KMN Gang: »Guck dir die Deutschrap-Szene vor uns und nach uns an: Da wurde viel übernommen.« // Titelstory

Granit, Yacine, Ali und Ghassan haben Deutschrap innerhalb eines Jahres umgekrempelt. Plötzlich wollen alle so klingen wie sie. Denn endlich dürfen Melodien dominieren, wechseln sich Rap und Gesang wie eingespielte Zwillingsbrüder ab. Heute nennen sie sich Azet, Miami Yacine, Nash und Zuna und sind als KMN Gang die wichtigsten Straßenrapper zurzeit. Kein Track wurde 2016 so oft gespielt wie Yacines Puderhymne »Kokaina«, und kaum eine Crew macht sich derzeit rarer. Deswegen sind wir nach Dresden gefahren, wo seit dem Start vor acht Jahren die Heimat von KMN liegt. Als erstes Medium überhaupt konnten wir mit allen beteiligten Künstlern sprechen.

Alles ist schön! Das sagt selbst Fotograf Sascha Haubold, der am bisher wärmsten Tag des Jahres Ende Mai mit nach Dresden gefahren ist, um fast die komplette KMN Gang abzulichten, und der eine kaputtere Gegend erwartet hatte; fast alles, weil Azet derzeit in einer Kleinstadt, knapp zwei Stunden von uns entfernt, im Gefängnis sitzt. Aber Miami Yacine, Nash und Zuna sind gekommen, strecken sich zwischen den erstrahlenden Dresden-Prohliser Plattenbauten in der Sonne. Es herrscht Vorort-Feeling, kein Brennpunkt-Flair. Alles blüht, alles grünt. Schön eben. Die Platten­bau-Tristesse, die in vielen KMN-­Videos aufgegriffen wird, wirkt an diesem Tag nicht wie Plattenbau-Tristesse, sondern wie ein Ort, an dem es sich gut leben lässt. Die vielen Arbeitslosen, die Untoten auf Chrystal Meth, die Kleinkriminellen und radikalen Rechten, die hier ebenfalls anzutreffen sind, verschwinden hinter der glanzpolierten ­Fassade. Dem Frühling sei Dank.

Irgendwann aber, da offenbaren sich die Details, die zeigen, dass es hier nicht immer so ist. Drei Männer mit aufgedunsenen Gesichtern sitzen lallend und biertrinkend vor einem der Hochgeschosser. Ihre Blicke sind leer, ihre Haut glänzt gelblich. An einer Laterne vor dem Hauseingang, an dem auch das Video zu »Kokaina« von Miami Yacine gedreht wurde, klebt auf halber Höhe plakativ ein »Fuck Antifa«-Sticker.

Dann stehen wir da, mit der KMN Gang; genau ein Jahr, nachdem wir sie das letzte Mal in Dresden besucht haben. Azet war damals noch in Freiheit, seine EP »Fast Life« gerade erschienen und Miami Yacine offiziell noch kein Teil der Gruppe. Es war die Zeit des großen Brodelns, als die Künstler schon viele auf dem Radar hatten, sie mit ihrem Hybrid aus Trap-Ästhetik, Reggaeton, Franz-Rap-Elementen und der Musik der Maghreb-Staaten schon einige Ausrufezeichen gesetzt hatten. Doch anders wurde alles erst ab dem 09. September 2016: Da wurde das Video zu Miami Yacines Track »Kokaina« veröffentlicht, und urplötzlich verdichtete sich alles zur einer Riesenwelle, die bis heute nicht gebrochen ist. »Kokaina« zählt zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe knapp 73 Millionen Aufrufe, ist nach Sidos »Astronaut« das zweiterfolgreichste Deutschrap-Video aller Zeiten auf Youtube. Und auch Zuna, der mittlerweile sein Album »Mele 7«, das erste KMN-Mammutprojekt unter Beobachtung der großen Öffentlichkeit, veröffentlicht hat, brach Rekorde. Zeitweise war er mit knapp 1,7 Millionen monatlichen Hörern auf Spotify der erfolgreichste deutsche Künstler – noch vor Raf & Bonez.

