»Orsons-Projekte sind immer unglaublich anstrengend gewesen« // Die Orsons im Interview

Ein Gespräch mit vier gut gelaunten Chaoten über Kontraste, Eigenheiten, Freundschaft und ihr neues Album.

Die gewöhnliche Boyband lebt von gezielten Kontrasten: Sweeter Sunnyboy, introvertierter Denker, verwegener Draufgänger. Auch bei den Orsons greift dieses Prinzip, allerdings mit weniger Kalkül und mehr Tiefgang. Das schwäbische Quartett, das von Klamauk bis Pathos jede denkbare musikalische Facette abzudecken vermag, gibt sich mit »Orsons Island« in frischem Gewand. Was die neue Platte von den bisherigen sechs Band-Releases und den Soloprojekten von Tua, Maeckes, Kaas und Bartek unterscheidet, erzählen die vier gut gelaunten Chaoten an einem sonnigen Mittag in Tuas Berliner Studio.

In eurem letzten JUICE-Interview wurde eigentlich nur Unsinn geredet. Habt ihr das heute auch vor?
Bartek: Neeein, neeein!
Tua: Das ist niemals passiert!
Kaas: Haben wir? Ich muss das mal wieder lesen. Du darfst dieses Mal ruhig Dinge in Klammern frei erfinden. (schlägt einen doppelten Salto, während er ein Aquarium voller Zierfische auf der Nase balanciert)

Danke! Ansonsten möchte ich noch wissen, woher ihr die Shrimp-Jockey-Kostüme fürs »Grille«-Video habt.
Maeckes: Vom Fischmarkt. Nein, einfach aus dem Internet.

Das Video hat jedenfalls wieder einen sehr surrealen, einzigartigen Style, der sich, wie ich euch kenne, auch durch den Rest des Albums ziehen wird. Auch gibt es eine klare Abgrenzung zum Stil von »What’s Goes«, was wiederum völlig anders aussah als »Das Chaos und die Ordnung«. Wie entsteht so eine Optik?
Tua: Das ist auf Maeckes zurückzuführen, der hält bei uns immer die Hand über alle Grafiken und macht sich schon früh Gedanken darüber, wie man visuell etwas Neues macht, aber dennoch da anknüpft, wo man aufgehört hat.
Maeckes: Ja, im Endeffekt geht es genau da weiter, wo »What’s Goes« aufgehört hat. Dafür wurden die Räume gebaut, und alles folgte klar diesem rot-grünen Farbkonzept. Im Grunde geht es darum, das Chaos, das Die Orsons von sich aus schon veranstalten, ein bisschen aufzuräumen. Deswegen möchte ich die Grafik so clean haben. Für »Grille« wollte ich, dass alles etwas sehr Fashionmäßiges hat, aber in unserem Kontext entsprechend absurd ist. Für das Video habe ich mit der Fotografin Monica Menez aus Stuttgart zusammengearbeitet.

Konzepte statt Singles

Inwiefern siehst du in der Optik Bezugspunkte zum Sound?
Maeckes: In Zeiten, in denen man Singles macht, machen wir ein Konzeptalbum. »Orsons Island« hat vier Teile, und die Welt, die mit »Grille« aufgemacht wurde, ist der erste Abschnitt dieser Reise, der sehr künstlich, wie eine virtuelle Realität wirken soll.

Wie würdet ihr das Konzept zusammenfassen?
Tua: Eine Reise, die von jugendlicher Feierei, bei der alles scheißegal ist, hin zu Zweifeln und der Frage nach mehr führt, über den Punkt, an dem man weg will und all das nicht mehr sehen kann, bis man im vierten Abschnitt letztlich irgendwo ankommt und Antworten findet. Das ist eine Sache von Lebensabschnitten, als Musiker werden wir ja auch älter und stellen uns die Frage danach, wer wir sind – vor allem im Abgleich mit allen anderen. Da muss man sich notgedrungen irgendwo verorten und schauen, was andere Musiker so machen und wie der Sound heutzutage ist. So äußert sich diese Reise nämlich auch: dass man moderne Sachen hört und mag, aber eben auch schon viele Jahre Alben macht und dabei ist.

Aktuelle Sounds habe ich aber eher als Querverweise wahrgenommen.
Tua: »Orsons Island« ist mehr denn je das Werk von vielen anderen Leuten. Wir haben das jetzt zusammengeführt – entsprechend referenziell sind die Sachen teilweise. Kaas mag zum Beispiel den aktuellen Sound mega gerne, Maeckes hasst den neuen Sound.
Maeckes: Naja, ich hasse nur die Wiederholung, nicht pauschal alles!
Tua: Ich würde jedenfalls sagen, dass das Abschleifen von diesen Fraktionen in der Mitte liegt. Aber ich empfinde das auf jeden Fall nicht als Parodie oder so.

