»Orsons-Projekte sind immer unglaublich anstrengend gewesen« // Die Orsons im Interview

Ein Gespräch mit vier gut gelaunten Chaoten über Kontraste, Eigenheiten, Freundschaft und ihr neues Album.

Tua, über dich hört man immer wieder, dass du bei den Orsons fehl am Platz seist.
Tua: Echt, sagen das immer noch Leute? O Mann. Naja, ich hab meinen Frieden damit gemacht. Aber das ist natürlich Quatsch. Ich habe das halt damals selbst befeuert, wenn ich diese grimmige Rolle gespielt habe, als der, der das alles scheiße findet und böse guckt. Aber das ist alles wie ein Comic, die Orsons sind ja generell total überzeichnet.
Kaas: Auf keinen Fall ist Tua fehl am Platz! Wenn du alleine mit Tua redest, ist er ein …
Bartek: (Unterbricht) Depp! Dann isser einfach ein Depp! (Gelächter)
Kaas: Nein, bei den Orsons kann man Tua so erleben, wie er ist, wenn man mit ihm rumhängt. Man kann auch viel Deeptalk mit ihm machen, aber er ist einfach witziger und lockerer als auf seinen Soloprojekten.

»Orsons Island« ist auf verschiedenen Inseln entstanden. Wie lief das ab?
Bartek: Zwei von uns wohnen in Berlin und zwei in Stuttgart. Wir sehen uns nicht mehr so oft, die Festivals waren alle gespielt, also dachten wir, wir machen einfach mal zu viert als Freunde Urlaub. Kaas und Tua wollten dann unbedingt auf die Kanaren – und zack, waren wir auf La Palma. Vorsichtshalber haben wir ein bisschen Equipment mitgenommen, falls wir Lust bekommen, Musik zu machen. Als wir ankamen, haben wir einander erstmal die ganze Musik gezeigt, die wir so in der Zwischenzeit gemacht hatten. Vieles davon fanden wir scheiße, das war ein schlimmer Abend. Nach diesem furchtbaren Downer hatten wir zehn Tage den schönsten Inselaufenthalt der Welt. Wir sind viel gewandert und haben uns Sachen angeschaut. Dann kam es aber irgendwann doch dazu, dass erste kleine Skizzen entstanden sind. Die fanden wir dann ziemlich gut und haben schon einen Monat später bei Chimperator angeklopft, weil wir noch so eine Ausfahrt brauchten.
Maeckes: Der Plan war eigentlich, der Plattenfirma einfach vorzugaukeln, dass wir ein neues Album produzieren, um zu schauen, wie viele Reisen wir denen aus den Rippen leiern können. Jetzt ist aber doch irgendwie ein Album dabei rausgekommen.
Tua: Nee, aber während der ersten Reise war kein Album geplant. Da stand eher zur Debatte, ob wir überhaupt noch als Orsons aktiv sein wollen. Für mich war die große Frage, wie wir uns das gemeinsame Musikmachen angenehmer gestalten können. Orsons-Projekte sind nämlich immer unglaublich anstrengend gewesen.

»Es wird halt mehr gesungen als Blödsinn gerappt« – Bartek

Das Album ist in relativ klare inhaltliche Abschnitte unterteilt. Hängt das mit den verschiedenen Inseln zusammen?
Bartek: Nein, aber das werden wir ab jetzt behaupten!

Wollen wir uns auf eine gemeinsame Geschichte einigen?
Tua: Die Geschichte steht ja schon: Wir waren auf vielen Inseln und haben Songs gemacht. Bei den hinteren Kapiteln merkt man das auch am Sound – die Sonne, das Meer, die Natur.
Kaas: Boah, das war so geil, wir haben Lieder am Meer geschrieben, unter tosendem Wellenrauschen. Das war so laut, so KKLLOOAAR – geschrieben k, k, l, l, o, o, a, a, r – in dieser Atmosphäre.
Tua: Wir waren kiffende Hippie-Singer-Songwriter. Das war der Vibe. Aber einfach die ganzen klassischen Orsons-Konflikte auf eine Insel übertragen; genau die gleichen Sachen, die hier immer auftreten, gab es da auch. Darüber haben wir auch eine Videoreihe mit Reiseblogs gedreht.

Krieg unter Freunden

Ihr wollt offenbar so gerne drüber reden, also erzählt mir doch mal von euren Streitigkeiten.
Bartek: Gar ned wollten wir darüber reden!

