Kings Of HipHop: Clipse


Der Weg von Raekwon zu Rick Ross führt nur über zwei Brüder aus Virginia Beach. Malice und Pusha T haben die fremde, ewig faszinierende Welt zwischen schnellem Geld und langsamem Niedergang treffender beschrieben als jeder andere Rapper vor oder nach ihnen. Sie haben einen lupenreinen Klassiker im Katalog und echte Hits geschrieben, die auch heute noch so radikal und revolutionär klingen wie am ersten Tag. Der endgültige Durchbruch ist ihnen dennoch stets verwehrt geblieben. Zeit für eine Würdigung.

Die Geschichte von Gene und Terrence Thornton ist eine Geschichte von knappen Niederlagen und miserablem Timing. Mit ihrem ersten Album »Exclusive Audio Footage« waren sie Ende der neunziger Jahre ihrer Zeit so weit voraus, dass ihr Label den Schwanz einzog und die Platte nach zwei mäßig erfolgreichen Singles wieder vom Veröffentlichungsplan strich. 2002 starteten die Brüder aus Virginia Beach mit »Lord Willin’« schließlich doch von Null auf Platin durch. Doch alle Welt wollte nur von ihren Produzenten sprechen – die Raps tat man leichtfertig als weiteres kleines Soundsteinchen im akustischen Mastermosaik der Neptunes ab. Als sich Malice und Pusha T über den steinigen Umweg von Mixtapes und Features dann endlich als eigenständige Meister ihres Fachs etabliert hatten, geriet ihre beste Arbeit in die langsam, aber zerstörerisch mahlenden Mühlen der ­Großindustrie. Und als 2009 endlich mal alles zu passen schien, hatte sich das Duo längst auseinandergelebt: Mit »Till The Casket Drops« lieferten sie die größte Enttäuschung ihrer künstlerischen Laufbahn.

Das ist die eine Lesart. Die andere geht so: Clipse hatten nie die Gelegenheit, ihre Marke zu verramschen. Stets lavierten sie knapp vor dem endgültigen Durchbruch, und genau das erlaubte ihnen, den kostbaren Status als Geheimtipp auch in jenen Phasen zu wahren, in denen ihre Singles in den Charts und sie selbst mit Justin Timberlake auf der Bühne standen. Bis heute haftet ihnen etwas ausnehmend Aufrechtes, Aufregendes, wahrhaft Legendäres an. Sie sind Ultramagnetic MCs mit Anschlusspotenzial, das Outkast der Straße, der Tribe der Neuzeit. Und wenn sich dieser Tage zarte Anzeichen einer Reunion auftun, ist man eher wohlig gespannt als reflexhaft skeptisch. Selbst wenn Pusha T derzeit Gefahr läuft, sein Talent als Allerweltstrapper zu verheizen, und Malice augenscheinlich ganz woanders unterwegs ist: Ein Clipse-Album wäre auch 2013 dope, genauso wie es 2014 dope wäre oder 2015 oder 2050.

Warum ist das so? Warum haben Clipse einander aus den Augen und ab und an auch mal den roten Faden verloren, nie aber ihren lupenreinen Leumund? Warum fällt immer wieder ihr Name, wenn es um die besten Rapgruppen aller Zeiten geht, obwohl sie nie einen Top-10-Hit hatten, nie einen Grammy gewonnen haben, ja nicht einmal einen Bronzenen Otto für den Supertrapper International? Liegt es an ihrem unfickbaren Beatgeschmack, ihrer doppelbödigen Dopeman-Poesie, dem Furor in Malices brodelnder Stimme, der Verachtung in Pushas renitenten Reimkaskaden? Der Kombination aus all dem?

Mit Sicherheit spielt die sorgsam kultivierte Wagenburgmentalität der beiden Brüder eine Rolle. HipHop war stets eine Rudelkultur, hat sich stets über ein Wir und ein Die definiert, ein Drinnen und ein Draußen. Und wenn aus Clipse auch nicht besonders viel spricht, so doch zumindest eine gesunde Grundskepsis gegenüber der Restwelt. Während sich andere Rapper in ihren Texten als eiserne Schweiger stilisieren und die Snitches gleich reihenweise um die Ecke bringen, gleichzeitig aber jedem Blogger ein klodeckelgroßes Klatsch-Kotelett ans Ohr binden, solange nur ein bisschen Aufmerksamkeit für sie herausspringt, ziehen Clipse das mit der Verschwiegenheit eiskalt durch. Vermutlich sprängen sie eher kopfüber in einen Hochofen oder liefen auch heute noch in einem rosafarbenen Pullover mit aufgedruckten Affen durch Manhattan als in der Öffentlichkeit irgendwelche Interna auszubreiten. Was bitte geht dich, mich oder unsere Timelines an, wie oft und worüber Gene und Terrence Thornton am Telefon sprechen? Eben.

