Mick Jenkins: »Seitdem rollt der Zug. Mit Volldampf«

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Willkommen im Schmelztiegel des rohen Talents: Hinter Chance The Rapper und Vic Mensa, den Shooting-Stars der beiden vergangenen Spielzeiten, hat sich in Chicago gefühlt eine Horde übertalentierter MCs aufgereiht. Spätestens seit seinem im August 2014 veröffentlichten Mixtape »The Water[s]« gehört auch Mick Jenkins zu den Anwärtern auf den Titel »Chi-Towns next to blow«.

Viele Jahre sprach man im Bezug auf HipHop aus Chicago vor allem über die Drill-Bewegung und deren blutjunge und ebenso blutrünstige Protagonisten. »The murder capital, where we murder for capital«, wie es der aktuell berühmteste musikalische Ziehsohn der Stadt, Kanye West, einst treffend formulierte, genoss dadurch einen bestenfalls zweifelhaften Ruf. Drei Jahre nach dem Bieterkrieg, den sich sämtliche Majorplattenfirmen um die Dienste von Chiraqs inoffiziellem Rudebwoy-Bürgermeister Chief Keef lieferten, ist die Mordrate zwar weiterhin hoch, die Chicagoer Rapszene besticht jedoch durch mehr Vielschichtigkeit. Jenkins erweitert den Talentpool mit seinem von hoher Wortspiel- und Metapherndichte und scharfen Alltagsbeobachtungen geprägten Style um eine neue Facette.

Dabei ist der knapp zwei Meter große Jenkins nur Adoptivkind der windigen Stadt. Zunächst wächst er in Alabama auf, wo sein Vater als Schreiner an der Oakwood University von Huntsville arbeitet. Als er sieben ist, lassen sich seine Eltern scheiden, seine Mutter leidet zusätzlich unter Lupus, einer seltenen Autoimmunkrankheit. Mick zieht zeitweise nach Florida, im Jahr 2000 kommt er erstmals nach Chicago und bleibt bis zum High-School-Abschluss. »Die Zeit in Alabama hat heute auf mich als Musiker kaum noch Einfluss, weil ich in Chicago zum Mann gereift bin«, resümiert Mick bezüglich seiner Jugend. Nach etlichen erfolglosen Uni-Bewerbungen fasst er schließlich den Entschluss, den Rabatt für Studiengebühren zu nutzen, der seinem Vater als Uni-Angestelltem zur Verfügung steht. Knapp drei Jahre hält er das PR-Studium in Alabama aus, in seiner Freizeit nimmt er bereits erste Mixtapes auf. Dann bringt ihn eine Trennung dazu, den Status quo und seine Lebensziele zu überdenken. Zwei Tage später ist Jenkins zurück in Chicago, findet einen Job bei einer Marketingagentur und werkelt nach Feierabend weiter an Texten. Schon vor seiner Rapkarriere schreibt er Gedichte und Kurzgeschichten und performt seine Poesie bei Open-Mic-Veranstaltungen. Im April 2013 veröffentlicht er mit »Trees & Truths« ein weiteres Tape zum Download. Diesmal stößt er bei den Tastemakern der Chicagoer Szene auf positive Reaktionen. Die Karriere nimmt Fahrt auf. Als im darauffolgenden Dezember das Video zu »Martyrs« erscheint, kündigt er seinen Job. »Seitdem rollt der Zug. Mit Volldampf«, fasst er seine Entwicklung im Rückblick auf diesen Schlüsselmoment zusammen.

»The Water[s]«, das siebte kostenlose Digitalrelease in Micks Diskografie, für das »Martyrs« nur ein Vorbote ist, wird nach seiner Veröffentlichung im August 2014 von Kritikern in höchsten Tönen gelobt. Pitchfork spricht von einer Ode an Kendrick Lamars »Sing About Me, I’m Dying Of Thirst« und »Swimming Pools (Drank)« auf Mixtapelänge, Earl Sweatshirt outet sich auf Twitter als Fan. Es folgen Zusammenarbeiten mit Pro.Era sowie ein Gastslot auf der »Smoker’s Club«-Tour von Redman, Method Man und B-Real. Kritikerliebling zu sein, bedeutet Jenkins allerdings wenig. Den Titel dürfte der 24-Jährige jedoch auch mit seiner nächsten EP »Wave[s]« nicht ablegen: Die ersten beiden Singles, das von Lee Bannon produzierte »Alchemy« und »P’s & Q’s« auf einem Kaytranada-Beat, sorgten erneut für digitalen Beifall. Gleichzeitig beweist Jenkins, ähnlich wie Ab-Soul oder Big K.R.I.T., dass er eine Formel gefunden hat, die lyrische Dichte mit eingängigen Hooks und avantgardistischen Klangentwürfen kombiniert. »Rapper, deren Songs ähnliche Themen wie meine behandeln, neigen dazu, zu predigen. Das wirkt auf den Hörer schnell erdrückend«, analysiert Jenkins die Herangehensweise ans Texten. »Ich verzichte nach Möglichkeit auf Sprache, die nach erhobenem Zeigefinger klingt.« Dass Micks Talent mehr auf Cleverness denn auf Klugschiss basiert, dürfte ihm jedenfalls noch so manche Tür öffnen.

»Wave[s]« erscheint am 21. August, steht aber ab sofort im Pre-Listening zur Verfügung.

Foto: Trash Hand

Dieses Feature erschien in unserer »HipHope«-Reihe in JUICE #168 (hier versandkostenfrei nachbestellen).
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