Prinz Pi: »Ich verdrehe die Worte so, dass sie am Ende Waffen sind.« // Titelstory

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Hast du dich unwohl gefühlt?
Natürlich. Im Video zu »Im Westen nix Neues« gibt es eine Szene, in der sich die beiden Eltern eines Mädchens streiten. Und die Frau, die in dem Haus wohnt, in dem wir die Szene gedreht haben, hat uns erzählt, dass eine Woche vor unserem Dreh die Tochter ihrer Nachbarn erschossen wurde. Die war gerade mal acht Jahre alt.

Warum wurde sie erschossen?
Weil die Leute nachts rumballern. Aus Spaß, aus Langeweile, weil sie drauf sind. Eine Salve in die Dunkelheit. Und ab und an treffen die Kugeln eben jemanden. Richtig krass. Die Frau meinte, sie hört jede Nacht Schüsse. Jede Nacht. Ich habe die auch gehört und mich am Anfang immer gefragt: »Was knallt denn da?« Erst als sie mir das erzählt hat, ist mir klar geworden, dass das Schüsse sind.

Was ist mit der Polizei?
Die fahren da natürlich rum in ihren Autos, die statt einer Stoßstange einen Rammbock vorne dran haben. Aber auch die Bullen haben so eine »Nuthing Ta Fuck Wit«-Attitüde. Die fragst du nicht mal eben nach dem Weg, weil du weißt, dass die dich auch einfach mal an die Wand stellen, wenn denen dein Gesicht nicht gefällt.

 

Ich verstehe den künstlerischen ­Ansatz hinter der Idee, das »Im Westen nix Neues«-Video in Detroit zu drehen. Dennoch hat das auch etwas Voyeuristisches, wenn man das dort vorherrschende Elend für künstlerische Zwecke nutzt, oder?
Das sehe ich anders. Ich finde es sogar krass wichtig, dass man den Leuten hier dieses Elend da drüber vor Augen hält. Wir Deutschen interessieren uns nur für das, was vor unserer eigenen Haustür passiert. Und so, wie es heute in Detroit aussieht, könnte es in Deutschland in manchen Städten in fünf Jahren auch ­aussehen. Einige Städte im Ruhrpott sind doch jetzt schon total verkommen – dort, wo die Schwerindustrie weggegangen ist und die Opel-Werke dichtgemacht haben. Immobilien bekommst du dort nachgeschmissen – dabei war der Pott mal einer der Wirtschaftsmotoren unseres Landes, genau wie Detroit in den USA.

Wo hast du in Detroit gewohnt?
In einem Hotel direkt am Detroit River. Dieses Hotel sah aus wie eine Kulisse aus einem Wes-Anderson-Film, und jeder Flur hat nach Gras gestunken. Beeindruckt hat mich aber, wie sehr sich die Leute trotz all des Elends um sie herum noch Mühe gegeben, alles sauber gehalten und sogar den Fahrstuhl neu gestrichen haben. Die haben ihren Mut nicht verloren. Eine Frau aus dem Video war dreißig Jahre lang Lehrerin an einer Schule für Problemkinder, von denen die meisten schon tot oder im Knast sind. Aber sie hat trotzdem noch Kraft und Lebensfreude, weil es ein paar von denen eben doch geschafft haben. Ihre Einstellung, dieses Hoffnungsvolle, finde ich bewundernswert.

Hat dich Detroit musikalisch geprägt? Du bist doch eher ein Westcoast-Kid, oder?
Ja, aber ich war natürlich immer Eminem-Fan. Royce da 5’9“ fand ich auch gut, aber viel mehr habe ich nicht mitbekommen aus Detroit. Obwohl, doch: ICP – aber die sind halt nochmal was ganz Spezielles. Die Leute aus Detroit haben aber unheimlich Biss; eine harte Schale, aber einen weichen Kern. Das sagt man ja auch uns Berlinern nach. Wir sind auch oft total behindert, wenn man uns das erste Mal trifft und machen den Harten – eigentlich sind wir aber doch ganz nett. Da sehe ich durchaus Parallelen.