Ein Clipse-Album wäre auch 2013 dope, genauso wie es 2014 dope wäre oder 2015 oder 2050.

Auch mit dem in der Branche so beliebten Ringelpiez mit Anpassen haben Clipse nichts am Hut. Saisonal variierende Solidaritäten hat man von ihnen nicht zu erwarten. Bei den Thorntons wird die No-New-Friends-Regel noch in Ehren gehalten. Und die Nicht-allzu-viele-Old-Friends-Regel auch. Wer zur Familie gehört, gehört zur Familie. Alle anderen gehören zu den anderen. Wenn Malice im Interview erklärt, nur Musik aus seiner Crew zu hören, glaubt man ihm jedenfalls aufs Wort. Und auch Pushas seit einigen Jahren bestehende Zugehörigkeit zur G.O.O.D.-Music-Clique scheint eher dem Wunsch nach bestmöglichen Produktionsbedingungen geschuldet zu sein als dem üblichen Bäumchen-wechsel-dich. Überschwängliche BBF-Bekundungen an Cyhi The Prynce wird man von ihm nicht hören: Er ist halt jetzt bei einer Plattenfirma unter Vertrag.

Mit dieser emotionalen Abschottung zur Außenwelt bei gleichzeitigem bedingungslosen Zusammenhalt untereinander können sich auch solche Leute identifizieren, die ihr tägliches Brot nicht in einer Crackküche, sondern beim Bosch, der Capitol oder der JUICE verdienen. Clipse mögen einen weißen Lambo in der Garage und ordentlich Givenchy im Schrank haben. Vor allem aber haben sie Prinzipien. Ihre Entscheidungen waren nicht immer verständlich, aber immerhin nachvollziehbar, egal ob sie sich nun wie Malice dem Herrgott zuwendeten oder wie Pusha T Strophen von Viertelbegabungen wie Mayalino oder Machine Gun Kelly rausleiern ließen. Dabei muss man die beiden noch nicht mal übertrieben sympathisch finden. Sie sind nicht die Knuddelbären vom Dienst, sondern einfach nur zwei coole Hunde mit Ecken und Kanten und exakt jenem Maß an Überheblichkeit, das guter Rap manchmal braucht. Von Clipse hat noch nie jemand behauptet, sie seien »aber wirklich total nett« oder dass sie sich ganz arg bemühten. Und das ist vermutlich das Beste, was man über ihre Musik sagen kann.

Neben all der Küchenpsychologie ist da nämlich noch ihr Katalog, der tatsächlich über jeden Zweifel erhaben ist. Die vier Alben, vier Mixtapes und ungezählten Gastreime, die Clipse in den zwanzig Jahren ihres künstlerischen Schaffens (mehr oder weniger) veröffentlicht haben, lassen einen auf subtile Weise durchaus teilhaben an ihrer Entwicklung von ignoranten Jungspunden zu krisengestählten Mannsbildern zu tiefenentspannten Genießern und Gottesfürchtigen. Aber wie bei nur ganz wenigen Acts ihres Alters haftet ihrer Musik dennoch nichts Museales, nichts Gesetztes, nichts Kanonisches an. Clipse-Tracks sind fresh per Definition, unmittelbar unterhaltsam und gleichzeitig auf wundersame Weise universell und zeitlos.