Die trügerische Ruhe in Prohlis passt zu KMN. Denn obwohl ihrer Musik auf den ersten Blick etwas Positives anhaftet, auf Beef und Stress verzichtet wird und die Videos in knalligen Farben erstrahlen, werden sie im Hintergrund noch immer von den Straßenangelegenheiten verfolgt, die lange Zeit im Vordergrund standen. Nash und Azet mussten beide ins Gefängnis, Zunas Album verschob sich, weil die Polizei bei einer Hausdurchsuchung im Studio alle Daten einkassierte, und Konzerte der Gang mussten abgesagt werden, weil Yacine, der einzige Nicht-Dresdner, in Dortmund seine Differenzen hatte. Doch davon ist heute nichts zu sehen. Fast nichts. Einmal nähert sich uns während des Shootings ein Polizeiauto, bleibt stehen, wir werden daraus beobachtet. Und es passiert: nichts. Wir verziehen uns mit Nash, Miami Yacine und Zuna trotzdem lieber in ihre neu eröffnete »Fast Life«-Shishabar, um die komplette KMN-Historie aufzurollen. Denn obwohl sie gerade zu den wegweisendsten Deutschrapkünstlern überhaupt gehören, hat es lange gedauert, bis der Erfolg kam. Davor: Knapp zehn Jahre Musikmachen unter prekären Bedingungen.

Doch irgendwann vor den aufgetischten Fleischbergen in der Bar, vor dem langen Gespräch, vor all dem, klingelt ein Telefon. Azets Stimme erklingt: »Dicker, ich bin gerade am Fasten und habe den ganzen Tag noch nichts gegessen…«

Azet
Foto: HEKS Sascha Haubold

Azet im Interview: »Ich war einfach im Gefängnis und die Zellentür war zu. Aus meinem Namen wurde eine Nummer – fertig.«

Seitdem du 2016 inhaftiert wurdest, ist der KMN-Hype erst so richtig ausgebrochen. Bekommst du davon überhaupt was mit?
Azet: Nein. Du hast deine Leute, mit denen du cool bist, und das war’s. Du kannst maximal in der Telefonzelle mit der Außenwelt sprechen. Das habe ich auch gemacht und nur gehört, mit wem die Jungs so unterwegs sind oder wie viele Millionen Klicks es mal wieder gab.

Schreibst du im Gefängnis?
Azet: Ja, schon. Ich habe Melodien im Kopf, die ich mir merke. Dann rufe ich direkt meine Mutter oder meine Geschwister an und sag ihnen, dass sie die mit ihren Handys durch den Hörer aufnehmen sollen. Wenn ich rauskomme, kann ich die dann verwenden. Das Problem ist aber, dass du viel mit dem Gefängnisalltag beschäftigt bist. Bei uns sind so fünf, sechs Albaner im Trakt. Das sind ältere Leute, mit denen ich Zeit verbringe. Wenn du da anfängst zu schreiben, dann lachen die dich aus. (lacht) Trotzdem mache ich natürlich was und habe schon ordentlich Texte fertig bekommen. Es ist allerdings noch nicht sicher, wann ich rauskomme. Aber ich habe viel vorbereitet und werde auf jeden Fall nachlegen.

Vor zehn Jahren, als du angefangen hast zu rappen, war daran noch nicht zu denken. Dann hast du Nash getroffen.
Azet: Wir haben in Dresden immer alle bei McDonald’s abgehangen. Irgendwann ist einer von Alis [Nash; Anm. d. Verf.] Rapperkollegen vorbeigekommen und wollte gegen mich battlen – der hatte immer so eine fette Silberkette an. Er kam jedenfalls an, und ich habe den mit meinen Lines so richtig zerstört. Der war korrekt, hat auch gemerkt, dass ich was draufhabe. Der hat mich irgendwann Nash vorgestellt, und wir haben uns gegenseitig was vorgerappt. Er wollte sofort mit mir zusammen das Ghetto-Stars-Ding [Die Crew, aus der später KMN hervorging; Anm. d. Verf.] durchziehen, aber hat sich dann einfach vier Wochen lang nicht gemeldet. Ich wusste gar nicht, was abgeht. Er hatte ja eigentlich zugesagt. Nach vier Wochen bin ich einfach zu ihm gegangen. Dann ging es los.