Hast du den Leuten vor Ort deine Sachen vorgespielt?
Klar. Wenn du denen sagst, dass du Musik machst, dann googeln die dich eh sofort und gucken sich deine Videos an. Und die Leute fanden das cool – auch wenn das stilistisch natürlich in eine andere Richtung geht als viele moderne Sachen. Ich mache ja keinen Trap. Stell dir das mal vor: Da stehen fünf Zweimeter-Hoodboys, schauen auf dem iPhone »100x« und sagen: »That shit dope though!«

Also wurdest du herzlich in deren Kreis aufgenommen, ja?
Die haben mich natürlich erst mal angeguckt, als ob ich ein Außerirdischer wäre, denn ich war der einzige Weiße und dann auch noch drei Köpfe kleiner als alle anderen. Aber als ich mich dann mit denen darüber unterhalten habe, ob die Leute von Lil Reece nun Lil Jojo kalt gemacht haben und wie man das Rick-Ross-Intro auf der neuen Platte deuten kann, waren da schnell gemeinsame Gesprächsthemen. Musik verbindet halt – so simpel und stereotyp sich das anhört. Und dann rappst du mit denen plötzlich irgendwelche bekannten Rap-Parts laut in der Hood mit, während die sich nebenbei ihr Crack reinhauen.

Musikalische Connections sind dort aber nicht entstanden?
Ich will auf jeden Fall noch mal hinfahren. Ich habe dort viele Leute kennengelernt, die super nett und spannend waren. Und wie gesagt: Da herrscht eine total hoffnungsvolle Stimmung. Das ist alles so runtergekommen und man würde erwarten, die Leute seien alle grimey und depri. Aber selbst in den übelsten Ruinen sind Leute, die versuchen, das Beste daraus zu ­machen. Die haben einen großen Zukunftsglauben und sind nicht so miesepetrig wie hier – obwohl wir es hier ja viel besser haben.

Kommen wir wieder zu dir: Deine letzte Platte hieß »Kompass ohne Norden«, nun kommt »Im Westen nix Neues«. Das ­nächste Album heißt dann vermutlich so was wie »Sehnsucht nach Süden«, oder?
(grinst) Nee, so weit habe ich noch nicht gedacht. Ich war schon froh, dass ich auf den aktuellen Titel gekommen bin. Ich fand das ganz schön, zumal die Platte ein bisschen politisch ist, meistens aber diesem »The Wire«-Prinzip folgt: Die große Geschichte aus dem Kleinen heraus erzählen. Es geht viel um Persönliches. Doch während ich auf »Kompass ohne Norden« meine Zwanziger durchgearbeitet habe, geht es auf »Im Westen nix Neues« vor allem um meine Dreißiger. Aber der Übergang ist fließend.

Damit meinst du wohl vor allem den ­Opener »Rebell ohne Grund (Kompass Reprise)«, oder?
Ja, das ist die Überleitung, die Brücke vom einen Album zum anderen. Das war auch der erste Song, den ich für die neue Platte geschrieben habe. Darin beschreibe ich das Gefühl auf dem zehnjährigen Abi-Nachtreffen, wo man die ganzen Leute von früher trifft. Ich rappe darin: »Der Raum ist voll und sie drehen sich um sich selbst/Und wohin sie sehen, sehen sie nur sich selbst/Daraus schließen sie, wie wir, so ähnlich ist die Welt«. Ich fand dieses Bild geil, wie da alle in der alten Aula miteinander Engtanz machen, sich wortwörtlich umeinander drehen und sich gegenseitig bestätigen: »Es ist alles gut, schließlich tragen wir alle die gleichen Peek-&-Cloppenburg-Klamotten.« Das ist ja ein lustiges Phänomen: Sobald ein paar Leute die gleichen Klamotten tragen, glauben die sofort, die ganze Welt hätte so wie sie zu sein: Unser Style und unsere Lebensart ist richtig, der Rest der Welt liegt falsch.

 

Auf deinem zehnjährigen Abi-Nachtreffen warst du aber gar nicht, oder?
Stimmt, das habe ich geschwänzt. Wie so viele Schulstunden zuvor. (lacht) Ich hatte aber meine Beobachter da.