Du vor allem! Aber es ist ja kein Geheimnis, ihr habt auch schon in älteren Interviews immer wieder erzählt, wie ihr euch gegenseitig an die Gurgel geht. Ich frage mich ja, woher ihr jedes Mal aufs Neue die Motivation nehmt, ein Orsons-Projekt zu starten, obwohl das so viel Streit bedeutet.
Maeckes: Das frage ich mich auch. Man kann das, glaube ich, nur auf unsere Freundschaft zurückführen. Es ist ein Phänomen, dass wir nach zehn Jahren Band bessere Freunde denn je sind. Innerhalb dieser Zeit haben sich halt auch unsere eigenen Visionen weiterentwickelt, und jedes Mal, wenn wir wieder zusammenkommen, um sie abzugleichen, sind unsere Vorstellungen von Musik und künstlerischem Schaffen weiter voneinander entfernt. Das bietet natürlich Konfliktstoff, zumal Musik noch nie demokratisch war. Also reiben wir uns aneinander, bis wir einen Kompromiss finden. Aber wenn wir vier uns auf etwas einigen können, dann muss der Konsens halt auf jeden Fall etwas auslösen. Wenn wir es aber nicht können, reden wir wie Familie oder enge Freunde, also ohne Blatt vor dem Mund.

Wer setzt sich am Ende durch?
Tua, Kaas und Bartek: Maeckes! (Gelächter)

Warum?
Kaas: Im Endeffekt hat er die stärkste Draufsicht auf das ganze Projekt, schon weil er auch die visuelle Seite so stark umsetzen kann. Keiner von uns kriegt das alles so krass unter einen Hut wie er. Er hat die stärkste Vision, also hat er oft das letzte Wort. Aber ich versuche oft, ihn zu überzeugen. Dann streiten wir uns, und ich kriege Nasenbluten.
Bartek: Genau das ist gestern passiert. An diesem Tisch.
Tua: Es gibt Aufnahmen davon.

Das ist eure hochgepriesene Freundschaft? Ihr filmt Kaas, während er Nasenbluten hat?
(Einige Minuten voller Gelächter und Witze vergehen.)

Ich habe »Orsons Island« als Zäsur in eurem Schaffen wahrgenommen. »What’s Goes« war schon ein großer Step, und jetzt direkt noch einer. Seht ihr das auch so?
Bartek: Voll! Wir haben sehr lange in verschiedene Richtungen rumprobiert – was ist es, was ist es nicht? Mittlerweile haben wir ein Gefühl für die Sachen und gehen da mit einem anderen Selbstbewusstsein ran.
Tua: Das hat auch damit zu tun, dass wir uns erst seit »What’s Goes« als richtige Band wahrnehmen. Man vergisst das nach so vielen Jahren, aber Die Orsons haben ja als punkiges Witzprojekt angefangen, das nicht für die Öffentlichkeit gedacht war. Daraus ist all das entstanden, und entsprechend weit mussten wir uns entwickeln, statt einander nur gegenseitig zu torpedieren und Grabenkämpfe auszutragen.

Während sich zwischenzeitlich mit Songs wie »Horst und Monika« abgezeichnet hat, dass ihr euch dem Mainstream öffnet, ist »Orsons Island« zwar voller Ohrwürmer, aber klingt doch ziemlich artsy und experimentell. Warum habt ihr die Ausfahrt Richtung kommerziellen Erfolg damals nicht genommen?
Tua: Kunst ist immer eine Art Selbstfindung – das gilt auch bei uns. Wie kommerziell Songs sind, entscheidet am Ende eh der Konsument. Wir haben aber auch Diskussionen darüber, was klingt eher nach Hit und was künstlerisch wertvoll. Solche Erfahrungen wie damals bei »Horst und Monika« spielen da natürlich eine Rolle, solche Entscheidungen waren für uns persönlich immer ein Desaster. Auf »Ewigkeit im Loop« haben wir uns für den Song auch entschuldigt. Da habe ich einen Part für die Person geschrieben, von der der Song handelte, weil ich finde, dass wir uns damals sehr dumm geäußert haben. So was soll nicht mehr passieren.

Das, was du beschreibst, hört man schon daran, wie ihr die Versionen von »Dear Mozart« verändert und abgewandelt habt.
Tua: Du machst Konflikte wieder auf …
Bartek: (schreit) Stell eine andere Frage!
(Kaas verliert die Balance, das Aquarium fällt von seiner Nase und zerbricht am Boden)

Text: Skinny
Foto: Monica Menez

Dieses Interview erschien in JUICE 193. Aktuelle und ältere Ausgaben könnt ihr versandkostenfrei im Onlineshop bestellen.

»Orsons Island« im Stream

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