Und jetzt, nach vergeigten Auftritten im Jugendzentrum, deinem Album »Malboro«, das nie erschienen ist, und dem ganzen Stress, ist der Erfolg plötzlich da.
Azet: Dicker, das ist ein Film! Du musst dir vorstellen: Gerade war ich in der Schweiz, habe in Luzern ein Konzert gegeben. Der Club war komplett ausverkauft, obwohl keiner daran geglaubt hatte, dass wir überhaupt was reißen. Das war drei Wochen, bevor ich in Haft gekommen bin, Ende Oktober letzten Jahres. Da war die Nimo-Tour, auf der wir Support gespielt haben, fast zu Ende. In Luzern habe ich dann gar nicht geschlafen, bin um vier Uhr direkt zum Flughafen nach Zürich und von dort nach Pristina geflogen. Dort habe ich zehn Tage mit Fati geackert und das Video zu »Patte fließt« gedreht. Danach bin ich zurück, meine Anwältin rief samstags noch an, dass ich mich Dienstag stellen müsste, um in Haft zu gehen. Ich bin von Pristina also wieder nach Zürich, musste noch ein neues Ticket holen, weil ich den Flug verpasst habe, und dann ging es gleich weiter nach Düsseldorf und von da nach Dresden. Dort habe ich noch kurz mit meiner Mutter gegessen und gechillt, dann kam uns Raf im Studio besuchen, und am nächsten Tag war ich weg. Ich war einfach im Gefängnis und die Zellentür war zu. Aus meinem Namen wurde eine Nummer – fertig.

Wie ein Albtraum …
Azet: Manchmal dachte ich wirklich, ich hätte das alles nur geträumt. Wenn du ein oder zwei Monate da drin warst, passt du dich ja an. Du kommst da klar, das ist alles nicht mehr so hardcore, wie es vielleicht früher mal war. Aber wenn der Kontakt nach außen fehlt, glaubst du echt, das war nur eine Illusion. Schon als kleiner Junge, als ich mit dem Musikmachen angefangen habe, hatte ich immer diese Rapperträume: Dass ich vor einer riesigen Bühne stehe. So einen Traum hatte ich in der Zelle wieder. Also ich, der auf der Bühne steht und sein Geld mit Musik verdient. Am nächsten Morgen dachte ich nur: »Alles klar, Dicker. Hier sind nur Gitter vorm Fenster, Leute schreien rum oder schieben sich Drogen hin und her. Du hast nur geträumt.«

»Da drinnen ist auch nichts mehr krass. Da sind Leute, die haben Menschen zerstückelt. Das ist passiert.«

Kann man in so einer tristen Zelle wirklich kreativ sein?
Auf jeden Fall! Du hörst so viele Geschichten von Leuten. Alles, was es draußen nicht gibt, gibt’s da drinnen.

Was denn zum Beispiel?
Azet: Es gibt einen Typen, der durchgedreht ist und seine Mutter umgebracht hat. Der sitzt da drinnen und regt sich auf, dass ihn seine Familie nicht besuchen kommt. Solche Leute bekommst du da mit. Da wirst du natürlich kreativ. Ein anderer hat einen riesigen Coup gemacht, und mit diesen Charakteren, die crazy ablaufende Leben hatten, hast du da zu tun. Das macht die Sache spannend. Aber sobald du alle Geschichten gehört hast, wünscht du dir eigentlich nur, dass du von diesen ganzen Scheißtaten, die Menschen begangen haben, irgendwie Abstand nehmen kannst. Da drinnen ist auch nichts mehr krass. Da sind Leute, die haben Menschen zerstückelt. Das ist passiert. Draußen fragen sich dann alle, was bei denen im Kopf falsch läuft.

Du fastest gerade. Ist der Glauben für dich im Gefängnis wichtiger geworden? Der ist ja auch eine Art Selbsttherapie.
Azet: Ich habe mir fest vorgenommen zu fasten, glaube aber nicht, dass der Glaube krasser geworden ist. Man wird mehr daran erinnert, dass es da noch was gibt, aber das ist etwas Privates, das ich mit mir selbst ausmache. Das war schon immer wichtig für mich und ist ein Teil meines Lebens. Der Glaube begleitet mich – egal, wo ich bin. Das muss man nicht an die große Glocke hängen.

Und der Glaube an die Musik, der war immer da?
Azet: Ich sage dir ehrlich: Wir wussten, dass es abgehen wird. Wir haben es schon damals zu Ghetto-Stars-Zeiten gewusst. Ich habe einen Song aufgenommen, sofort Ali angerufen und gesagt: »Morgen sind wir Stars!« Im Leben gibt es einen gewissen Punkt, nach dem du, wenn du viel Scheiße gefressen, gesehen und erlebt und trotzdem an deinem Ziel festgehalten hast, was erreichst. Die Frage ist nur: Wann? Du musst einfach dranbleiben. Viele Leute geben zu schnell auf. Bei uns war das nicht der Fall.

Weiter geht’s auf Seite 2: »Dann kam David Guetta und hat HipHop gefickt.«

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