Hast du mit Leuten von früher Kontakt?
Zu einigen schon, klar. Aber ich war in der Schule immer ein Außenseiter, insofern ist die Bindung zu den meisten Klassenkameraden nicht besonders eng. Aber wenn ich nicht dieser Außenseiter gewesen wäre, könnte ich auch nicht diese Musik machen und mit einem gewissen Abstand von außen auf die Menge schauen. Wenn du mittendrin stehst, dann siehst du das große Ganze nicht.

In besagtem »Rebell ohne Grund (Kompass Reprise)« sagst du auch: »Ich würd’s nicht geschenkt haben wollen, das Leben von euch.« Was findest du an deren Lebensentwürfen so verabscheuungswürdig?
Ach, ich verurteile deren Lebensentwürfe gar nicht. Warum auch? Wer bin ich denn, mich als was Besseres zu fühlen? Eigentlich beneide ich sie sogar darum, dass sie so simpel gestrickt sind und sich ihr Glück aus Statussymbolen ziehen. Ich hingegen bin ein sehr unzufriedener Typ, den es nur glücklich macht, wenn er bestimmte Dinge schafft und selbstgesteckte Ziele erreicht.

Woher kommt diese Unzufriedenheit? Oberflächlich betrachtet müsste es dir gut gehen: Deine Karriere läuft, du hast gute Freunde, eine schöne Wohnung.
Eben: Oberflächlich. In meinem Privatleben ist nicht alles rosig. Das kann man auch auf meinem neuen Album hören. Aber was ich erzähle und was nicht – den Trennstrich ziehe ich in meiner Musik.

Hast du dein Privatleben darauf eins zu eins gespiegelt?
Ja, fast. Es gibt kaum einen Unterschied zwischen Prinz Pi auf dieser Platte und dem Privatmensch Friedrich Kautz. Ich beschreibe da mein Leben. Wahre, aber oft unglückliche Geschichten; Geschichten, die ich im Interview jetzt nicht weiter ausbreiten möchte, aber von denen man auf der Platte einen sehr guten Eindruck bekommt.

Du hast es gerade bereits erzählt: In »Rebell ohne Grund (Kompass Reprise)« geht es um die Ablehnung der Lebensentwürfe der anderen und das Gefühl des Unwohlseins in deren Gegenwart. Die weiche Instrumentierung des Tracks mit Piano, Akustik-Gitarre und Chor steht dem aber entgegen. Warum dieser Kontrast?
Man hört ja nicht zwangsläufig demjenigen zu, der am lautesten schreit. Auch in Filmen mag ich lieber böse Leute, die ganz leise und trocken reden – wie der Typ in der Serie »Hannibal«, der sogar noch einen Witz macht, während er eine Leiche zersägt. Außerdem nimmt man viel eher eine Antihaltung ein, sobald jemand laut wird. Wenn man sein Anliegen aber ganz ruhig vorträgt und einfach die Fakten auf den Tisch legt, dann hat das oft viel mehr Kraft. Das war meine Intention. Darum ist der Bushido-Diss gegen Kay auch so stark: Der trägt auch relativ sachlich und ganz ruhig die Geschichte vor, der wird nicht laut oder aggressiv.

Hast du dir Gedanken darüber gemacht, wie deine ehemaligen Klassenkameraden den Song aufnehmen könnten?
Ich beschreibe ja nicht nur die Leute in meiner Klasse, sondern die Leute in jeder Klasse. Das hoffe ich zumindest. Und diesen Schlag Mensch, den ich da beschreibe, den kennt ja jeder. Diese Leute, die schon in der dritten Klasse wussten, was sie werden und welches Auto sie fahren wollen; diejenigen, deren Kompass immer schon einen Norden hatte.

Dieser von dir beschriebene Schlag Mensch klingt sehr provinziell. Dabei bist du in Berlin aufgewachsen.
Berlin ist doch letztlich auch nichts anderes als dreißig Kleinstädte. Gerade in solchen Randbezirken wie Zehlendorf, Reinickendorf, Rudow, Steglitz – da hat jeder Stadtteil sein eigenes Zentrum, wie in einer Kleinstadt. Und weil es diese Kleinstadtgrenzen gibt, hatte man früher ja auch so viel Ärger mit Rappern aus anderen Bezirken.

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