KMN Gang: »Guck dir die Deutschrap-Szene vor uns und nach uns an: Da wurde viel übernommen.« // Titelstory

Zeigt ihr euch die neuen Tracks immer gegenseitig?
Nash: Es ist wichtig, dass die Gang es feiert. Und dann geht’s ab.
Zuna: Bei uns macht keiner Alleingänge.

Neben dem musikalischen Aspekt gab es immer wieder Gefängnis-Geschichten. Nash saß ein, Azet sitzt wieder. Das hat auch zu eurer Mythenbildung beigetragen, oder?
Nash: Das ist schon richtig, aber es ist eben unsere scheiß Realität. Mein Bruder sitzt ja auch im Knast. Ihm drohen zehn Jahre. Das sind reale Probleme. Und dass es in der Öffentlichkeit eine so große Rolle einnimmt, das kann sein. Aber was sollen wir machen? Das ist unser Leben.
Zuna: Mit #FreeAzet konnten wir den Leuten, die wissen wollten, wo er plötzlich hin ist, zum Beispiel erklären, was abgeht.
Nash: Vielleicht unterhält das die Leute auch. Für uns ist das aber kein Stilmittel, sondern ein wirkliches Problem. Mir drohten sieben Jahre Haft. Eigentlich wäre ich jetzt noch drinnen. Als wir schon mit Mucke Erfolg hatten, waren wir alle noch überhaupt nicht safe. Jetzt versuchen wir aber einfach Musik zu machen und damit erfolgreich zu sein. Das kann uns rausholen aus der Scheiße.

Könnt ihr nachvollziehen, warum Rapper das Knast-Ding so glorifizieren?
Nash: Natürlich kann ich das nachvollziehen. Wir verharmlosen das ja auch. Knast war für mich die gechillteste Zeit meines Lebens. Du hast keinen Hustle.
Miami Yacine: Aber deine Gedanken fressen dich da auf. Der enge Raum spielt nicht mal so eine große Rolle – was in deinem Kopf vorgeht, das ist schlimm.
Zuna: An alle Kinder: Geht nicht in den Knast! (alle lachen)

»Mele7« wurde auch verschoben, weil die Polizei bei einer Hausdurchsuchung im Studio alle Datenträger mit den Tracks mitgenommen hat. Was war da los?
Zuna: Die sind gekommen, haben Sachen gemacht, die sowohl für die als auch für uns sinnlos waren, Alter.
Nash: Die wollen einfach nur nerven, Mann. Das Ding ist, dass wir in Dresden den Staatsbehörden ein Dorn im Auge sind. Die gönnen uns nichts, die platzen einfach bei uns rein, weil es sie nervt, dass wir Erfolg haben.
Zuna: Das ist für Außenstehende nicht mehr begreifbar.
Nash: Es ist auch eine persönliche Sache geworden. Mein Bruder ist im Knast, weil bei uns im Keller Koks gefunden wurde. In dem Haus wohnen so viele Leute, jeder kann da sein Zeug ablegen, aber sie verhaften einfach meinen Bruder. Weißt du, womit sie das begründet haben? Die Staatsanwaltschaft hat geschrieben, dass er ja im »Kokaina«-Video aufgetaucht ist. Deswegen hat er sicher was mit Kokain zu tun. Ich habe das Gefühl, dass sie Hass auf uns schieben. In meinem Fall wurden zum Beispiel entlastende Zeugenaussagen unterschlagen. Das kam zum Glück raus, und der Hauptkommissar konnte nichts mehr sagen. Aber dann gibt’s für ihn maximal eine Abmahnung, und bei mir stehen scheiß sieben Jahre auf dem Spiel.

