Klamaukrap und Primark-Hoodies // Kommentar

Klamaukrap
 
Im Jahr 2003 verklagte die amerikanische Schnulzenkönigin Barbra Streisand einen Fotografen, der Bilder von Küstenerosionen ins Netz stellte, auf 50 Millionen US-Dollar. Grund dafür: Auf einem der 12.000 Fotos der Küste Kaliforniens war ihr Haus zu erahnen. Die vollkommen uninteressanten und bis dahin unbeachtet gebliebenen Bilder wurden daraufhin massenhaft im Internet verbreitet. Seitdem gibt es den sogenannten »Streisand-Effekt«, der laut Wikipedia ein Phänomen bezeichnet »bei dem der Versuch, eine unliebsame Information zu unterdrücken, öffentliche Aufmerksamkeit nach sich zieht und dadurch das Gegenteil erreicht wird, nämlich dass die Information einem noch größeren Personenkreis bekannt wird«. Insofern sollte man sich zweimal überlegen, ob man über all die überflüssigen Klamaukrapper schimpft, die mit ihren Sami-Slimani-Fressen und Primark-Hoodies das Netz überschwemmen. Aber wenn man als Autor deprimiert in seiner unbeheizten Crackküche sitzt, mit dem Butterfly herumspielt und ein Video entdeckt, auf dem offenbar ein unehelicher Sohn von Sierra Kidd eine Schlumpfversion von Emorys romantischsten Wiesenhits zum Besten gibt, schmeißt man plötzlich doch den überfüllten Aschenbecher an die Wand, krempelt die Ärmel seines Westcoast-Hemdes hoch und klappt den veralteten Laptop auf.

 

Man kann ja durchaus der Meinung sein, dass Olson es doch lieber mal als Abercrombie&Fitch-Model versuchen sollte. Oder ihn aber für den Glanz und die Glorie feiern, mit der er sein Großstadtleben stilisiert. Das ist Geschmackssache. Aber es gibt Grenzen. Wie Grim104 bereits bemerkte: »Ist schon schlecht, geht bestimmt noch schlechter/Ist schon wirklich wack, aber geht bestimmt noch wacker.« Als Beispiel soll hier ein Triumvirat des schlechten Geschmacks besprochen werden. Zu dem gehört zum Beispiel der sogenannte SpongeBOZZ, der eine ganze Armada von ehemaligen Pokemonkartensammlern dazu ermuntert hat, sich in Kommentarspalten darüber zu streiten, ob der rappende Schwammkopf ein ehemaliger Back-up von Kollegah, der Boss persönlich oder vielleicht doch die Drittidentität von Karuzo ist, der ja in seiner Freizeit bekanntlich als DCVDNS durch das Land tourt. Was der zahnlosen Kartoffel seine Chemtrails und den Azzlack-Kids ihre Bilderberger sind, das ist dem Clearasil-Benutzer aus der Kleinstadt die Rap-Verschwörung der Internetstars. Und weil man sonst nicht wirklich viel zu tun hat, ermüden sich die Anhänger der jeweiligen Lager in endlosen Youtube-Diskussionen, bis sie ausgelaugt auf ihre Betten sinken und die Hanuta-Fußballsticker auf den Spanplattentüren anstarren, die das eigene Reich begrenzen.
 

Bleiben noch die speckbeinigen Mädchen. Aber auch für die wurde gesorgt, zum Beispiel in Form von verirrten Wesen wie Kayef. Falls jemand nicht weiß wer das sein soll, hat er entweder keine Kinder aus Bottrop-Kirchhellen oder ist einfach noch nicht vollkommen verblödet. Für alle anderen gilt meist das Prinzip Modern Talking: »Kenn ich, aber nur weil’s so krass scheiße ist.« Das Konzept ist auch hier relativ einfach: Die ebenfalls speckbeinigen, minderjährigen und von den Interpreten angehimmelten Darstellerinnen der filmischen Meisterwerke aus der Kayef’schen Videoschmiede verkörpern das idealisierte Ebenbild der Zuschauerinnen und entführen selbige damit in die heile Welt der stupiden Romantik, jenseits vom Ärger mit der Mutti und den eigenen Unzulänglichkeiten aufgrund der beginnenden Pubertät und der gerade einsetzenden, intellektuellen Perspektivlosigkeit. Mit dem immer größer werdenden kommerziellen Erfolg von Rap und der wachsenden gesellschaftlichen Akzeptanz von Rappern, die auch die Mutti gut finden kann, haben die Boygroup-Darsteller der Vergangenheit mittlerweile ausgedient.
 
Vorgelebt hat dieses Konzept der musikalisch und kommerziell selbstverständlich in ganz anderen Sphären als Kayef schwebende Cro. Die Unschuld versprühende Pandamaske in Verbindung mit dem gern zur Schau gestellten »Einmal die Woche zum Training«-Bizeps, hat der Boybandisierung der Raplandschaft ungewollt den Weg geebnet. Die Siebtklässlerinnen der Nation brauchen den Schmuserapper nicht zu fürchten und können ihre aufkeimenden Phantasien hervorragend auf das Unschuldslamm aus Stuttgart projizieren. Seine weniger talentierten Nachahmer sind jedoch der Meinung, ein wenig Autotune, eine Facebookseite mit Dalai-Lama-Weisheiten und ein paar Zeilen à la »Ich mach die Augen auf und merke es ist alles wahr/Babe du fühlst dich gut an, alles ist so wunderbar« reichen aus für Fame, Geld und Babes. Womit wir bei dem dritten Exemplar der Gattung »Mein Bausparvertrag ist gut genug für uns beide, Schatz« wären. LIONT, die perfekte Inkarnation des harmlosen Nichtskönners aus dem Speckgürtel. Auf den Takt rappen war gestern, was zählt, ist die ungewollte Verballhornisierung des Metiers Rap und der ungeübte Schlafzimmerblick, der es jedem zweitklassigen Marlon-Brando-Imitator kalt den Rücken runterlaufen lässt. Die Klickzahlen der LIONT-Videos lassen einen am Verstand der Generation Facebook zweifeln, der nächste Aschenbecher fliegt an die Wand. Diese Verwirrung der Jugend, aufgrund von körperlichen und seelischen Umbrüchen mag man ja noch verstehen, ihre Auswüchse jedoch lassen einen von einer neuen Bewegung träumen. Wie wäre es statt eines rassistischen Mobs in Dresden mit einer Protestbewegung namens KOREGEVEDI: Kopfnickende Realkeeper gegen die Verblödung des Internets. Motto: Wirr ist das Volk!

 
Text: Juri Sternburg
 
Dieser Kommentar ist erschienen in JUICE #166 (hier versandkostenfrei bestellen)
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