Dabei kommt ihnen zugute, dass sie sich nie eindeutig verorten ließen, weder ideologisch noch regional. Pusha und Malice kommen nicht aus Brooklyn, Compton oder Bankhead. Sie kommen auch nicht aus dem Virginia von Timbaland und Teddy Riley, obwohl sich das technisch kaum von der Hand zu weisen lässt. Sie kommen daher, wo Clipse eben herkommen. In diesem Sinne sind sie die Blaupause für ein Phänomen, das heute selbstverständlich ist – man erwähnt ja kaum mehr, dass Mac Miller und Wiz Khalifa aus Pittsburgh kommen, Macklemore aus Seattle und Drake allen Ernstes als Kanada, also allesamt aus Orten, an denen einem HipHop eher im Fernsehen als auf der Straße begegnet. Zwar sind die Thornton-Brüder tatsächlich in der Bronx geboren, aber ihre prägenden Jahre verbrachten sie in Virginia Beach, wo sie die lyrische Finesse der Ostküste ebenso mit der musikalischen Muttermilch aufsogen wie den Swag des Südens. In Virginia wurden sie zu Rap-Fans aus tiefster Überzeugung, nicht aus nachbarschaftlicher Verpflichtung. Sie hörten Public Enemy, weil die auch wütend waren, N.W.A., weil die sich auch einen feuchten Kehricht um Konventionen scherten, und UGK, weil die auch wussten, was ein Gramm Koks kostet (und was es mit einem Menschen anstellen kann). Sie waren nah genug dran, um Rap verstehen, und weit genug weg, um sich ihm wirklich nähern zu können. Und das hört man bis heute an ihrer analytischen Ader, dieser fast mathematischen Präzision, mit der sie ihre Reime im Koordinatensystem von Kick und Snare umherschieben. Wie ihr Freund und Mentor Pharrell tragen sie den Rucksack im Herzen, auch wenn darin vielleicht ein paar Kilo kolumbianischen Schnees zu viel gelagert sind. Und das haben sie nie verheimlicht wie andere, die sich plötzlich zu cool für HipHop waren. Oder anders gesagt: Sie haben den Geist von Kool G. Rap in die Neuzeit gerettet, die Grund­idee von Raekwon mit dem letzten Prozent Glaubwürdigkeit versehen, und die Realitäten von 8Ball & MJG in ein Soundbild übersetzt, das auch Europäern und anderen Erbsenzählern gut ins Ohr geht.

Wie ihr Mentor Pharrell Williams tragen Clipse den Rucksack im Herzen, auch wenn darin vielleicht ein paar Kilo kolumbianischen Schnees zu viel gelagert sind.

»Only know two ways of gettin’ – either rap or unwrap«, sagte Pusha T einst auf »Ultimate Flow«, der Virginia-Version von Lil Kims »Drugs« auf dem Mixtape »We Got It 4 Cheap Vol. 2«. Reime und Päckchen: Mit diesen Koordinaten ist das Universum von Clipse und der Re-Up Gang präzise abgesteckt. In ihrer Musik geht es Kokain im Allgemeinen und um dessen Verkauf im Besonderen. Es geht außerdem um Sniff, Blow, Yay, Snort, Butter, Bricks, Powder, Mujer, Flake, Candy, Cake und White sowie alles, was damit zusammenhängt: die Beutel und die Straßenecken, die Autos und die Uhren, die Argwohn und die Angst. Man kann das borniert nennen oder sogar gefährlich. Schließlich denkt kein Mensch rund um die Uhr ans Schnupfbusiness – schon gar nicht, wenn er sich nebenher Zeilen wie »It’s like tryin’ to fly but they clippin’ your wings/And that’s exactly why the caged bird sings« auszudenken hat. Aber Pusha T und Malice hatten stets die Gabe, einem glaubhaft zu versichern, dass sie genau so, err, ticken. Das macht sie nicht zu besseren Menschen, aber mit Sicherheit zu interessanteren Charakteren.

Zu den vielen Faszinosa rund um Clipse gehört, wie sie alle Glaubwürdigkeitsdebatten stets elegant umschifft haben. »I might sell a brick on my birthday«, rappt Pusha T auf einem seiner aktuellen Solo-Tracks, »Numbers On The Boards«. Das macht ihn entweder zum Lügner oder zu einem kompletten Idioten. Wahrscheinlicher ist Ersteres. Für die Rick-Ross-Ehrennadel in Silber mag ihn dennoch keiner nominieren. Der Pop-Kritiker Diedrich Diederichsen hat einmal über Stephen King geschrieben, er habe die Fähigkeit, Geschichten zu erzählen, die kaum Wirkliches, aber fast ausschließlich Wahres enthielten. Über Clipse ließe sich in Anlehnung an diesen schönen Satz sagen, dass ihre Geschichten wenig Wahres, aber sehr viel Wirkliches enthalten. Clipse sind real, ohne von der Realität zu berichten. Nicht nur an ihrer wohlkalkulierten Wortwahl, auch zwischen den Zeilen – an den Dingen, die sie nicht aussprechen, an den Pausen, Betonungen, Gewichtungen – hört man, dass sie wissen, wovon sie sprechen. Da tut es kaum etwas zur Sache, ob sie tatsächlich auch als Platinrapper von Pharrells Gnaden noch ab und zu Pulver pushen waren, um die Haushaltskasse aufzubessern, wie sie in Interviews immer wieder gerne behaupten. In dem von ihnen inszenierten Kopfkino stimmt jede Einstellung, jeder Schnitt, jede dramaturgische Wendung, jeder Dialog.