»Das Haus war eine Ruine. Im Winter sind die Fenster und Türen eingefroren, und ich musste die erst mal aufbrechen, damit ich zur Schule kommen konnte.«

Dein Bruder gehört, obwohl er keine Musik macht, auch zur KMN Gang. Was seid ihr eigentlich: eine Crew, ein Label?
Nash: Ein Freundeskreis. Familie, Dicker. Rap ist jetzt für uns alle eine Chance, aber am Freundeskreis hat sich seit Jahren wenig geändert.

Heute waren wir auch an einem fertig gebauten Haus, in dem Nash mittlerweile wohnt. Früher habt ihr als Gang da auch schon alle abgehangen, aber es gab nicht mal fließend Wasser.
Nash: Zu dieser Zeit war jeden Tag nach der Schule Baustelle angesagt. Meine Eltern sind damals nach Brandenburg gezogen, weil sie einen deutschen Pass brauchten und die Ausländerbehörde dort kulanter war. Aber ich habe gesagt: »Ich ziehe nicht nach Brandenburg. Ich habe hier meine Crew und muss rappen.« Deswegen bin ich ein Jahr alleine dort geblieben. Das Haus war eine Ruine. Im Winter sind die Fenster und Türen eingefroren, und ich musste die erst mal aufbrechen, damit ich zur Schule kommen konnte. Aber ich habe das gar nicht als so abgefuckt wahrgenommen. Ich konnte machen, was ich wollte, hatte dort mein Mic und habe immer nachts aufgenommen. Irgendwann kamen Zuna und Azet dazu.

Habt ihr überhaupt mal versucht, was anderes als Rap zu machen? Azet hat ja zum Beispiel eine Ausbildung abgeschlossen.
Nash: Wir haben studiert. Ich hatte auch wirklich Lust darauf.
Zuna: Ich habe Bauingenieurwesen mit Nashs Bruder angefangen, aber der ist dann in den Knast gegangen. Dann hatte ich keinen Bock mehr.
Nash: Wir hatten da mega Probleme. Ich konnte nicht ruhig zu Hause sitzen und noch einen Vortrag fertigmachen. Mein Leben hat es einfach nicht zugelassen. Ich hätte auch Lust, das noch mal anzugehen, werde aber bald 26 und weiß nicht, ob das irgendwann mit 30 noch mal sein muss.
Zuna: Aber für was auch? Ich höre mir doch jetzt nicht mehr fünf Jahre was von irgendwelchen Typen an, wenn ich auch Musik machen kann.
Miami Yacine: Das ist jetzt unsere Arbeit. Ich habe auf einem Kolleg noch mein Abi gemacht, aber schon da Probleme gehabt. Musik war wichtiger, eigentlich die einzige Konstante.
Nash: Wir haben Rap immer geliebt.
Zuna: Die Befriedigung, die du hast, nachdem ein Song fertig geworden ist, ist einfach mit nichts zu vergleichen. Wenn ich einige Monate keinen Song aufnehme und chille, dann bekomme ich Depressionen.
Nash: Du bist ja ein Rapper, Mann. Das darfst du nicht vergessen.

Ist euch HipHop als Kultur eigentlich wichtig?
Zuna: Das ist nicht so mein Ding.
Nash: Der Community-Gedanke ist gut, aber wir sind unsere eigene Community.
Miami Yacine: Ich finde das schon trotzdem cool.
Zuna: Ja, aber wir verkrampfen uns nicht darauf.
Nash: Yacine und ich wissen auch Bescheid über HipHop. Er ist da ganz tief drinnen. Letztens hat er sogar den einen von Massive Töne wiedererkannt.
Miami Yacine: (lacht) Schowi. Das war auf der Releaseparty von Bausa. Der kam rein, und niemand wusste, wer das ist. Aber ich habe ihn an seiner Stimme erkannt und dann darauf angesprochen. Als Einziger. Das haben wir beide gefeiert! ◘

Text: Johann Voigt
Foto: Sascha »HEKS« Haubold

Dieses Interview erschien erstmals als Titelstory in JUICE #181 (hier versandkostenfrei nachbestellen).

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