Prinz Pi: »Ich verdrehe die Worte so, dass sie am Ende Waffen sind.« // Titelstory

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Mittlerweile hat sich die Lage aber ­entspannt, oder?
Ja. Aber nach der Zeit des allgemeinen ­Konsens muss es so langsam auch mal wieder ein bisschen Beef geben. Im deutschen Rap gibt es meiner Ansicht nach gerade drei große Strömungen: Es gibt die Rapper, die ihre Hörer emotional an sich binden – Leute wie Casper, Marteria und mich. Dann gibt es diese total abgedrehten Sachen, die man ein bisschen voyeuristisch beschaut und halb belächelt, halb interessant findet: Money Boy zum Beispiel – der hat Biss. Der wird immer besser. Der macht viel und gerne Musik. Und dann hast du eben noch die Gangstarapper, über die man ganze Chroniken schreiben könnte, wer mal wann mit wem Beef hatte. Bei manchen von denen ist es am Ende auch fast egal, was die auf ihren Alben sagen, was da für Beats drauf sind und wie die Musik klingt. Es geht darum, wer gedisst wird. Gegenbeispiel Gzuz: Das war einfach ein richtig geiles Album. Da ging es um Musik, nicht um die Interviews.

 

Deutschrap auf drei Strömungen zu reduzieren ist aber eine starke Simplifizierung.
Klar, das ist eine starke Vereinfachung. Das passt aber zu dem Umstand, dass die Deutschrap-Szene im Ganzen ja recht simpel gestrickt ist. Guck dir doch nur mal an, wie lange die sich an dem Umstand aufgehangen haben, dass Kollegahs bürgerlicher Name Felix Antoine Blume ist. Dass Leute sich über den Namen eines Menschen lustig gemacht haben, habe ich das letzte Mal in der Grundschule erlebt. Aber das entspricht eben dem geistigen Entwicklungsstand vieler Leute. Das ist doch traurig. Zum Glück bin ich einer der wenigen, dessen Mittelname von Geburt an »Muther­fuckin’« ist. Friedrich Mutherfuckin’ Kautz. (grinst)

Aber du hast mit Friedrich ja nun auch nicht gerade den HipHop-Vornamen par excellence.
Na ja: Amis gegenüber zerlege ich das immer in die englischen Worte »Fried« und »Rich« – und dann ist es eigentlich ein ziemlicher HipHop-Name. Ich mache einfach das Beste draus und nutze die Worte so, dass sie am Ende Waffen sind. Das ist ja auch mein Job als Rapper. Mit Battle habe ich ja angefangen.

Kommen wir mal wieder zur Musik: Hat sich hinsichtlich der Produktionsweise zu deinem letzten Album etwas verändert?
Ja, alles. »Kompass ohne Norden« habe ich mit Matthias Millhoff zusammen gemacht – ein sehr ruhiger und braver Mensch – und dementsprechend klingt die Platte auch: Ganz lieb und nicht ungezogen. Mir war das damals schon ein bisschen zu ruhig und statisch und nicht HipHop-mäßig genug. Biztram aber, mit dem ich nun wieder das neue Album gemacht habe, ist zwar ein völliger Chaot, hat aber Coolness – und das hört man auch »Im Westen nix Neues« an.
Warum hattest du auf »Kompass ohne Norden« nicht mit ihm zusammengearbeitet?
Weil wir uns damals fürchterlich gestritten hatten. Obwohl: Eigentlich haben wir das immer schon getan. (lacht) Wir sind da wie ein altes Ehepaar. Aber wir haben uns wieder ­zusammengerauft.

In einem Interview mit der Wiener Indie­rockgruppe Wanda habe ich kürzlich den schönen Satz gelesen: »Lieber einen Menschen einen halben Tag lang hassen, als dass er einem vollkommen egal ist.«
Das ist gut gesagt. Wanda haben auf jeden Fall den Bogen raus für griffige Phrasen. Bei »Kompass ohne Norden« bin ich ein bisschen mit gezogener Handbremse gefahren, dieses Mal wollte ich mehr Gas geben. Das neue Album hat nun mehr Druck, mehr Eier, mehr Beat, mehr Bass.

