Kings Of HipHop: Rick Rubin // Feature

Foto: Bryan Sheffield

GOING BACK TO CALI / DEATH OF DEF

»Scared Shitless« bleibt nicht der einzige Film, den Rick vergeigt. Nachdem »Krush Groove« 1985 die Label-Geschichte mit Rubin in einer Hauptrolle aufarbeitet und heute als rares Zeitdokument gefeiert wird, wächst ihm als Chaosregisseur der urbane Spaghettiwestern »Tougher Than Leather« über den Kopf. Der Trash-Streifen über Run DMC und die Entführung ihres Tourmanagers gerät kommerziell und künstlerisch zur Lachnummer. Für die Arbeit am »Less Than Zero«-Soundtrack weilt er 1988 in Kalifornien, verliebt sich in die Pornodarstellerin Melissa Melendez und die Landschaft.

Mit dem Umzug an den Pazifik endet Rubins HipHop-Ära vorzeitig. Er gründet das neue Label American Recordings und beerdigt am 27. August 1993 das Kapitel Def in einer aufwändigen Zeremonie für alle Ewigkeit. Als Rubin erfährt, dass das Wort im Webster-Wörterbuch als Slang-Ausdruck für cool aufgenommen wurde, also gesellschaftlich akzeptiert ist, trägt er den Begriff wortwörtlich zu Grabe. Öffentlichkeitswirksam lädt er dutzende Prominente ein. Bushwick Bill von den Geto Boys, für die Rubin gerade noch an einem Remix-Album arbeitete, trägt den Sarg. Pastor Al Sharpton hält die ernstgemeinte Predigt: »Def died of terminal acceptance. When we bury Def, we bury the urge to conform.« Der Punk in Rubin stirbt nie, aber ein wichtiger Teil fällt ihm danach vom Herzen: die erzwungene Coolness. Die große provokative Pose braucht es mit dem Ende von Def nun nicht mehr.

Die Intuition, mit der Rubin einwirkt und selbst Egomanen zu emotionalen Höchstleistungen treibt, ist in der Musikwelt beispiellos

In L.A. lernt Rick die Red Hot Chili Peppers kennen, die nur ihr exzessiver Heroinkonsum vom Durchbruch abhält. Unter seiner Regie verschanzt sich die vierköpfige Funktruppe, die er für die neuen Beach Boys hält, in der sagenumwobenen The Mansion in den Hollywood Hills, die Rubin später kauft. »Blood Sugar Sex Magik« wird 1991 eines der ersten Klassikeralben des neuen Jahrzehnts und gilt bis heute als wichtigstes Werk der Peppers. Die Freundschaft zur Band zieht sich bis über sechs Alben und ist die intensivste Bindung, die Rubin nach den Beastie Boys mit einer Band eingeht. Die schicksalhafteste aller Begegnung hat Rubin aber erst mit Johnny Cash, der sein Dasein als abgehalfterter Country-Star auf Betriebsfeiern fristet – und in dem kein Album mehr zu stecken scheint. Rubin päppelt The Man In Black wieder auf: Mit schlicht instrumentierten Coversongs haucht er der Legende neues Leben ein. Gemeinsam nehmen sie von 1994 bis zu Cashs Tod 2003, den er mit »Hurt« vorwegnimmt, die fünfteilige »American«-Reihe auf.

Diese Methode der wahrhaftig spirituellen Auferstehung, das Produzieren als Coachen, wendet Rick später ähnlich bei Neil Diamond, den Dixie Chicks, Tom Petty und auf »Renegades«, dem letzten (Cover-)Album von Rage Against The Machine, an. Zuletzt bescherte er sogar den Metallgöttern Black Sabbath ein hochgelobtes Alterswerk. Nach seinen Aufträgen für Slayer ist Rubin eine gestandene Rockkoryphäe. Bei American Recordings verschlankt er den The-Misfits-Sänger Glen Danzig zum Soloprojekt Danzig, verschafft dem misogynen Meta-Komiker Andrew »Dice« Clay eine Goldene Schallplatte und fördert ihn 1990 zum ersten Comedian, der den Madison Square Garden ausverkauft. 1992 produziert er seine einzige Nummer eins für einen Rapper – den zweiterfolgreichsten Song des Jahres in der USA: »Baby Got Back« von Sir-Mix-a-Lot. Ein Rubin-Konstrukt wie es im Buche steht, mit sexistischem Slick Talk knapp über Ballermannniveau und einem Chorus für Millionen, den Nicki Minaj 2014 auf »Anaconda« zum Welthit reanimiert.

MEDITATION, COACHING & LIFE

In den Zweitausendern findet der Buddhist zurück zur Meditation – und seine innere Mitte. Nach »Californication«, dem dritten Album der Red Hot Chili Peppers, das sich weltweit über 15 Millionen mal verkauft, gelingt ihm mit System Of A Down der nächste Coup. Die armenisch-kalifornische Heavy-Metal-Band verkauft mit Rubin über 40 Millionen Alben und liefert mit »Toxicity« (mal wieder) den Soundtrack einer vergessenen Generation, die sich nach dem 11. September zunehmend politisiert. Spielte er für die Grunge-Jahre der Mittneunziger kaum eine Rolle, feiert ihn die Alternative-Szene nun als Helden. Aufträge von Limp Bizkit, Slipknot und Linkin Park nimmt Rubin aber erst an, als sich die Bands in der kommerziellen Irrelevanz verirrten. Auch die HipHop-Szene vergisst seine Verdienste nie.

2003 besucht ihn Jay-Z in der berüchtigten Spuk-Mansion in Hollywood, um »The Black Album« aufzunehmen. Für das vermeintlich letzte Album seiner Karriere will Jay zurück zur Essenz seiner Karriere – und der Essenz von Rap. »99 Problems« übersetzt den frühen Def-Jam-Geist in die Nullerjahre, ist Rubin in Rein- und Jigga in Höchstform. Billy Squiers häufig zitierter »Big Beat« liefert das Rückgrat zu einem HipHop-Lehrstück für die Geschichtsbücher. Rubin haut einige Jahre später noch eine ähnliche Retro-Rutsche raus und wird für »Classic (Better Than I’ve Ever Been)« mit Nas, KRS One und Kanye West (auch wenn der DJ-Premier-Remix der eigentliche Hit war) 2007 sogar für einen Grammy nominiert. 2011 greift dann Eminem für den zweiten Teil seiner »The Marshall Mathers LP« auf die Achtziger-Analogien des Großmeisters zurück.

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