Most Known Unknown – Wie Memphis HipHop bis heute beeinflusst // Feature

Eine Spurensuche in Memphis, die die Rap-Historie der Stadt erzählt und erklärt, warum der Sound aus Bluff City aktuellen HipHop nachhaltig geprägt hat und es nach wie vor tut.

Hustle & Flow

»Most Known Unknown«, das achte Studio­album der mittlerweile auf drei Mitglieder reduzierten Crew, stellt den kommerziellen Peak von Rap aus Memphis dar. Die Platte verkauft sich allein in den USA 1,6 Millionen Mal und listet mit »Stay Fly«, »Poppin My Collar« oder »Side 2 Side« viele der bis heute größten Hits der Backyard Posse. Der Mainstream-Run gipfelt aber ein Jahr später in einem historischen Moment: Für den Song »It’s Hard Out Here For A Pimp« vom Soundtrack der bereits genannten Gangster-Schnulze »Hustle & Flow« dürfen DJ Paul, Juicy J und Crunchy Black einen Oscar entgegennehmen. Nach Eminems »Lose Yourself« ist es erst der zweite HipHop-Song, der diese Auszeichnung erhält – und Three 6 Mafia sind die erste Rap-Crew, die bei der Verleihung live performt. Rap aus Memphis ist 2006 nicht nur im Radio, sondern oscarprämiert. Nicht wenige sehen zu diesem Zeitpunkt die Downsouth-Metropole als nächste HipHop-Hauptstadt.

Doch es passiert: erstmal nichts. Obwohl Three 6 als inzwischen international bekannte Rapstars die Flagge für ihre Heimatstadt hoch halten, bleibt eine Übernahme des Rap-Games aus. Das liegt zum einen am fehlenden Selbstverständnis von Memphis als HipHop-Metropole – die dominierenden Genres waren seit jeher Rock’n’Roll und Blues –, zum anderen an den nicht existenten musikindustriellen Strukturen im ruralen Süden. »Nach dem Niedergang der Memphis-Soul-Ära um das legendäre Label Stax Records in den Siebzigern konnte sich kein relevanter Industrie-Player mehr platzieren, der sich dieser Szene annahm«, erklärt Opti Mane, Rapper und Memphis-Botschafter für die deutsche Rap-Szene. Historisch bedingt waren Ost- und Westküste schon immer relevanter als der Süden, da die Zentren der Entertainmentbranche in und um New York und Los Angeles liegen. Rap aus den Südstaaten hat damals zudem nach wie vor mit seinem Image zu kämpfen. Viele sehen die hypersexualisierten Lyrics und die drogen- und gewaltverherrlichende Ästhetik als extrem rückständig an, das Label Dirty South ist da wenig hilfreich. Sowohl HipHop-Puristen als auch der breiten Masse ist Memphis-Rap trotz Doppelplatinauszeichnungen immer noch fremd. Erstere sehen ihre Kultur attackiert, letzteren ist der Sound zu hart.

Mem to ATL

Three 6 Mafia bewegen sich 2007 hingegen in eigenen Sphären. Absurde Dorfdisco-Tracks mit dem EDM-Produzenten Tiesto und eine unangenehme Reality-TV-Show namens »Adventures In Hollyhood« lassen sie Richtung künstlerische Irrelevanz schlittern.
Nur Juicy J vermag sich da in den kommenden Jahren durch clevere Pop-Features, Anbandeln mit Wiz Khalifa und einer Reinkarnation als ­sympathischer Rap-Onkel herausmanövrieren. Im Unter­grund jedoch bleiben die zerstreuten DIY-Strukturen und Subgenres sowie der roughe Sound in Memphis bestehen, da den Künstlern immer noch keine A&Rs und Supervisor über die Schulter schauen.

So kommt es, dass zur Jahrzehntenwende das Zepter für progressiven Südstaatenrap knapp 400 Meilen nach Südosten wandert. In Atlanta denken Künstler wie Waka Flocka Flame, Young Jeezy und Future sowie Produzenten wie Lex Luger und Southside mit ihrer 808 Mafia die Idee des memphianischen Sounds weiter und etablieren das, was als Trap fortan die gesamte HipHop-Szene fluten soll. Der Sound ist energetischer und bewegt sich vom benommenen Okkultismus-Rap hin zu wuchtigen Braggadocio-Brettern, zu Stripclub- und ­Party-Hymnen. Atlantas Status als Go-to-City führt dazu, dass viele Artists aus Memphis ihr Glück genau dort suchen, wo finanzielle und kreative Möglichkeiten winken.

Drumma Boy, einer der wichtigsten Produzenten der ersten Zehnerjahre, wurde in Memphis geboren, seine Karriere fruchtet aber erst nach seinem Umzug nach ATL. So steht er sinnbildlich für den strukturellen Wandel, an dessen Ende Atlanta in der öffentlichen Wahrnehmung als die Brutstätte des modernen HipHop-Sounds angesehen wird. Opti Mane erklärt jedoch: »All die Elemente, aus denen sich Trap zusammensetzt – Halftime-Beats, 808s, Triple-HiHats –, wurden in Memphis etabliert und später lediglich mit moderneren Produktionsmitteln und besserer Technik in Atlanta in professionellen High-Class-Studios umgesetzt.« Anerkennung für seine Vorreiterrolle wird Memphis aber erst viel später bekommen.

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