Im Song »Weiße Tapete« sagst du: »Ich mache was ich will und mein Album nicht am Reißbrett.« Wie gehst du eine Platte an?
Ich wünschte, ich würde alles besser planen, aber am Ende sitze ich dann doch bloß bei Biztram, der mir irgendwas vorspielt, und wenn ich es gut finde, fließt es direkt aus mir heraus. Meine Lieblingskindergeschichte fasst diesen Prozess des Schreibens für mich ganz gut zusammenfasst: Darin geht es um die Maus Frederick, die immer in der Sonne sitzt und Sonnenstrahlen sammelt, während alle anderen Mäuse Nüsse und Getreide für den Winter sammeln. Die anderen Mäuse finden ihn natürlich faul, aber als die anderen Mäuse im Winter dann alles aufgegessen haben ist er der einzige, der die ganzen Eindrücke des Sommers in sich aufgenommen hat und den anderen von der Sonne erzählen kann. Wenn ich Musik mache, ist das genauso. Ich muss bestimmte Sachen erst erlebt haben, damit ich was zu sagen habe. Deshalb handeln meine Geschichten vor allem von meinen durchlebten Krisen und nicht von Kokain-Deals und Schießereien.

Darüber könntest du nach deinem Detroit-Trip aber nun auch sprechen.
Aber das ist ja nicht meine Geschichte, die habe ich nur bezeugt.

Auf deine Klassentreffen gehst du aber auch nicht selbst, lässt dir lediglich von Dritten davon erzählen und schreibst ­trotzdem drüber.
Das ist auch wieder wahr. (grinst) Aber in einer Klasse war ich mit denen ja trotzdem über mehrere Jahre.

Okay, du machst dir also im Vorfeld keinen Plan, wie ein Album aussehen soll.
Doch, ich verwerfe am Ende bloß wieder alles. Für »Im Westen nix Neues« bin ich dann irgendwann alleine für vier Wochen nach Schweden gefahren, um alles fertig zu machen – in so ein abgelegenes Holzhaus. Da habe ich dann jeden Tag Baked Beans mit Spiegelei gegessen, mir draußen einen Boxsack an einen Baum gebunden, um mein Training nicht auszusetzen, habe Sport gemacht und am Album gearbeitet. Ich bin sogar so gut vorangekommen, dass ich noch ein Kinderbuch geschrieben habe.

Tatsächlich? Worum geht es?
Das möchte ich jetzt noch nicht verraten. Ich habe es auch vorrangig für meine Kinder geschrieben und muss mal schauen, ob ich dafür noch einen Verlag suche. Inhaltlich ist es jedenfalls fertig, wird nur gerade noch illustriert.

 

Du meintest eben, dass du wieder ein bisschen mehr Roughness in die Platte reinbringen wolltest. Auf dem Album gibt es aber auch ein Stück wie »1,40m«, das mit seinem gesungenen Refrain von Philipp Dittberner und den raunenden Emo-­Chören recht kitschig ist.
(lacht) Emo-Chöre ist gut. Das war der Mitbewohner von Biztram, der hat die gesungen. Aber stimmt schon: Es gibt auf der Platte auch »weiches« Material. Aber da stehen dann beinharte Drums daneben. (grinst) Ich finde die Mischung gut. Beide Seiten muss es geben. Und musikalisch ist die Platte genau das, was mir immer vorgeschwebt ist. Dieser weiche, schöne, melodische Pop, der so Beatles-Pop und kein billiger 08/15-Quatsch ist, aber eben auch diese realen Drums und dieses coole HipHop-Element – das gefällt mir sehr gut.

