For The Love Of It« scheint für Shuko das Resümee seines eigenen Werdegangs zu sein. Da ist es nur konsequent, dass er mit dem Sound auch an seine frühen Tage anknüpft: Anstelle von Trap-Drums und bleischweren Synth-Geschossen ziehen sich boombappige Drums und soulige Grooves durch die Platte. Den Einfluss eines gewissen Pete Rocks verheimlichen sie nicht. Um also mit ein paar Worten von der Platte zu schließen, die Shuko einst an den Sampler brachte: »It’s all love now, let me show you how/To take time out, and show you what life’s about«. ◘
 
Foto: ISAWORKS

 
Dieses Feature ist erschienen in JUICE #164 (hier versandkostenfrei nachbestellen).
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