Dabei sind die Gangsta-Geschichten von Clipse mehr Doku als Blockbuster; man kann den ­Hustle eher fühlen, als dass man sensations­lüstern auf ihn glotzte wie auf die heillos überzogenen Münchhausiaden von Rick Ross oder das misanthropische Muskelspiel von Chief Keef. Das macht sie zu Coke-Rappern ihrer eigenen Kategorie: weniger ernst als Young Jeezy, aber nicht so comichaft wie Gucci Mane. Nicht so inbrünstig ignorant wie French Montana, aber weit davon entfernt, belehren oder gar bekehren zu wollen. Selbst wenn Malice dieser Tage als No Malice auftritt und in geschriebenem wie gesprochenem Wort seine Rückkehr auf den Pfad der Gerechten nachzeichnet, tut er das nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit firmem Blick auf den Mann im Spiegel. Damit prallt auch die ewige Diskussion über den moralischen Mehrwert von Coke Rap schlicht an ihnen ab. Sie selbst wissen, dass es Ruhmreicheres gibt als den Verkauf von über kurz oder lang todbringenden Betäubungsmitteln an Suchtkranke. Sie haben nie etwas anderes behauptet. Ja, sie haben deswegen sogar ihre Mutter um Verzeihung gebeten: »Mama I’m so sorry, I’m so obnoxious«, rappt Pusha auf einem Stück von »Hell Hath No Fury«. Es ist keine wohlfeile Entschuldigung, denn schon in der nächsten Zeile weigert er sich, die Schuld für sein Verhalten reflexhaft auf seine Umgebung oder ein nicht näher spezifiziertes »System« abzuwälzen: »My only accomplice is my conscience.« Ja, es gibt immer einen anderen, vermutlich besseren Weg. Aber wer kann schon von sich behaupten, den auch stets zu gehen, obwohl es so viel näherliegende, bequemere, hübscher ausgeleuchtete gibt? Derjenige möge urteilen. Aber alle anderen sollten vermutlich anerkennen, dass sich die Dinge in Wahrheit meist unübersichtlicher darstellen als ethische Grundsatzurteile im Franz-Josef-Wagner-Stil. Und dass sich zwischen den Polen »Heiliger« und »Schwerverbrecher« ungefähr sieben Milliarden Menschen tummeln.

Clipse haben das schnelle Geld nie bedingungslos glorifiziert. Wenn sie von ihren Porsches oder ihren Suiten im Delano rappen, dann schwingt im Subtext immer auch Verachtung mit und die Gewissheit, dass alles eitel ist – sie selbst aber eben leider auch. Und wenn sie sich dann doch mal auch explizit den düsteren Seiten des Dealer-Daseins zuwenden, wie etwa auf »Nightmares«, dem epischen Schlussstück ihres Meisterwerks »Hell Hath No Fury«, wiegt das nur noch schwerer. Minutiös beschreiben Pusha und Malice in diesem Song die fiebrige Schlaflosigkeit, die einen schon mal befallen kann, wenn man tagsüber eine lebenslange Haftstrafe in den Hosentaschen spazieren trägt und auch seinen Feierabend mit berufsmäßigen Lügnern und Betrügern verbringt. Man kann zwar seine Päckchen für den Tag loswerden, so die Botschaft, nicht aber jenes, das man selbst zu tragen hat. Dazu legen sich mollweiche Akkorde über die gedämpften Markenzeichen-Drums der Neptunes, wie in ihren besten R&B-Momenten. Es ist der größtmögliche Kontrast zu der offenen Aggression und den minimalistischen, metallenen Neo-Breakbeats, die den Rest des Album prägen. »I’m having nightmares, my niggas say I’m p-noid«, säuselt Bilal in der Hook, etwas platt. Aber in diesem Kontext wirkt es, und Rapmusik lässt sich nun mal nie ohne ihren Kontext denken. »Nightmares« ist genau der Abschluss, den ein Album voller Wut, Hass und Ignoranz brauchte: ein emotionales Blankziehen auf höchstem Niveau – so wie »Der beste Tag deines Lebens«, das bei jedem anderen peinlich banal geklungen hätte, aber eben nicht beim King of Rap auf der Höhe seiner Schaffenskraft.

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