Bei dem Track war aber von vornherein klar, dass die Hook gesungen werden soll?
Ja. Ich habe es selbst ein paar Mal versucht, aber singen ist leider eines von vielen anderen Dingen, das ich leider nicht kann. Ich musste mir dann sehr harsche Kritik für meine fehlenden Gesangskünste von meinen Mitstreitern anhören, dass ich mich am Ende sehr geschämt habe und einen Profi dazugeholt habe. Ursprünglich hatte die Hook Adel Tawil eingesungen, der nicht nur ein verdammt guter Sänger, sondern auch ein Kumpel von mir ist, am Ende haben wir es dann aber doch die Version mit Philipp Dittberner benutzt. Adel in der Hook haben einige Leute dann doch als zu poppig empfunden.

Der Albumtitel ist dem Antikriegsroman »Im Westen nichts Neues« über den Ersten Weltkrieg entlehnt. Hast du den gelesen?
Klar.

Gibt es Parallelen zwischen dem Roman und deiner Platte?
Der Titel des Buches entstammt ja einem Satz am Ende der Geschichte, wo der Soldat stirbt und die lakonische Meldung kommt: »Im Westen nichts Neues« – obwohl da gerade die schlimmsten Dinge passieren. Und das ist auch das, was ich im Titeltrack sage: In dieser Gesellschaft passieren große, schlimme Dinge, wir haben Kriege am Laufen, es gibt große Zerwürfnisse, wir müssen uns neuen Herausforderungen stellen. Es ist ja skandalös, wie einige Leute mit den armen Flüchtlingen umgehen, die bedürftig in unser Land kommen. Da gibt es Menschen, die deren Leid noch vergrößern wollen – das muss man sich mal vorstellen! Gerade in Anbetracht dessen, dass wir noch vor wenigen Jahrzehnten händeringend nach Arbeitern aus anderen Ländern gesucht und sie angebettelt haben, herzukommen.

Beschäftigst du dich viel mit dem Thema?
Das geht ja gar nicht anders. Vor ein paar Wochen war ich mit meinem besten Freund und Keine-Liebe-Mitbetreiber Wassif auf dem Land, wo damals gerade einige Flüchtlinge angekommen waren. Und da Wassif Arabisch kann, war er als einziger vor Ort in der Lage, mit den Leuten zu sprechen. Und es war wirklich unglaublich, was die ihm da erzählt haben. Einige von denen sind wirklich hergelaufen. Zu Fuß. Mit nichts als ihren ärmlichen Klamotten am Körper. Tausende von Kilometern. Und dann kommt irgend so ein hier vom Staat vollversorgter Neonazi um die Ecke, der sich auf unsere Steuerkosten gerade ein paar Bier reingeschüttet hat, und will diesen armen Menschen auch noch aufs Maul hauen.

Wo wir gerade bei gesamtgesellschaftlich relevanten Themen sind: Du findest mittlerweile nicht mehr nur in Szenemedien, sondern auch im Feuilleton statt…
…aber ja auch nur ganz am Rand. Leider. So erzbiedere Medien wie die Süddeutsche oder die FAZ erklären im Zweifelsfall doch lieber jemanden wie Haftbefehl zum neuen Goethe, weil das einfach mehr Auflage macht als jemand wie ich, der ohnehin aussieht wie ein Aushilfsjuniorprofessor im Cordjackett. (lacht)

Merkst du einen inhaltlichen Unterschied, wenn du mit diesen Medien sprichst?
Die Leute vom Feuilleton beginnen ihre Interviews gerne mit dem Halbsatz: »Das ist ja eigentlich gar nicht meine Musik…« (grinst) Und ich finde: Das können die sich sparen. HipHop-Musik ist mittlerweile seit über dreißig Jahren am Start und die Musikrichtung, die weltweit alles beeinflusst, ob Sprache, Mode oder Filmästhetik. Und nur, weil die Leute in Deutschland immer ein bisschen hinterm Mond leben, muss man HipHop doch schon lange nicht mehr als reine »diese Junge-Leute-Musik« abtun. Das nervt mich wirklich.

Foto: David Daub

Dieses Interview erschien als Titelstory in JUICE #172 (Back Issues hier versandkostenfrei nachbestellen).Cover_172_RZ.indd

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