So kam es nicht an, aber der Sound schlägt eine Brücke zum Inhalt eines Songs. Bei einem Trap-Album, das sich selbst nur als solches versteht, passiert so was ja zum Beispiel nicht. Nicht dass »Orsons Island« ein Trap-Album wäre, aber ihr wisst, was ich meine, oder?
Tua: Ja, das liegt dann im Themenbereich. Am Anfang geht es viel ums Feiern und Wildsein, da passt ein zeitgeistiger Sound. Ich finde aber, dass das nur so gut funktioniert, weil wir eben noch eine andere Seite haben.

Du bist gerade schon darauf eingegangen, wie eure Kontraste und Eigenheiten ineinandergreifen. Gerade bei euch beiden, Bartek und Kaas, interessiert mich, wo ihr euren größten Anteil am Album seht. Ich habe nämlich das Gefühl, dass »Orsons Island« das bisher ernsteste und damit am wenigsten alberne Orsons-Album ist – ich nehme aber an, dass ihr beim klamaukigen Anteil der vorherigen Projekte die treibende Kraft wart, oder?
Bartek: (grinst) Joa, schon. Ich habe hier so viel gesungen wie noch nie. Ich habe »Sowas von egal« gemacht. Das fanden die anderen subba, also habe ich mehr in die Richtung ausprobiert und das wurde auch subba. Es wird halt mehr gesungen als Blödsinn gerappt. Ich bin mit dieser Entwicklung voll und ganz zufrieden!
Tua: Kaas und Bartek machen genau wie ich Skizzen. Bartek baut ja auch Beats, und Kaas hat ein Team von Leuten um sich, mit denen er dann arbeitet. Für mich als Produzent ist es auch geil, wenn Sachen so halbfertig oder verrückt ankommen und man alles noch bewegen kann. So kommt diese Handschrift zustande, nach der du gefragt hattest: Im Grunde arbeiten vier Solokünstler für sich, pitchen die ganze Zeit Songs. Dann kommen wir als Orsons zusammen, Jopez [Jugglerz-Produzent und Orsons Live-DJ; Anm. d. Verf.] und Basti und Julia von Chimperator kommen auch dazu. Das ist unser A&R-Team, das reinhört und sagt, was geil ist und was lieber geändert werden sollte.

Ich bilde mir bei euren Releases immer ein, herauszuhören, von wem welcher Impuls kam. Bei »Orsons Island« fiel mir das schwer.
Kaas: Das ist doch etwas Schönes! Es sollte ja verschmelzen.
Tua: Ich finde es witzig, dass ich noch nach so vielen Bandjahren manchmal eine Songskizze mache und denke, dass ich da gerade an einer Kaas-Skizze sitze oder halt voll im Bartek-Modus bin. Man weiß natürlich genau, was die anderen an der Stelle machen würden, und dann ist es geil, die quasi zu adaptieren.
Kaas: Ich picke einfach gerne Beats. Ich mag Beatordner und lasse mir gerne Sachen von Produzenten schicken. Lia und Jopez haben mir Tausende Beats geschickt. Ich vibe dann darauf und mache einen Song – für die Orsons meistens eine Hook und eine Strophe, dann schicke ich das herum. Aber ich sage den Produzenten auch immer, dass der Beat am Ende wahrscheinlich völlig anders klingen wird.

Vier Freunde, ein Kompromiss

Gerade du, Kaas, hast dich in den letzten Jahren intensiv mit Hooks beschäftigt, oder? Da sehe ich dich aktuell als Speerspitze der Orsons.
Kaas: Wow, danke! Ich habe eigentlich schon immer eine Leidenschaft für Hooks gehabt. Savas fand ich damals am dopesten, weil er die besten Hooks hatte. Damals wollte ich auch, dass meine Hooks so klingen wie zum Beispiel »King of Rap«.

Nicht nur du hast dich entwickelt, auch ihr als Orsons. Wie nehmt ihr euch als Band selbst wahr? Seid ihr eigentlich eine Band oder eine Supergroup oder etwas ganz anderes?
Maeckes: In meiner Wahrnehmung sind wir vier Freunde, die gerne miteinander rumhängen, aber sich im Studio schwer tun, weil eben jeder seine eigenen Vorstellungen hat. Was die Außenwahrnehmung angeht, habe ich keine Ahnung.
Tua: Ich finde es total geil, mich solo austoben zu können und da keine Kompromisse machen zu müssen. Was dabei herauskommt, habe ich ja erst neulich wieder gezeigt [Tuas Soloalbum »Tua« erschien im März; Anm. d. Verf.]. Umso mehr begrüße ich es dann, mit den anderen zusammen Musik und Kompromisse zu machen – solo könnte ich ja niemals solche Songs machen. Ich mag es, Teil davon zu sein, zusammen Festivals zu spielen und ein Viertel von etwas darzustellen.
Kaas: Für mich ist es ähnlich wie für Tua. Ich genieße meine eigene Musik und Die Orsons gleichermaßen, aber Die Orsons holen oft einfach das Beste aus uns raus. Wenn man so ein super hartes, ungeschöntes Feedback von Freunden kriegt, kann man viel damit anfangen. Das tut manchmal weh, aber im Endeffekt macht es den Song viel besser, und das genieße ich irgendwie. Die Schmerzen machen einen stärker. (lacht)

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