»Neid ist im HipHop das Beste, was es gibt« // AchtVier im Interview zu »Hyperaktiv«

Am Freitag erschien AchtViers Album »Hyperaktiv«. Wir sprachen mit ihm über den Traum vom Spießerleben, Graffiti und den Status der Szene.

Labelboss von Steuerfreimoney, Realkeeper und MC der alten Schule: AchtVier meldet sich mit seinem neuen Solowerk »Hyperaktiv« zurück. Damit will der Hamburger HipHop nicht nur »einfach mal Danke sagen«, sondern »das Echte« im Rap wieder mehr auf die Bildfläche bringen. Ein Gespräch darüber, warum es trotz Rekorden mit Rap bergab geht, ­Spießertum verlockend klingt und Neid der beste Antrieb ist.

Zwischen dem SFM-Sampler und »Hyperaktiv« liegt nur knapp ein Jahr: Was hat sich in dieser Zeit bei deinem Label getan?
Ich habe ein neues Signing: Dany111, auch aus Hamburg. Das hat sich sehr freundschaftlich ergeben. Gemeinsam mit ihm sind wir jetzt vier Leute und das bleibt auch so.

Warum hast du dich dazu entschieden, dein Album über Walk this Way Records rauszubringen und nicht über SFM?
Es erscheint zwar über Walk this Way, ist und bleibt aber ein SFM-Produkt. Das muss man eher so sehen: Ich habe mir die für mich stärksten Partner gesucht, die meine Vision teilen und mit denen ich diese gemeinsam umsetzen und nach vorne bringen kann. Egal, wo jemals jemand von uns releasen wird, am Ende des Tages bleiben es SFM-Produkte. Wir machen schließlich die Musik. Und auch wenn wir Tipps annehmen, lassen wir uns nirgendwo reinreden.

Du hast mal in einem Interview gesagt, dass es eine Zeit in deinem Leben gab, in der es an allem mangelte – sogar an Geld für Lebensmittel. Mittlerweile dürften deine Pleitezeiten passé sein. Trotzdem stellt sich beim Hören deiner Texte nicht das Gefühl ein, als seist du rundum glücklich. Was fehlt?
So wie es zurzeit bei mir läuft, bin ich eigentlich sehr glücklich. Es nimmt alles zu: Ich habe immer ein bisschen mehr zu tun, verdiene immer ein bisschen mehr Geld und kann mit meinem Label mittlerweile andere Leute ernähren und meine Familie unterstützen. Aber vielleicht sollte ich noch Kinder machen. Das wäre eine coole Sache. Dann würde ich wahrscheinlich auch ein bisschen ruhiger werden.

Du strebst also den Spießertraum von Frau, Kind und Haus an?
Übertrieben. Ich habe Bock auf Spießerurlaube und Spießerleben, weil ich das selbst nie hatte. Ich werde bald 35 Jahre alt und fahre morgen zum ersten Mal in meinem Leben in den Urlaub, der übrigens auch richtig spießig wird. Natürlich habe ich da Bock drauf.

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In deinen Texten steht das Leben auf der Straße aber im Fokus. Hält sie dich hungrig auf mehr?
Absolut. Neid ist im HipHop das Beste, was es gibt. Du musst nur lernen, damit umzugehen. Als ich noch gesprüht habe, war es immer so: Wenn ich einen vollgemalten Train gesehen habe, wurde ich direkt neidisch. Ich habe dann alles andere vergessen, mich um Dosen gekümmert und wollte es besser machen. Und so mache ich auch Musik. Wenn ich was höre, was mir gefällt, denke ich »krass!«, fresse es aber gleich in mich rein und will es beim nächsten Mal besser machen. Das ist meine HipHop-Ambition.

Im Lichte der gegenwärtigen Entwicklungen: Wie eng gehen Rap und Graffiti noch Hand in Hand für dich?
Graffiti ist mein Ursprung, meine große Liebe. Hätte ich nicht angefangen zu sprühen, würden wir heute kein Interview miteinander führen. Graffiti ist für mich das Ultimum. Die ganzen Leute heutzutage juckt das nur nicht. Aber wie sollst du auch Bezüge zum Graffiti haben, wenn du da nie reingerutscht bist? Dann stehst du eben auf Klamotten und Autos, ziehst dir enge Hosen und dreihundert Euro teure Sneaker an und denkst du seist ein ganz Toller. Mein HipHop ist das nicht.

Du bist nun seit über zehn Jahren im Game: Würdest du dich zur »alten Schule« zählen?
Auf jeden Fall. Auf dem Album wird es auch einen Song mit Olexesh und MC Bomber geben, der so heißt, und da geht’s genau darum.

Wie definierst du die alte Schule? In Anbetracht dessen, dass Bomber mit auf dem Track ist, kann es dabei ja nicht um den zeitlichen Faktor gehen.
Die Attitude des Songs ist die: Gib mir einen Beat und ne halbe Stunde Zeit. Du und ich setzen uns hin – zeig mal, was du kannst. Nach der halben Stunde gucken wir, wer das Beste draus gemacht hat. Ich bin mir ziemlich sicher, dass viele das einfach nicht drauf haben. Der Song soll einfach sagen: »Hier. So wird’s gemacht. Jungs, stellt euch mal hinten an!«

»Ich muss nur HipHop danken«

Du schreibst mit »Hyperaktiv« eine persönliche Liebeserklärung an HipHop, übst aber auch Kritik mit Lines wie »Du bist autotuneverseucht« oder »Rap hat nichts mit dir zu tun«.
Genau. Ich sage einfach danke. Ich muss keinem Menschen auf dieser Welt danken, ich muss nur HipHop danken. Die Zeilen sind natürlich verallgemeinert, ich feiere auch Rapper in Deutschland, aber ich beziehe sie schon komplett auf die gegenwärtige Szene. Ich hate zurzeit fast alles, was da so passiert. Dieses ganze Klamotten-Ding. Ehrlich: Ich rege mich jeden Tag darüber auf. Ich will wieder das Echte nach vorne drücken.

Wie müsste Rap sein, damit du dich in Zukunft nicht mehr jeden Tag aufregst?
So, dass die Leute wieder erzählen, was bei ihnen abgeht. Es schreiben aber 99 Prozent der Rapper einen Text und fragen sich: »Wie kommt das an?« Die sind nicht sie selbst. Ich sehe nur noch goldene Uhren. Alles ist gleich geworden. Das ist doch langweilig. Für mich geht es bergab mit Rap, obwohl es so erfolgreich ist. Ich höre privat momentan viel Punk und gehe auch auf die Konzerte. Die Leute da sind einfach sie selbst, lassen los und geben Gas. Dann stehst du da und denkst: »Krass, so was gab’s im HipHop auch mal. Jetzt aber nicht mehr.« So was würde ich mir allgemein mehr in Deutschland wünschen. Dafür rappt man doch. Ich bin hyperaktiv und habe ADHS. Aus diesen Inhalten mache ich jetzt ein Album. Denn genau das bin ich und das ist das Coole daran. Das wünsche ich mir auch von den anderen Künstlern.

Text: Lena Müller
Foto: Ben Baumgarten

Dieses Interview erschien in JUICE #194. Aktuelle und ältere Ausgaben könnt ihr versandkostenfrei im Onlineshop bestellen.

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