»Diese Jungs haben einen Hass auf die Welt« // Interview zum Graffiti-Film »Pixadores«

Kryptische Nachrichten an unzugänglichen Orten. Klingt auf den ersten Blick nach der Kurz-Synopsis eines Hollywood-Blockbusters über die Entdeckung außerirdischer Lebensformen, beschreibt jedoch kurz und knapp die brasilianische Kunstform Pixação – sozialkritische Streetart, die immer dort am meisten knallt, wo man sie am wenigsten vermutet. Der finnische Regisseur und Ex-Writer Amir Arsames Escandari hat jahrelang eine Gruppe von Writern, S-Bahn-Surfern und Verbrechern in Sao Paulo begleitet und diesem Phänomen mit »Pixadores« ein filmisches Denkmal gesetzt. Nun kommt der Streifen an ausgewählten Locations auch in deutsche Kinos.

Wie ist der Film entstanden?
Dafür muss ich etwas weiter ausholen: Als ich klein war, lief im Fernsehen mal ein Bericht über einen gefährlichen neuen Trend in Brasilien, an dem bereits 200 Jugendliche in Sao Paulo gestorben waren: S-Bahn-Surfen. Und dieses Bild eines Jungen auf dem Dach einer S-Bahn, das hat sich mir in den Kopf gebrannt – keine Ahnung, warum. Jahre später schrieb ich an einem fiktionalen Drehbuch über eine Gang von S-Bahn-Surfern, bin dadurch immer neugieriger geworden, wollte einen Einblick in die Szene bekommen und es auch selbst mal ausprobieren – also habe ich mir ein Ticket nach Sao Paulo gekauft. Dass daraus ein Film über Pixação ­entstehen würde, das oft großflächige Writing an außergewöhnlichen Stellen, das war damals in keiner Weise abzusehen.

Worum geht es konkret in dem Film?
Um eine Gruppe von Freunden, die Pixação malen und S-Bahn-surfen; es geht um ihr Leben. Brasilien ist ein wunderschönes Land, hat aber auch eine Menge Probleme. Viele Leute kämpfen tagtäglich und buchstäblich ums Überleben, und oft liegt ihre einzige Chance in der Kriminalität. Die jungen Leute, mit denen ich mich angefreundet habe, waren sehr frustriert und angepisst über den Mangel an Möglichkeiten, den sie haben. Diese Jungs haben einen Hass auf die Welt, die es ihnen so schwer macht – und Pixação ist ihr Ausdruck davon.

So einen Film zu stemmen war sicherlich nicht leicht?
Stimmt – und genau deswegen wollten wir ihn machen! Überhaupt in die Pixação-Community reinzukommen, war sehr schwierig – zumal ich kein Portugiesisch spreche. Ich musste durch meine Taten überzeugen, und habe alles mitgemacht, bin in Gebäude eingebrochen und war beim S-Bahn-Surfen dabei – dadurch habe ich ihr Vertrauen gewonnen. Ich war der verrückte Gringo, der nicht mal ihre Sprache spricht. Ich glaube sogar, dass uns der Umstand, dass ich kein Portugiesisch kann, enger zusammengeschweißt hat.

»Diese Jungs haben einen Hass auf die Welt – und Pixação ist ihr Ausdruck davon.«(Amir Arsames Escandari)

Hast du den Film alleine gedreht?
Das wollte ich zuerst, habe dann aber noch ein paar Leute mit ins Boot geholt. Das war einerseits eine Erleichterung, hat andererseits aber auch Dinge erschwert. Es kamen neue Meinungen dazu, und wir mussten oft lange diskutieren, um überhaupt in eine Favela reinzukommen. Und beim Dreh ist viel passiert: Die Jungs sind über Dächer balanciert, irgendwo eingebrochen, S-Bahn-gesurft – einige Szene konnten wir leider nicht nutzen, weil wir dadurch rechtliche Probleme bekommen hätten.

Hast du selbst einen Graffiti-Background?
Ja, ich habe früher in Helsinki selbst gesprüht und hatte einige Male Probleme mit dem Gesetz. Heute ist Writing aber sehr populär geworden. Ich habe Freunde, die nehmen Mädels bei einem ersten Date mit zum Sprühen, andere bringen es ihren Kindern bei. Natürlich gibt es immer noch krasse Crews, die heftige Aktionen machen: Die Jungs von 1UP zum Beispiel sind heftig. Aber die Zeiten haben sich geändert.

Das Blackstreets Magazine und Rotzfrech Cinema bringen »Pixadores« ab Freitag in ausgewählte Kinos in Deutschland. Weitere Infos: blackstreets-magazine.com

Die Dates im Überblick:

05.10. Erfurt, Kulturquartier
12.10. Bremen, Kulturzentrum Lagerhaus
13.10. Hamburg, Fabrique im Gängeviertel
18.10. München, Zielstatt 37
07.11. Chemnitz, AJZ Talschock
14.11. Berlin, Babylon
16.11. Köln, Dedicated Store
17.11. Frankfurt, Studio
22.11. Dresden, Wettbüro
23.11. Leipzig, UT Connewitz

Text: Tom Urban

Dieses Feature erschien erstmals in JUICE #188. Die aktuelle Ausgabe ist versandkostenfrei im Shop zu beziehen.

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